Krisenchat:Krisenchat als seelische Hilfe

Eine junge Frau sitzt auf ihrer Couch, hatte wieder einmal Streit mit den Eltern und fühlt eine graue Leere, für die sie keine Worte findet. Sie schildert ihre Probleme einer fremden Person – die hat psychosoziale Erfahrung. Der Chat ist anonym.
Das ist das Angebot des Krisenchats, einem kostenlosen Beratungsangebot für Menschen unter 25 Jahren. Gegründet während der Corona-Pandemie, als Isolation und Zukunftsangst viele Jugendliche begleiteten, entwickelte es sich zu einem festen Anlaufpunkt. Zwischen 5000 und 6000 Anfragen bekommen sie pro Monat; gefördert wird das Projekt unter anderem vom Bundesfamilienministerium und den Maltesern.
Auf der anderen Seite des Chats sitzen psychosoziale Fachkräfte. Der Bedarf sei so groß, dass sie Chat-Anfragen teilweise nicht direkt beantworten können, sagt Juliane Pougin, die psychologische Leiterin. In Spitzenzeiten, etwa samstagabends, schaffen sie nur rund die Hälfte. Dann müssten Hilfesuchende warten.
Schulprobleme und Streitigkeiten
Die Jugendlichen kommen unter anderem mit Schulproblemen und Streits. „Wir haben auch Hochrisiko-Chats wie Kindeswohlgefährdung, Suizidalität oder Personen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben“, sagt Pougin. „Oftmals wird da sehr klar benannt, dass jemand überlegt, sich das Leben zu nehmen.“
Für solche Fälle haben sie speziell ausgebildete Kräfte in der Suizidprävention, die in den Chat einsteigen können. In jedem fünften Fall gehe es um Suizidalität, sagt Pougin. Etwa zweimal die Woche kontaktieren sie Polizei und Rettungsdienst.
Psychische Erkrankungen waren 2024 die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte von Jugendlichen. Depressionen stehen an erster Stelle, so das Statistische Bundesamt – Tendenz steigend.
Ebenfalls häufig diagnostiziert sind Angststörungen. Nach Hochrechnungen des Kinder- und Jugendreports DAK-Gesundheit erhielten 2024 rund 230 000 Kinder und Jugendliche diese Diagnose. Mädchen sind doppelt so oft betroffen wie Jungen. Verglichen zur Zeit vor der Corona-Pandemie stiegen die Fälle bei ihnen, während die Zahl bei Jungen gleich blieb.
Ein weiteres Thema für Jugendliche sei die Einsamkeit, „vor allem, weil Erwachsene das oft nicht sehen“, sagt Pougin. Sie sei da, obwohl Jugendliche eigentlich von vielen Gleichaltrigen umgeben sind, zu denen sie jedoch keine Verbundenheit fühlen. „Bei jungen Menschen ist das eine Einsamkeit, die ist da, obwohl du jeden Tag mit 30 anderen in der Klasse sitzt.“ Infolge der Coronazeit fehle vielen die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen.
Viele Herausforderungen beschäftigen Jugendliche in saisonalem Rhythmus. Zur Zeugniszeit geht es typischerweise darum, wie sie ihren Eltern schlechte Noten beibringen und wie es dann weitergeht.
Weihnachten und Silvester seien ein Brennglas für familiäre Konflikte. Und zur Ferienzeit melden sich laut Pougin vermehrt junge Frauen, die Sorge haben, dass sie bei Reisen in ihre Heimatländer zur Hochzeit gedrängt werden könnten. Früher arbeitete Pougin in einer Praxis. Im Vergleich merkte sie: Über den Chat öffnen sich junge Menschen leichter. „Je niederschwelliger das Angebot ist, desto mehr sind sie bereit, dir noch über das zu erzählen, was wirklich in ihnen vorgeht und was sie brauchen.“ Solche Angebote für Jugendliche in einer Lebensphase, „wo ganz viel gerade peinlich sein kann, wo ganz viel noch keine Worte hat“, seien dringend vonnöten – denn das falle vielen Jugendlichen in Face-to-Face-Gesprächen schwer.
Chats behandeln viele Probleme
Ein Chat dauert in der Regel 45 bis 60 Minuten. Manche melden sich seit mehreren Jahren immer wieder mit wechselnden Themen. „Wir sind ein bisschen wie ein Kaufhaus für Probleme: Du kommst bei uns rein, erzählst dein Problem und wir sagen dir, wie es weitergeht“, sagt Pougin. Das heißt: auf Veranstaltungen hinweisen und an Beratungsstellen weitervermitteln.
In der Zeit bis zur passenden Beratung rät sie, sich selbst etwas Gutes zu tun, wohltuende Rituale für den Alltag zu entwickeln und ein Glücksglas zu füllen: schöne Momente notieren und die Zettel in einem Glas sammeln – bis Hilfe greift.