Demenz:Demenz-Wirklichkeit mittragen

Ein demenzkranker Mann starrt seine Frau an. Sie spricht ihn darauf an, und er erwidert „freundlich begeistert: ‚Wissen Sie, Sie gefallen mir so gut. Ich würde Sie sofort heiraten. Schade, dass Sie schon verheiratet sind‘.“ Diese Anekdote erzählt die Münchner Psychologin Barbara Romero. Dass er mit seiner eigenen Frau spricht, hatte der Mann glatt vergessen: „Für die Frau ist das natürlich bittersüß.“
Solche Situationen zeigen, wie sehr Demenz auch Beziehungen und das Selbstbild der Betroffenen verändert. Daher rät Romero, sich darauf zu konzentrieren, was die betroffene Person noch kann. Nur so könne aus Frust wieder Lebensqualität werden –und man vermeide, „dass das Erlebte immer schlechter wird“. Diese Haltung entlaste pflegende Angehörige und könne bei ihnen sowie bei Betroffenen depressive Gefühle verringern.
Demenz betrifft den ganzen Menschen
Demenz ist eine neurologische Krankheit, die kognitive Fähigkeiten wie Denken, Sprache und Orientierung beeinträchtigt; betroffen sind in Deutschland rund 1,8 Millionen. Es geht nicht nur um einen Ausfall einzelner Fähigkeiten, erklärt Romero: „Wir haben nicht ein Haus, in dem eine Wohnung kaputt ist.“ Sondern das Gesamtsystem von Gedächtnis, Denken oder Kontrolle von Gefühlen ist beeinträchtigt.
Das kann die Persönlichkeit verändern: Betroffene können ebenso reizbarer werden wie zugänglicher und freundlicher. Bei fortschreitenden Symptomen gelte es, Betroffene darin zu unterstützen, die vorhandenen Fähigkeiten im Alltag tatsächlich zu nutzen. Damit es weniger heißt: „Ich kann nicht mehr schreiben, ich kann nicht mehr lesen, ich kann nicht mehr Schach spielen.“ Vorhandene Fähigkeiten zelebrieren, ist das Credo, etwa: singen, tanzen, Musik hören oder in einer geselligen Runde Gespräche führen. Dafür entwickelte Romero in den 1980er Jahren das Konzept der Selbsterhaltungstherapie.
Durch diesen Umgang könnten auch depressive Symptome zurückgehen. Die entstehen bei Demenzkranken durch viele Misserfolge, das Gefühl von Kontrollverlust und mangelndes Verständnis – und auch dadurch, dass sie selbst nicht richtig verstehen, was mit ihnen geschieht. In der Praxis heißt das: nicht konfrontieren, nicht kritisieren und nicht gegenargumentieren. „Damit sind sich im Moment alle demenzbezogenen Konzepte einig.“
Einem Paar half eine Portion Humor
Wie bei folgendem Paar, dem eine Portion Humor half: Der Mann zog sich eine Unterhose wie eine Mütze auf den Kopf. Anfangs hätte die Frau genervt reagiert und vermutet, dass er sie ärgern möchte, sagt Romero. Doch später habe sie entspannt reagiert und kommentiert: „Du siehst aber sexy aus.“
Doch darf man eine betroffene Person auch mal täuschen, um sie etwa vor Misserfolgen zu schützen? Darüber seien sich demenzbezogene Konzepte uneinig, sagt Romero. Beispiel: Eine demenzerkrankte Frau habe versucht, die Kaffeemaschine zu bedienen –vergeblich. Statt sie zu korrigieren, habe ihr Mann gesagt, er habe etwas falsch eingestellt. „Und dann hat sie ihn getröstet.“
Romero unterstützt die Reaktion des Ehemanns. Allerdings solle man nur so vorgehen, wenn es keine bessere Möglichkeit gibt. Und: „Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man es mit einer respektvollen Haltung macht.“ Zu diesem Respekt gehöre auch, anzuerkennen, wozu die andere Person in der Lage ist, und darauf einzugehen.
Auch Angehörige müssen auf sich achten
Am Ende könne man auch überrascht werden. So wie eine Frau, die nicht mehr Skifahren wollte, weil ihr erkrankter Mann es nicht mehr konnte. Doch Schuldgefühle seien kein Grund, das eigene Leben aufzugeben, sagt Romero.
Auszeiten und pflegerische Unterstützung von anderen anzunehmen, sei sogar dringend notwendig für die mentale Gesundheit von Angehörigen. „Auch für sie ist es besser, wenn sie Kraft schöpfen.“ Beim Skifahren habe der Ehemann – mit Unterstützung einer Pflegekraft – letztlich auch eine gute Zeit gehabt.