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Frühling:Warten auf den Frühling

Auf Januar und Februar könnten in der kühlgemäßigten Klimazone viele gern verzichten. Primeln, Narzissen und Erdbeeren werden zwar schon im Dezember angeboten. Aber die sind nicht mehr als Tropfen auf den kalten Stein.
Zwei Frauen mit Hund bei Spaziergang.
Datum:
10. Feb. 2026
Von:
Alexander Brüggemann

Februar ... immer noch Februar ... – Frühling ist der erste Bürgerwunsch! „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“: Die romantischen Zeilen des Lyrikers Eduard Mörike (1804–1875) brennen sich ein – aber wo bleibt denn bloß dieses blaue Band? Wer morgens im Dunkeln zur Arbeit fährt und nachmittags im Dunkeln zurück, der sollte gut für sich sorgen, wenn die Stimmung zu kippen droht.
Energie- und Konzentrationsverlust, Müdigkeit, Antriebsarmut: Von „Winterdepression“ spricht der Volksmund. Beschrieben hat diesen natürlichen Energiesparmodus schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert der wohl berühmteste Arzt der Antike, Hippokrates von Kos. Er sah in jeder Krankheit eine unzureichende Anpassung des Menschen an die Jahreszeiten.

Viele Länder kennen keine Jahreszeiten

Jahreszeiten. Die Menschen vieler Länder der Welt, die einen solchen Wechsel von Werden und Vergehen gar nicht kennen, bewundern das Phänomen. Sie sind fasziniert, wenn Bäume keine Blätter mehr haben und fieser Regen und tiefe Wolken über ein ausgekühltes Land jagen. Der Winter: auch eine Voraussetzung dafür, sich auf einen neuen Frühling und Sommer freuen zu können – statt sie selbstverständlich hinzunehmen.

Nörgler halten den Frühling freilich für die überschätzteste aller Jahreszeiten – und Frühlingsgefühle für ein Gerücht. Der Testosteron-Spiegel sei gerade im November besonders hoch; eine evolutionäre Vorrichtung der Natur, damit der Nachwuchs dann im warmen Sommer geboren wird. Frühjahrsmüdigkeit, so meinen sie, sei die Realität.

Wer im Winterwettertief hängt, den interessieren solche theoretischen Betrachtungen eher wenig. Die einfachste Reaktion auf Winterfrust ist Konsum: Schokolade, Käsebrot, deftige Winterkost. Andere setzen auf Bier und Wein oder gehen shoppen, bis der Gerichtsvollzieher kommt. Alles nicht nachhaltig – höchstens auf der Negativseite: ein Plus auf der Waage, Miese auf dem Konto.

Sinnvoller sind Wellness und einfache Wissenschaft: viel Bewegung, Sport und frische Luft; rausgehen, sobald das Wetter nicht allzu eklig ist. Licht! Lampen an, besser eine mehr als eine weniger. Stromsparen ist bei wochenlangem Lichtmangel nicht das erste ökologische Mittel der Wahl. Bis zu 100 000 Lux tankt man an einem klaren Sommertag; maximal die Hälfte an einem trüben Wintertag. Abhilfe können sogenannte Tageslichtlampen schaffen: hochdosierte Lichttherapie für etwa 100 Euro, ähnlich indiziert wie Rotlichtlampen gegen Nebenhöhlenentzündungen und Muskelbeschwerden.

Tage freihalten für kleine Winterfluchten

Es gibt aber auch weniger sterile, alltagsbejahende Techniken. Manche Berufe ermöglichen das nicht – doch wer es kann, sollte eine Handvoll Urlaubstage ins neue Jahr hinüberretten, um sich die mühseligen Tiefstwinterwochen in der Mitte durchzuschneiden. Solche freien Tage können Tankstellen sein: um ein Wellnessbad oder eine Sauna zu besuchen, ein exotisches Restaurant, die neue Kunstausstellung oder den alten CD-Schrank – oder ein Städtchen in der Umgebung, das man schon seit Jahren auf dem Zettel hat. Solche kleinen Winterfluchten liefern ein paar Tage Vorfreude – und dann noch positive emotionale Nachwirkungen.

Mancher kann sich auch für die bevorstehende Karnevalssession begeistern. Was immer geht: sich an frischer Luft bewusst kalte Füße und Ohren zu holen, um sie dann beim Vollbad oder mit Tee an Kamin oder Heizung wohlig aufzuwärmen. Dunkel ist, mit einigem Selbstbeflunkern, gar nicht so schlimm, sondern eher eine Herausforderung. Und irgendwann sind sie dann da, die Vorboten des Frühlings: der erste Krokus auf der Wiese und das blaue Band der Sympathie. Ein Neuanfang – vielleicht mit Frühjahrsputz.