Papst Leo XIV. :Radikal arm und offen für alle

Als er die jetzt erschienenen Reden verfasste, leitete der heutige Papst Leo XIV. die weltweite Ordensgemeinschaft der Augustiner. Danach wurde Robert Francis Prevost Bischof von Chiclayo in Peru, bevor er 2023 in den Vatikan wechselte und als Kurienkardinal Karriere machte.
Trotz mancher Unterschiede im Ton und in der Schwerpunktsetzung wird im Buch eine Übereinstimmung deutlich mit einigen zentralen Ideen des Vorgängers Franziskus (2013–2025). Wie dieser wendet sich auch Prevost gegen eine „in sich selbst gekehrte Kirche“ und gegen das Klammern an Strukturen. Zugleich spricht er sich für eine „radikale Armut“ und eine Offenheit der Kirche für alle Menschen aus.
Gegen Konsum-Mentalität
In einem Vortrag an seine Mitbrüder im Jahr 2008 heißt es: „Unser Leben muss ein Zeichen des Protests gegen die Konsum-Mentalität der Gesellschaft sein, in der wir leben. Die Menschen (...) erwarten von uns eine prophetische Armut, die von ihrem Wesen her eine Offenheit für die Nöte der anderen erfordert und vielleicht auch in besonderer Weise ein Eintreten für die sozialen Rechte der Armen.“ An einer anderen Stelle kritisiert Prevost „den Neoliberalismus, der sich als ,Heilsweg der Völker‘ durchgesetzt und gnadenlos die große Mehrheit der Menschheit auf die Seite gedrängt hat“.
Dass der heutige Papst Leo XIV. in seinem Denken einst offenbar stark geprägt war von Ideen und Begriffen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, zeigt das Buch an mehreren Stellen. Am deutlichsten wird es in einer Rede, die der damalige Generalprior des Augustiner-Ordens, Robert Prevost, am 2. März 2002 in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos vor kirchlichen und weltlichen Zuhörern hielt.
Damals sagte Prevost: „Die Realität der ungerechten Armut und der Marginalisierung ist eines der drängendsten Probleme der heutigen Welt, und das nicht nur in der ,Dritten Welt‘.“ Und weiter: „Niemand kann heute Christ sein und sich vom ,Schrei der Armen‘ und dem Kampf für Gerechtigkeit entziehen. Die Verelendung von Millionen von Menschen ist ein wahres ,Sakrament‘ der Sünde in der Welt“.
Option für die Armen
Mit diesem polemisch zugespitzten Begriff aus der Befreiungstheologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts verbindet er den von den Bischöfen Lateinamerikas geprägten Begriff der „Option für die Armen“. Er formuliert: „Die Entwicklung ist ein integraler Bestandteil der Evangelisierung, die Tätigkeit der Seelsorge überschreitet die Grenzen dessen, was bloß ,religiös‘ ist, in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche und der Dringlichkeit der besonderen Option für die Armen. Diese muss nicht nur bei den Indigenen zum Zug kommen, die oft die Ärmsten der Armen sind (...), sondern auch angesichts jeder Form von Ausgrenzung, die gegen die Menschenwürde geht.“
Nach Konzil tiefgreifende Veränderungen erlebt
Eindringlich sind auch die eher konservativ anmutenden Ausführungen des heutigen Papstes zur Kirchen- und Ordenskrise der vergangenen Jahrzehnte. Darin benennt er das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) als eine entscheidende Etappe. So sagte er am 26. September 2003 bei einem Treffen mit Mitgliedern seines Ordens aus mehreren Ländern Europas: „Die katholische Kirche und das Ordensleben haben nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Phase tiefgreifender Veränderungen durchlaufen.“ Diese beschrieb er so: „Sehr viele unserer Mitbrüder haben ein Gefühl des Verlusts der eigenen Identität erfahren. Sie wussten nicht mehr, wer sie sind.“ Drastisch schilderte Prevost damals die Folgen: „Viele haben Orden und Priesteramt verlassen. Andere fühlten sich zutiefst desorientiert. Für manche waren es schmerzhafte Jahre.“ Doch dann sei, dank der Bemühung um Erneuerung, „ein großer Teil dieser Krise überwunden worden“. Dennoch fühlten sich manche, vor allem in Europa, angesichts sinkender Mitgliederzahlen, weiterhin in dieser Identitätskrise.
Rückbesinnung auf das Wesentliche
Für die Zukunft seines Ordens und der Kirche in Europa rief Prevost damals zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche auf. Dazu gehörten auch „Momente der Einsamkeit, des Gebets, des Schweigens und des Studierens“. Er sagte: „Wir werden (wieder) in eine Identitätskrise kommen, wenn wir nicht wissen, wer wir sind, und wenn wir nicht jene innere Begegnung mit uns selbst und mit Gott erleben.“
Unterm Strich zeigte sich Prevost damals doch eher hoffnungsvoll und sagte: „Wir sollten die Zukunft unseres Ordens und die Situation Europas nicht mit Pessimismus erleben. Es gibt so viele Menschen, die dasselbe suchen wie wir: eine Begegnung mit Gott und einen Sinn für das eigene Leben im Dienst an den anderen."