Großbritannien:Ein Franziskus- und Fußballfan

Der schillernde Luftikus Boris Johnson (2019–2022) wurde zwar katholisch getauft, trat aber schon als Schüler zum Anglikanismus über. Und der Anglikaner Tony Blair (1997–2007) praktizierte zwar schon in seiner Amtszeit katholisch, konvertierte jedoch erst nach seinem Rücktritt. Bei Burnham, als Labour-Politiker Teil des Mitte-links-Spektrums, liegt der Fall deutlich anders, wie es der „Times“-Politik-Kommentator Patrick Maguire beschreibt: Mutter Eileen hatte irische Wurzeln, und der Katholizismus – das war über Jahrhunderte eine schwierige Existenz als verachtete Minderheit „papistischer Verräter“ – prägte das Zuhause, die Schule und die Straßen, in denen er aufwuchs.
Es war am Ende eine eigentümliche Trias, die ihn prägte, wie Burnham einmal erklärte: der Fußballclub FC Everton, die Labour Party und die katholische Kirche. Tatsächlich scheint der Weg über den Katholizismus zum Labourismus in den Liverpooler 1980er-Jahren ziemlich schlüssig, wie Maguire nachzeichnet; jedenfalls, wenn man der Wahlkampfaussage Burnhams von 2012 glaubt, er sei damals überzeugt gewesen, „dass das, was ich einst im Katechismus lesen musste, auf Erden durch die Labour Party verwirklicht wurde“. Jene Geistliche und Lehrer, denen er in dieser Zeit zuhörte, standen Labour nah; an erster Stelle der Liverpooler Erzbischof Derek Worlock (1920–1996).
Die Kirche war mitfühlend und vergebend
Mit Worlocks deutlicher Hinwendung zur Arbeiterschaft – unter anderem vermittelte er bei Bergarbeiterstreiks gegen die konservative Regierung Thatcher – eckte der Erzbischof auch in Rom und London an. Er glaubte, dass die städtische Arbeiterklasse eine ganz eigene Form menschlicher Seelsorge brauchte. Papst Johannes Paul II. ließ er 1982 bei seinem Besuch ganz bewusst an den Schauplätzen der Verwüstung im Zuge der Arbeiterproteste vorbeifahren. Die Kirche, die er kannte, war mitfühlend, vergebend und auch respektlos gegenüber den Mächtigen.
Tatsächlich ist Burnham wohl eher nur noch ein gelegentlicher Gottesdienstbesucher. Ihm gehe es um Identität, urteilt Maguire. Seine Vorbilder: Erzbischof Worlock natürlich – und Papst Franziskus: jener „Papst der Ränder“, dem er 2023 im Vatikan ein Trikot von Manchester United überreichte, während er mit ihm über die Bekämpfung der Obdachlosigkeit in der Stadt sprach. Im Anschluss berichtete Burnham, der Papst habe energisch genickt – so, als wollte er sagen: Machen Sie weiter so!
Als Erster Minister Seiner Majestät wird der Messdiener von einst sicher keinen Konservativismus in den klassischen Fragen katholischer Moral mitbringen. Die Kirche im Vereinigten Königreich verbindet mit ihm immerhin verhaltene Hoffnungen, dass sich ihre Soziallehre künftig stärker im politischen Handeln widerspiegeln könnte. Allerdings gibt Bischof Brian McGee, stellvertretender Vorsitzender der Schottischen Bischofskonferenz, zu bedenken: „Viele Menschen hier mögen die christliche Kirche nicht und wollen keinen Glauben im öffentlichen Raum.“
Für Bildung, Wohnungsbau und Sozialleistungen
Politisch setzt sich Burnham unter anderem für staatliche Bildung, Sozialleistungen, das Steuersystem und den Wohnungsbau ein. In Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, Sexualaufklärung und den Rechten der LGBTQI+-Gemeinschaft vertritt er aber eine liberale Haltung. 2015 etwa forderte Burnham Papst Franziskus (2013–2025) auf, die Kirche in Bezug auf gleichgeschlechtliche Ehen „ins 21. Jahrhundert zu führen“.