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Zivilcourage:Wann greife ich wie ein?

Beleidigungen oder gar körperliche Angriffe – im Alltag kann es immer wieder Momente geben, die Zivilcourage fordern. Doch wie kann das gelingen? Chaska Stern ist Trainer für Gewaltprävention und klärt auf.
Trainer  Chaska Stern (Mitte) mit Teilnehmenden beim Kurs für  Zivilcourage in Berlin.
Datum:
20. Apr. 2026
Von:
Paula Konersmann

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Montagmorgen, acht Uhr, Sie fahren im Bus zur Arbeit. Alles scheint wie immer – als plötzlich ein Mann aufsteht, schreit und beginnt, eine Frau zu beleidigen. Wie würden Sie in dieser Situation reagieren? Würden Sie eingreifen? Und wenn ja, wie? Chaska Stern gibt Antworten auf Fragen, wie man Menschen in bedrohlichen Situationen helfen kann. Der Trainer für Zivilcourage hatte schon viele Erfahrungen mit brenzligen Situationen. Sein oberstes Credo aber ist: „Kämpfen ohne zu kämpfen“, wie er sagt. Als Trainer für Gewaltprävention vermittelt er deeskalierende Strategien. „Ich will einen Beitrag dazu leisten, dass wir auch bei hochaggressiver Stimmung Konflikte friedlich lösen können.“

Deeskalation startet bei Bewertung von Konflikten

Dabei starte Deeskalation bereits bei der Bewertung möglicher Konflikte. Er unterscheidet bei Momenten, in denen es zum Streit kommen kann, zwischen drei Kategorien. Eine davon sind Ordnungswidrigkeiten, wie Müll auf die Straße zu werfen oder vor Kindern über eine rote Ampel zu gehen. „Für Ordnungswidrigkeiten sind wir nicht unbedingt zuständig. Kleinere Vergehen kann man melden, einschreiten liegt beim zuständigen Amt“, so Stern. Im Zweifel müsse man das aushalten, anstatt sich deswegen möglicherweise in Gefahr zu bringen.

Ähnlich verhält es sich mit Sterns Kategorie der demokratiefeindlichen Aussagen. „Hier ist die Frage: Was ist Meinung und was strafrechtlich relevant?“, fragt Stern. Wenn demokratiefeindliche Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien, müsse man auch das aushalten. Aber: „Eine Gegenrede kann schon sinnvoll und wichtig sein. Auch ein kurzes ,Ich sehe das anders‘ kann zeigen, dass die Öffentlichkeit dagegenhält.“

Anders sieht es Stern bei der Kategorie der Straftaten. Wenn Menschen beleidigt oder angegriffen werden, müsse man eingreifen – „einerseits, um den Leuten zu helfen, andererseits, um sich selbst nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen“, so Stern. Doch wie sollte man in solchen Situationen handeln?

Nicht schnell frontal auf den Täter zugehen

„Zunächst ist die Körpersprache wichtig“, erklärt Stern. „Man sollte nicht schnell frontal auf den Täter zugehen, sich nicht aufbauen.“ Besser sei es, eine seitliche Position zum Täter einzunehmen. Das vermittle eine gewisse Offenheit und wirke nicht bedrohlich. „Man weicht so dem Tunnelblick aus, den Täter entwickeln.“ Dazu sei die Tonlage relevant. „Nach Möglichkeit sollte man freundlich und ruhig bleiben, auch wenn es vielleicht zuerst schwerfällt“, rät Stern. In lauten und unübersichtlichen Situationen könne man aber auch einmal ordentlich schreien, mit kurzen Worten wie „Hey“ oder „Stopp“ – das schaffe Aufmerksamkeit. „Wichtig ist nur, dass man schnell wieder leiser wird.“

Kommt es dann zum Gespräch, spiele die Wortwahl eine entscheidende Rolle. Hier sind laut Stern offene Fragen hilfreich: „Wenn aufgebrachte Leute kurz nachdenken müssen, und nicht nur ,ja‘ oder ,nein‘ sagen können, kann das schon eine beruhigende Wirkung haben.“ Ein Beispiel für eine solche Frage sei etwa „Was schlagen Sie zur Lösung für das Problem vor?“. Doch es gebe auch Situationen, in denen Menschen Gewalt anwendeten oder man sich nicht traue, einen Täter anzusprechen. „Dann sind Zeugen wichtig“, rät Stern.