Eine spirituelle Reise:Die Spiritualität der Schöpfung

Trier. Alles ist mit allem verbunden. Das ist die Weisheit, die Sandro Aldo Paiva Crispín den Menschen mit auf ihren Lebensweg geben möchte. Der Wissenschaftler und Laienmissionar stammt aus Oruro in Bolivien. Im Juni besuchte der 47-Jährige gemeinsam mit seiner Familie Deutschland und hielt mehrere Vorträge auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung und der Theologischen Fakultät in Trier.
Die Augen schließen, den Moment fühlen und zuhören sollten die Gäste zu Beginn seines Referats über die Spiritualität der Schöpfung. Professor Klaus Vellguth, Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät Trier, moderierte den Abend. Die Übersetzung übernahm sein Wissenschaftlicher Assistent, Michael Meyer, der selbst zehn Jahre in Bolivien gelebt hat.
„Das Lied über ‚Mutter Erde‘ handelt von ‚unserem gemeinsamen Haus‘, das wir alle bewohnen, unseren von Gott gegebenen Planeten“, erläuterte Crispín. Der Ausgangspunkt für das Naturverständnis der andinen Völker ist das Leben im Einklang mit der Umwelt und den Mitmenschen. Der Mensch hat in der Welt keine übergeordnete Rolle. „Was ich mit Ihnen teile, ist die Weisheit der Ältesten meines Dorfes, die ‚amauta‘ genannt werden. Das sind Frauen und Männer, die es verstehen, Himmel und Erde, Transzendentes und Irdisches miteinander zu verbinden“, erklärte der Philosoph. Sandro Aldo Paiva Crispín hat eine Aymara-Quechua-Herkunft und stammt aus der Gemeinschaft Villa Karajara. Für ihn steht nicht die abstrakte Lehre im Mittelpunkt, sondern die Feier des Lebens („Celebrando la Vida“), die sich in jedem Moment zeigt.
In Bolivien kommen die Menschen im Sommer an besonderen Tagen zusammen, um gemeinsam Rituale in der Natur zu vollziehen. So treffen sie sich an „heiligen Orten“, um die Kraft der Sonne aufzunehmen und sich mit dieser Energie zu verbinden. Der 15. August ist im christlichen Glauben der Tag, an dem Maria in den Himmel aufgenommen wurde. An dem Tag danken die andinen Völker Mutter Erde für ihre reichen Gaben und geben ihr etwas zurück. Den ganzen Tag über feiern, singen und tanzen die Menschen.
Drei Elemente zählte der Referent auf, aus denen das Naturverständnis entspringt: „Janak Pacha (Lo de arnba)“, das ist die Energie, die „von oben“, zum Beispiel von der Sonne kommt. „Kay Pacha, (Espacio presente)“ ist die Gegenwart der Erde, und „Uku Pacha-Lakuy (Lo de adento)“ ist das, was von unten und innen kommt.
„Wir denken, Bolivien sei arm, aber Bolivien ist reich an Kultur und Lebensfreude“, resümierte Professor Walter Andreas Euler, Rektor der Theologischen Fakultät, der wie Professorin Dekanin Carolin Neuber an der Veranstaltung teilnahm.
Auch die mehr als 20 Teilnehmenden waren fasziniert von der spirituellen Reise in die Welt der andinen Völker. „Mir ist bewusst geworden, dass wir alles haben, aber unsere Kultur gar nicht mehr so feiern können“, sagte ein Teilnehmender. „Die Familie als Zentrum, das ist bei uns verloren gegangen“, sprach ein anderer seinen Eindruck aus.