Hexenverfolgung:Als die Kamera zur Zeugin wurde

Trier. Die Diözesanstelle Weltkirche und missio Aachen laden in Zusammenarbeit mit der Frauenpastoral im Pastoral Raum Trier zur Begegnung mit der engagierten Ordensschwester ein. Für die Kölner Fotografin Bettina Flitner ist die Begegnung mit der Ordensfrau Lorena Jenal „eine von denen, die man nie vergisst“.
Seit fast einem halben Jahrhundert lebt die 76-jährige gebürtige Schweizerin Jenal im Hochland von Papua-Neuguinea. Dort stellt sie sich einem Aberglauben entgegen, der bis heute Frauen das Leben kostet: dem Hexenwahn. Mehr als 420 Frauen hat sie bereits vor Folter und Tod bewahrt.
„Schwester Lorena ist eine besondere Frau – klug, tatkräftig, auch gerissen, damit sie das alles hinkriegt“, sagt die Fotografin. Wenn irgendwo eine Frau der Hexerei beschuldigt wird, steigt Schwester Lorena ins Auto. Ob Tag oder Nacht, ob das Dorf wenige oder viele Stunden entfernt liegt, spielt keine Rolle. Zwischen einem Gerücht und tödlicher Gewalt liegt oft nur kurze Zeit.
Ich konnte sehen, wie Fotografie nicht nur dokumentiert, sondern tatsächlich hilft und Leben rettet.
Bettina Flitner
Rund 3.000 Frauen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Papua-Neuguinea Opfer von Hexenjagden geworden – eine Form der Gewalt, die viele in Europa längst für überwunden halten. Bettina Flitner begleitet und dokumentiert die Arbeit von missio Aachen seit vielen Jahren. Doch ihre Reise nach Papua-Neuguinea im Jahr 2019 wurde für sie zum Wendepunkt. Dort begegnete sie einer Gewalt, die sie bis heute nicht loslässt.
Eine Frau namens Teno war der Hexerei beschuldigt und schwer gefoltert worden. Schwester Lorena konnte sie befreien. Wenige Stunden später aber starb sie an den Folgen ihrer Verletzungen.
Bilder erzählen mehr als Worte
„Das war schockierend. So etwas hatte ich noch nie erlebt“, erinnert sich Flitner. Die Bilder und Geschichten dieser Reise wurden später zu einem zentralen Bestandteil der missio-Kampagne gegen Hexenwahn. Sie bewegten viele Menschen und trugen dazu bei, die Spenden für den Bau eines Schutzzentrums für Überlebende der Hexenverfolgung zu ermöglichen. „Oft erzählen Bilder mehr als tausend Worte“, sagt Flitner.
Als die Fotografin Anfang dieses Jahres nach Papua-Neuguinea zurückkehrte, wartete eine neue Geschichte auf sie: Dort, wo früher Frauen schutzlos verfolgt wurden, steht nun das „Haus der Hoffnung“. „Das war für mich unglaublich bewegend“, sagt Flitner. „Ich konnte sehen, wie Fotografie nicht nur dokumentiert, sondern tatsächlich hilft und Leben rettet.“
Am meisten beeindrucke sie bis heute Schwester Lorenas Nähe zu den Menschen. „Sie ist jemand, der sofort ein Band zwischen sich und anderen Menschen knüpfen kann. Und dieses Band hält, selbst über Kontinente hinweg.“ Auch Flitners Fotografien erzählen von dieser Nähe. Eines ihrer eindringlichsten Bilder zeigt weder Täter noch Opfer. Zu sehen sind nur der Ort der Folter und die Asche eines Feuers. „Man muss Gewalt nicht immer direkt zeigen“, erklärt die Fotografin. „Manchmal erzählt gerade das, was fehlt, mehr als jedes grausame Bild.“
Der 10. August ist der Internationale Tag gegen Hexenverfolgung. Rund um den Termin ist Schwester Lorena zu Gast in Trier: Am Samstag, 8. August, 17 Uhr, begegnet sie Frauen an der Frauen-Mitgehbank am Grab Friedrich Spees. Die Ausstellung „Gegen den Hexenwahn und Frauenhass“ eröffnet sie am Sonntag, 9. August, 15 Uhr, in der Jesuitenkirche. Ab dem 10. August ist diese bis zum 10. September geöffnet. Und das an dem Ort, an dem Jesuitenpater Friedrich Spee, ein starker Kritiker der Hexenprozesse im 17. Jahrhundert, begraben ist.