Lesen:Lesen zum Urlaubszweck

Wer in den Urlaub fährt, packt je nach Ziel Badesachen oder Wanderschuhe ein. Immer häufiger gehört aber noch etwas anderes ins Gepäck: ein Stapel Bücher. Was lange als selbstverständliche Urlaubsbeschäftigung galt, entwickelt sich nun zu einer eigenen Reiseform.
„Bookcation“, „Readaway“ oder „Reading Retreat“ nennen Anbieter und Reiseplattformen Urlaube, bei denen das Lesen nicht nur Begleitprogramm, sondern der eigentliche Zweck der Reise ist. Menschen verreisen, um in Ruhe zu lesen.
„Bookcation ist zwar nicht ganz neu“, sagt der Tourismusforscher Harald Pechlaner von der Katholischen Universität Eichstätt. „Menschen haben in einer turbulenten Zeit Sehnsucht nach Langsamkeit und Entschleunigung.“ Ein Buch zu lesen bedeute, Zeit als Luxus zu verstehen. Der Urlaub werde dann gezielt genutzt, um sich intensiver mit Romanen oder Literatur zu beschäftigen.
Lesen und Entspannung im Mittelpunkt
Die Reiseplattform FeWo-direkt hat das Phänomen in ihrem Reisetrendreport „Unpack ’26“ als einen der Trends identifiziert. Xavier Rousselou, Sprecher für FeWo-direkt, erklärt, dass sich 94 Prozent der deutschen Ferienhausurlauber für einen Urlaub interessieren, bei dem Lesen und Entspannung mit Gleichgesinnten im Mittelpunkt stehen. Begriffe wie „Bibliothek“ oder „Reading Retreat“ tauchen laut Rousselou inzwischen fast dreimal so häufig in Gästebewertungen auf wie noch vor einigen Jahren. Wer suchet, der findet: Gibt man die Begriffe „reading retreat“ und Anbieter in einer Suchmaschine ein, kann man zwischen attraktiven Angeboten in verschiedensten Ländern wählen. Bei dem spezialisierten Anbieter „Aweventurer“ kann man zum Beispiel auf Mallorca, in der Toskana oder in Griechenland einen Leseurlaub buchen.
Dabei verändert sich auch das Bild des Lesens selbst. Lange galt die Beschäftigung als eher einsames Hobby. Heute wird sie zunehmend gemeinschaftlich erlebt. Online-Plattformen wie BookTok auf TikTok erreichen Millionen Leserinnen und Leser, digitale und analoge Buchclubs boomen. Diese Entwicklung setzt sich offenbar auch im Urlaub fort.
„Lesen wird 2026 nicht länger ausschließlich als individuelle Freizeitbeschäftigung verstanden“, erklärt Pressesprecher Xavier Rousselou von FeWo-direkt. Die Leidenschaft für Bücher werde gemeinsam erlebt – in Buchclubs, sozialen Netzwerken und nun auch auf Reisen. Laut einer FeWo-direkt-Befragung wünschen sich 53 Prozent der Deutschen ausdrücklich einen Leseurlaub mit engen Freunden.
Ganz neu ist die Verbindung von Reisen und Literatur allerdings nicht. Bereits seit Jahrzehnten pilgern Leser zu den Schauplätzen berühmter Romane oder auf die Spuren ihrer Lieblingsautoren. Tourismusforscher Pechlaner verweist auf Italien, wo literarische Themenparks in der Natur Kultur, Landschaft und Literatur miteinander verbinden. Für ihn bleibt Bookcation jedoch insgesamt ein Nischenphänomen.
Neue Etikettierung einer Gewohnheit
Der Freizeit- und Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt sieht in dem Trend vor allem eine neue Etikettierung einer alten Gewohnheit. „Lesen im Urlaub war und ist eine der beliebtesten Aktivitäten auf Reisen“, sagt Reinhardt. Neu sei vor allem der Fokus. Bisher sei das Buch meist Begleiter gewesen – am Strand, am Pool, auf der Terrasse oder abends im Bett. Bei der Bookcation dagegen stehe das Lesen selbst im Mittelpunkt.
Dass dafür ein Markt entsteht, überrascht ihn nicht. Hotels stellten Bücher bereit, richteten Leseecken ein oder veranstalteten Autorenabende, so Ulrich Reinhardt. Reisegruppen widmeten sich bestimmten Genres oder diskutierten gemeinsam über gelesene Werke. Zugleich verbreiteten soziale Medien ständig neue Buchempfehlungen für den nächsten Urlaub.
Was macht den Charme von Bookcations aus? „Buchliebhaber können in gemütlicher Atmosphäre miteinander ins Gespräch kommen und den ganzen Tag lang und bis spät in die Nacht ohne schlechtes Gewissen über Bücher sprechen“, schrieb im vergangenen Jahr die Zeitschrift „Vogue“ – sie kennt sich mit Trends aus. Gerade Frauen fühlen sich von diesem Urlaubstrend angesprochen – auf sie sind die meisten der spezialisierten Angebote in der Regel zugeschnitten.