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Biennale:Mit Klangliturgie aus Rüdesheim

Besucher des Vatikan-Pavillons bei der Biennale sollen spirituelle Impulse mit allen Sinnen erleben. Gewidmet ist das Projekt an zwei Orten der heiligen Hildegard von Bingen.
Ein Gemälde zeigt Hildegard von Bingen in der Abteikirche der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard in Rüdesheim am Rhein.
Datum:
17. Mai 2026
Von:
Sabine Kleyboldt

Jim Jarmusch, Meredith Monk, Terry Riley, Tatiana Bilbao, Patti Smith, Brian Eno, Hans Ulrich Obrist: Der Cast des Vatikans für die internationale Kunstausstellung Biennale vom 9. Mai bis 22. November klingt fast wie das Who is Who der Musik-, Kunst- und Kulturszene. Nicht weniger prominent ist die Frau, der das Projekt gewidmet ist: Hildegard von Bingen (1098–1179), Kirchenlehrerin, Komponistin, Dichterin, medizin- und heilkundige Mystikerin des 12. Jahrhunderts.

„Hildegard ist aktueller denn je“, erklärt der Kulturbeauftragte des Papstes, Kardinal José Tolentino de Mendonça. „Sie vereint die Interessen vieler Menschen: von mittelalterlicher Musik und Malerei bis Medizin, von Poesie bis Mystik, Theologie und Philosophie“, so der portugiesische Kurienkardinal, der selbst Hildegards Lieder übersetzt hat. 

Zu Ehren der Benediktinerin, die in den letzten Jahren einen Boom erlebt, bespielt der Vatikan bei der Biennale erstmals sogar zwei Orte: den „Giardino Mistico“, Klostergarten der Unbeschuhten Karmeliten, wo die Besucher ein von Hildegard inspirierter Klangpfad erwartet, und den Komplex Santa Maria Ausiliatrice, der zu einem zeitgenössischen Skriptorium wird.

„Das Ohr ist das Auge der Seele“

Der Projekt-Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ könnte ein O-Ton der großen Klosterfrau sein; in Wahrheit stammt er jedoch von dem deutschen Regisseur und Autor Alexander Kluge, der im März mit 94 Jahren starb. Damit wurde Kluges Vatikan-Beitrag zur Biennale, eine monumentale Hildegard-Installation in Santa Maria Ausiliatrice aus Film und Digital-Collagen, zu seinem letzten Werk. Mit einbezogen bei diesem „lebendigen Archiv“ in dem Kirchenkomplex ist die Klangliturgie der Benediktinerinnen der Abtei von Eibingen, letztlich die wahren Erbinnen der Heiligen. Den wissenschaftlichen Überbau lieferte Schwester Maura Zátonyi, Gründerin der Hildegard-Akademie und große Kennerin von Leben und Schriften der Kirchenlehrerin, die derzeit an der Benediktiner-Hochschule Sant’Anselmo in Rom lehrt. Für die Biennale-Leute lieferte die Autorin eine umfangreiche internationale Literaturliste.

„Zwei der Künstler waren auch in Eibingen und haben unseren Gesang aufgenommen“, so Schwester Maura. Dass Hildegard „in“ ist, freut sie. Zugleich distanziert sie sich vom Zerrbild der Heiligen als Kräuterweiblein. „Es geht bei ihr überhaupt nicht um Pflanzen und Tees und Edelsteine um den Hals, sondern es geht viel tiefer, nämlich um unseren Glauben.“ Andererseits könne das Thema Naturheilkunde eine Chance sein, „eine Brücke, die wir nutzen können“.

Pavillon darf nach Biennale „weiterwachsen“

Im Biennale-Skriptorium in Santa Maria Ausiliatrice finden sich eine mehrsprachige Bibliothek Hildegardscher Texte, Künstlerbücher der portugiesischen Malerin Ilda David und ein neues klösterliches Architekturprojekt des mexikanischen Architekturbüros Tatiana Bilbao Estudio. Die Präsentation in Santa Maria Ausiliatrice stellt eine Weiterentwicklung des Pavillons des Heiligen Stuhls bei der Architektur-Biennale von 2025 dar. Damals wurde die Kirche als „Opera aperta“ zum sozialen und künstlerischen Treffpunkt gestaltet. Damit bleibt dem Projekt das Schicksal der meisten Biennale-Pavillons erspart, die nach einem Jahr abgebrochen werden. Stattdessen darf es „weiterwachsen“.