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Stress:Leben im Dauerstress …

Tempo, Reizflut, Erwartungen: Viele fühlen sich ohnmächtig. Eva Asselmann zeigt, warum Überforderung kein persönliches Scheitern ist. Ihr Ratgeber hilft, Schritt für Schritt Selbstwirksamkeit und innere Stärke zurückzugewinnen.
Gestresste Frau mit Aktenordnern und Computer am Schreibtisch.
Datum:
4. Mai 2026
Von:
Sabine Schüller

Wer kennt es nicht? Zuviele Eindrücke und Erwartungen sowohl zuhause wie im Beruf. „Nicht wir treiben das Leben – es treibt uns“, sagt die Psychologin Eva Asselmann. „Und je stärker wir versuchen, Kontrolle zurückzuerlangen, desto mehr scheint sie uns zu entgleiten.“ Die Potsdamer Professorin möchte mit ihrem Ratgeber „Too much“ das Licht am Ende des Tunnels scheinen lassen. Es sei möglich, sich aus der permanenten Überforderung zu befreien.

Wer in einem Bereich neue Kraft gewinnt, erlebt auch in anderen Feldern neue Stärke.

Eva Asselmann 

Kontrolle ist wichtig, so die Psychologin, weil sie ein menschliches Grundbedürfnis sei. „Kontrolle schenkt Sicherheit, Orientierung und Sinn.“ Wer das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren, leide auch unter körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schlaflosigkeit oder Schmerzen, sagt Eva Asselmann. Das führe auch dazu, dass Menschen schweigen, Konflikte meiden oder sich so zurückziehen, bis Nähe fremd wirke.
Das Gefühl der Ohnmacht kann nach Einschätzung der Psychologin Asselmann das Klima ganzer Gesellschaften prägen. „Wer den Glauben an sich verliert, verliert auch oft den in Medien, Institutionen und Politik.“ Psychologisches Wissen sei daher kein Luxus, sondern ein unsichtbarer Rohstoff, aus dem Resilienz und Gemeinschaft entstehen.

Der Schlüsselbegriff ist Selbstwirksamkeit, so die Autorin, nämlich das Vertrauen, etwas bewirken zu können. „Wer sie spürt, erlebt Krisen nicht als Mauern, sondern als Türen und findet Halt inmitten des Zuviels.“ Eva Asselmann betont, am Ende zählten nicht Reichtum, Status oder Macht, sondern die innere Gewissheit: „Ich kann etwas tun.“

Selbstwirksamkeit lässt sich trainieren

Die Psychologie-Professorin zeigt anhand wissenschaftlicher Studien und lebensnaher Beispiele, dass Selbstwirksamkeit kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern eine Fähigkeit, die sich entwickeln und trainieren lässt. Menschen, die sich als wirksam erleben, gehen demnach gelassener mit Krisen um, treffen klarere Entscheidungen und bleiben auch unter Druck handlungsfähig.

Asselmanns Ratschläge setzen bewusst auf kleine, realistische Schritte, die gut in den Alltag zu integrieren sind. Ein erster wichtiger Ansatz ist das Wiedergewinnen von innerer Kontrolle. Die Expertin empfiehlt, zwischen dem zu unterscheiden, was man beeinflussen könne, und dem, was man akzeptieren müsse. Statt Energie in permanente Sorgen zu investieren, helfe es, den Fokus auf konkrete, machbare Handlungen zu richten – selbst wenn sie klein erscheinen, stellt die Psychologin fest. Schon das bewusste Setzen von Prioritäten oder das klare Beenden einer Aufgabe könne das Gefühl von Halt stärken.

Momente bewusster Unterbrechung

Die Psychologin legt einen weiteren Schwerpunkt auf den Umgang mit Tempo und Reizüberflutung. Sie rät nicht zu radikalem Rückzug, sondern zu bewussten Unterbrechungen wie zum Beispiel kurze Pausen, Zeiten ohne digitale Reize und Momente der Stille, in denen Gedanken sich ordnen können. Dazu bietet sie Übungen wie Atemanker, Grounding über die Sinne oder das bewusste Verlangsamen alltäglicher Tätigkeiten an. Diese können nach ihrer Erfahrung dabei helfen, das Nervensystem zu beruhigen und wieder im eigenen Körper anzukommen.

Eva Asselmann gibt ihren Leserinnen und Lesern ein Sechs-Wochen-Programm an die Hand. Sie sagt: „Wer in einem Bereich neue Kraft gewinnt, erlebt auch in anderen Feldern neue Stärke.“ Sie warnt davor, eine Besserung über Nacht zu erwarten. Eine Wirkung könne man nur mit Wiederholung, Ausdauer und Geduld erzielen. Auch Rückschläge seien möglich. Doch dann am Ende höre man die eigene Stimme im Chaos und könne den eigenen Klang finden und entfalten.

Info

Eva Asselmann, Too much. Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden, dtv Verlag, München 2026, 256 Seiten, 18 Euro.