Nachbarschaftsstreit:Mehr miteinander reden

Oft sind es die kleinen Dinge des Alltags, die Nachbarn aneinander geraten lassen – Lärm und Grillgeruch, ein überhängender Ast, herumliegender Müll. Irgendwann reißt dann der Geduldsfaden, und es wird mit einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren gedroht. Doch bevor ein Gericht eingeschaltet wird, müssen zerstrittene Nachbarn in der Regel eine Schiedsperson aufsuchen. Etwa Ulrike Chaudiere-Schulz, die solchen Streithähnen seit fünf Jahren im rheinischen Witterschlick hilft, ihren Konflikt außergerichtlich beizulegen. Sie ist eine von rund 10 000 Schiedspersonen in Deutschland.
Den häufigsten Streit gibt es beim Grünzeug, beobachtet die 72-Jährige und schmunzelt. Die Klassiker sind die Beschattung des Nachbargartens oder eine zu hohe Hecke. Vieles sei dabei eine Interpretationsfrage: Wann ist der Überhang ein Überhang? Wieviel fremdes Herbstlaub ist normal – und wann fällt überdurchschnittlich viel Laub aus dem Nachbarsgarten rüber? Nachbarschaftsquerelen wie diese sind das Kerngeschäft von Schiedspersonen, ansonsten kümmern sich Schlichter mitunter auch um leichte Strafsachen wie Beleidigung, Hausfriedensbruch oder eine nicht bezahlte Rechnung.
Berufsberaterin und ausgebildete Mediatorin
Chaudiere-Schulz war Berufsberaterin und ist ausgebildete Mediatorin. Für ihr fünfjähriges Ehrenamt als Schiedsfrau hat sie verschiedene Wochenendseminare besucht. Mediatoren gibt es wie Sand am Meer, stellte die Rheinländerin ernüchtert fest. Dann aber wurde die Schlichterstelle in ihrer Gemeinde frei, und sie bewarb sich darauf.
Sie ist Ansprechpartnerin, wenn es Konflikte in ihrem Ort gibt. Sie schickt dann im Namen des Antragstellers – in freundlichem Ton – eine Einladung an die Gegenseite, in der sie den Sachverhalt schildert, und lädt zu einem Schlichtungsgespräch. In ihrem Haus hat sie einen Raum, in dem sie die Beteiligten an einen Tisch bringt. Als Schiedsfrau ist sie für beide Seiten gleichermaßen da.
Sie versucht zu klären: Warum ist das für die Beteiligten so wichtig? Wo kann man sich annähern, was ist der Wunsch? Und welche Lösung kann es geben? Bei einer Einigung kommt es zu einem Vergleich; in einem Protokoll hält Chaudiere-Schulz für die Beteiligten und das Amtsgericht das Ergebnis fest. Die Verfahrensgebühr beträgt oft nicht mal 100 Euro.
Für Bodo Winter vom Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen spiegeln diese Konflikte eine Gesamtentwicklung wider: Es geht die Streitkultur verloren – auch Streiten muss man lernen. Der 74-jährige Hesse ist seit 30 Jahren als Schlichter tätig und hat über 3000 Fälle betreut.
Wertschätzende und respektvolle Kommunikation sei nicht mehr selbstverständlich, sagt Sommer, der auch Sprecher des Schiedsverbandes und Dozent für Schiedsamtswesen ist. Dabei sei gute Kommunikation gerade im eigenen Umfeld wichtig – es betrifft ja auch jeden; jeder hat Nachbarn – und jeder hat mal ein Problem mit ihnen.
Der erfahrene Schiedsmann weiß: Die Leute sind nicht glücklich mit dem Streit, sie wollen nicht als der Schwache dastehen. Dafür bräuchten sie oft eine dritte Person, die das Gespräch führe.
Manche Menschen warteten dabei aber zu lange und schaukeln sich immer weiter hoch, beobachtet Schiedsfrau Chaudiere-Schulz. Es wird zu spät miteinander geredet, manche sind innerlich schon so geladen, dass sie nichts mehr annehmen.
Etwa zehn Fälle pro Jahr verhandelt
Chaudiere-Schulz, die im Jahr in knapp zehn Fällen vermittelt hat, gibt nun nach fünf Jahren regulär ihr Amt ab. Zu Beginn ihrer Tätigkeit habe so ein Schlichtungsprozess in der Hälfte der Fälle zu einer Einigung geführt, zuletzt etwas weniger. Kommt es nicht zu einer Einigung, erhält der Antragsteller eine sogenannte Erfolglosigkeitsbescheinigung – wenn er noch möchte, kann er nun auch vor Gericht ziehen.
Sie müssen sich mit dem Nachbarn einigen – das ist das Credo von Ulrike Chaudiere-Schulz. Die Schiedsfrau gibt zu bedenken, dass eine Gerichtsverhandlung nicht automatisch zu einer besseren Lösung führe. Denn es sei immer ungewiss, wie der Richter die Lage nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch beurteilt – der eine legt so aus, der andere so. Deshalb rät sie Konfliktparteien immer: Einigen Sie sich lieber bei uns als vor Gericht – dort hat man es nicht in der Hand, was am Ende dabei rauskommt.