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Saarländischer Bibeltag:Andere Seiten des Buchs der Bücher

Beim ersten saarländischen Bibeltag haben Menschen in der Begegnungskirche Köllerbach weniger bekannte Seiten der Heiligen Schrift entdecken und kennenlernen können. Die Veranstaltung war aber weit mehr als nur ein einfacher Lesekreis.
Menschen stehen in einem Raum und hören einer Frau zu
Datum:
4. Nov. 2026
Von:
Maximilian Fischer
Ein Mann betrachtet eine Karte auf einem Schrank, auf dem mehrere Karten mit verschiedenen Motiven liegen

In der Bibel werden Engel nur in seltenen Fällen mit Flügeln beschrieben. Die heutige Vorstellung der Wesen wurde vor allem durch die Kunst beeinflusst. Und das aus dem hebräischen stammende Wort Hallelujah ist eigentlich ein ganzer Satz, der so viel bedeutet wie „Preist (Hallelu) den Herrn (Jah)“. Es sind solche und ähnliche Details, die die Besucher des ersten saarländischen Bibeltages, der unter dem Motto „Unbekannte Seiten der Heiligen Schrift“ steht, entdecken können. Aber nicht nur.

Die Veranstaltung in der Begegnungskirche Köllerbach, die die sechs pastoralen Räumen Völklingen, Saarbrücken, Dillingen, Tholey, Wadern und Idar-Oberstein, die Katholische Erwachsenenbildung Saarbrücken und das Team Engagemententwicklung im Bistum Trier auf die Beine stellten, bietet den Teilnehmenden in verschiedenen Workshops neue Perspektiven auf schwierige Passagen und fast vergessene Figuren der Bibel. Dabei wird viel gelesen. Aber auch gesprochen, gefühlt und meditiert. Direkt zu Beginn der Veranstaltung wird die Bibel unter den etwa 40 Besuchern in einem Stuhl kreis herumgereicht, während andächtige Musik gespielt wird. Manche schlagen die Heilige Schrift auf, blättern etwas in dem Buch. Andere legen einfach nur die Hand auf den Umschlag und atmen ein mal tief ein und aus, bevor sie das Buch an den Sitznachbarn weiter reichen. „Die Bibel ist ein ‚Wir‘ Buch, das man gemeinsam er fährt“, betont Pastoralreferent Thomas Equit, der auch die ursprüngliche Idee für den Tag hatte und gemeinsam mit weiteren Referenten durch den Tag führt.

„Wenn ich einen Wunsch an die Bibel frei hätte“

Gemeinschaft ist an diesem Tag also neben der Bibel ein wichtiges Schlagwort. Deswegen startet der Morgen gleich mit einer Art Speed- Dating, bei dem die Teilnehmenden sich in wechselnden Zweier gruppen zusammenfinden und noch vor der Heiligen Schrift einander besser kennenlernen. „Mein Name ist“ und „Wenn ich einen Wunsch an die Bibel frei hätte“ sind nur zwei der Gesprächsimpulse für einen kurzen Austausch.

Stephan ist einer der wenigen Männer unter den Besuchern in der Begegnungskirche. Er fällt aber an diesem Tag nicht nur wegen seines blau gemusterten Hemdes und einer Sonnenbrille auf, sondern auch, weil er eine beeindruckend große Chagall-Bibel mitgebracht hat, die gleich mehrere andere Teilnehmer einmal in ihren Händen wiegen möchten. Dass er sich selbst nicht als Bibelexperten bezeichnet, wirkt schon fast unglaubwürdig. Stephan versichert aber: „Ich kenne vor allem die Stellen, die in der Kirche für Predigten immer wieder ausgewählt werden.“ Jetzt wolle er aber tiefer einsteigen und interessiere sich vor allem für starke Frauenfiguren in der Heili gen Schrift, die in gleich mehreren Workshops am Mittag und Nachmittag ein Thema sind.

Menschen sitzen in einem Stuhlkreis und tauschen sich aus

Tiefer einsteigen, das ist bei vielen der Wunsch an dem heutigen Tag. In Gesprächen wird häufig erwähnt, dass in der Kirche immer wieder ähnliche Stellen aus den Evangelien vorgelesen werden. Die aktuelle Leseordnung der Kirche, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er-Jahren geschaffen wurde, umfasst 12.000 Verse. Was im ersten Moment nach nicht wenig klingt, deckt nur etwa ein Drittel der ins gesamt über 35.000 Verse der Heiligen Schrift ab.

Hinzu kommt, dass nur wenige Deutsche die Bibel regelmäßig le sen. Laut einer Studie von Theologen der Universität Leipzig aus dem Jahr 2022 nutzten damals etwa 30 Prozent der Befragten die Bibel mindestens einmal im Jahr. Wöchentlich lasen nur 3,2 Prozent und täglich lediglich 1,6 Prozent in dem Buch. Blinde Flecken in der Heiligen Schrift, die auch die Seminare aufgreifen, sind also schon fast vorprogrammiert.

Für einen Workshop entschieden haben sich vor ihrer Ankunft aber längst noch nicht alle Besucher. Auch Iris nicht. Sie ist aus Saarlouis zur Veranstaltung gekommen und bezeichnet sich selbst als Spätberufene, die erst während und nach einer Reha den Bezug zu Kirche und Glauben wieder stärker suchte. Kurze Zeit nach dem Speed Dating ist aber für sie klar: „Es wird Tobit.“

Probleme und Hoffnungen, die heute noch berühren

„Eine Reise durch das Buch Tobit“ ist der Titel eines Workshops, der sich mit der Lebensgeschichte von zwei verwandten jüdischen Familien beschäftigt. Das Buch gehört zu den Spätschriften des Alten Testaments und gilt als relativ unbekannte Geschichte. Für Referentin Angela Schmidt, die den Workshop leitet, ist die Erzählung von Tobit und seiner Familie dennoch ein echter Schatz: „Durch die Beschäftigung mit dem Buch ist mir aufgefallen, wie aktuell und verdichtet hier von Problemen und Hoffnungen berichtet wird, die uns heute noch berühren.“ Und um diese Bezüge herzustellen, wird auch jetzt nicht auf ein stilles Abarbeiten des Textes gesetzt. Stattdessen laufen die Teilnehmenden in einer Art Mini-Wanderung im Seminarraum die Stationen des Buchs Tobit ab und haben die Möglichkeit, Parallelen zur eigenen Lebenswirklichkeit zu entdecken.

Durch die Beschäftigung mit dem Buch ist mir aufgefallen, wie aktuell und verdichtet hier von Problemen und Hoffnungen berichtet wird, die uns heute noch berühren.

Eine Teilnehmerin

Dieser fast schon spielerische Ansatz wird in Teilen auch in an deren Workshops zur unbekannten Heldin Judith und im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Buch Genesis praktiziert.

Noch einen Schritt weiter geht ein sozialtherapeutisches Rollenexperiment, in dem die Heilung des Gelähmten nachgespielt wird. Jeder Teilnehmende übernimmt einen Part, den des Gelähmten oder eines durchreisenden Beobachters. Und wie nah dieses „Spiel“ den Besuchern gehen kann, berichtet in einer anschließenden Reflexion eine Teilnehmende, die trotz ihrer Parkinson Erkrankung durch den Workshop neue Zuversicht in ihren Glauben gefunden hat.

Zuversichtlich für die Zukunft des Bibeltags

Zuversichtlich dürften auch die Veranstalter für die Zukunft des saarländischen Bibeltags sein, obwohl Thomas Equit den Erfolg der Premiere nicht an bloßen Teilnehmerzahlen festmachen möchte und auf eine Botschaft seines eigenen Workshops verweist, der sich mit der Geschichte der armen Witwe beschäftigt, die vor den Augen von Jesus Christus ihr weniges Geld in einen Opferkasten wirft.

Es komme nicht auf die Menge an, sondern die Intention. „Ich habe mit allem zwischen drei und 50 Leuten gerechnet“, sagt Equit. Dass es am Ende mehr als 40 Menschen in der Begegnungskirche sind, dürfte von den Veranstaltern dennoch als Erfolg gewertet werden.