Universität Trier:Liebe ist stärker als Hass

„Vor 14 Tagen war die Welt für zwei Studierende und deren Familien noch in Ordnung. Und von jetzt auf gleich, änderte sich das schlagartig.“ Mit diesen Worten beginnt Kirsten Denker-Burr, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Trier ihre Predigt. Rund 50 Menschen sind am 27. Juli zu der Andacht in der Campus-Kirche St. Augustinus zusammengekommen – bedeutend weniger als noch zur Schweigeminute am Tag nach der Tat – um von den getöteten Studieren den Abschied zu nehmen.
Ein 22-jähriger Mann hatte am 15. Juli den gleichaltrigen Studenten Marius mit einem Messer in Trier angegriffen. Er verletzte ihn mit zwei Messerstichen so stark, dass Marius kurze Zeit später verstarb. Nur vier Tage später alarmierte die Mutter einer 29-jährigen Studentin die Polizei, weil sie ihre Tochter nicht erreichen konnte. Die Einsatzkräfte fanden die junge Frau tot in ihrer Wohnung, die Tat wird inzwischen als Tötungsdelikt eingestuft.
„Die Ereignisse haben uns alle überrollt“, sagt Seelsorgerin Denker-Burr, die in einem engen Au tausch mit den Studierenden steht. „Die Stimmung ist sehr traurig, auch wenn man in den Kondolenzbüchern liest“, erzählt sie. Ein Eintrag sei beispielsweise von einem Kommilitonen verfasst, der dabei war, als Marius seinen schweren Verletzungen erlag.
„Das hat uns sehr berührt in der Hochschulleitung“
„Dass so etwas in so kurzer Zeit passiert, das hat uns in der Hochschulleitung sehr berührt“, sagt Professorin Dr. Eva Martha Eckkrammer, Präsidentin der Universität Trier, „gerade, wenn man selbst ein Kind oder Kinder im selben Alter hat“, fügt sie hinzu. „Unser Campus ist eigentlich ein geschützter Raum, die Studierenden passen aufeinander auf. Das sind schwere Tage für die Familien und Freunde der Getöteten, aber auch für den gesamten Campus“, meint Dr. phil. Ulrike Graßnik, Kanzlerin der Universität Trier.
Als die Taten passierten, lief das Sommersemester auf Hochtouren. Die Studierenden schrieben ihre letzten Prüfungen vor den Semesterferien Mitte Juli. „Ich wollte mich mit Marius am Donnerstag treffen“, erzählt sein Freund George Hajeiu. Da wusste er noch nichts von der Gewalttat am Tag zuvor. „Ich habe mich zuhause fertig gemacht und musste dann erfahren, dass er nicht mehr lebt.“ Für George bricht eine kleine Welt zusammen. „Es ist der erste Freund, der gestorben ist“, sagt der 21-Jährige. „Wir hatten fast alle Kurse zusammen. Marius hat sein Wissen immer gerne geteilt. Er wusste sehr viel über Preußen und wollte ein Buch über Militärgeschichte schreiben“, so der Student. Am Wochenende hat George zusammen mit Familie und Freunden an der Beerdigung teilgenommen. „Für mich war es ein komisches Gefühl, der Familie zu begegnen, weil ich dieselbe Nationalität habe wie der Täter und selbst auch erst seit 2016 in Deutschland bin.“
Ein Attentat auf offener Straße, das hat bei denen, die es mit ansehen mussten, Spuren hinterlassen.
Notfallseelsorger Heinz Oberbillig
Was nach der Tat bleibt, ist die Fassungslosigkeit. Am Tatort war die Notfallseelsorge der Katholischen und Evangelischen Kirche mit fünf Seelsorgenden im Einsatz. „Ein Attentat auf offener Straße, das hat bei denen, die es mit ansehen mussten, Spuren hinterlassen“, sagt Heinz Oberbillig. Der Notfallseelsorger ist seit 2018 dabei und stuft diese Tat selbst als „absolute Ausnahmesituation“ ein.
Die Arbeit der Einsatzkräfte ist nicht zu unterschätzen. In den Fürbitten in der Andacht würdigte Studentin Daniela Süß deren Engagement: „Mit Dankbarkeit blicken wir auf den unermüdlichen Einsatz von Polizei, Rettungskräften und Notfallseelsorge. Die Arbeit dieser Menschen ist herausfordernd und kräftezehrend. Wir bitten Dich, schütze sie vor Gefahr, und lass sie immer spüren, wie wichtig ihre Arbeit ist.“ In der Andacht schloss die Gemeinschaft auch den Täter in ihre Gebete ein. Denn die Liebe ist das, was bleibt. Sie ist stärker als Hass und Tod.