Suizidprävention:Immer noch ein Tabuthema

„Anfangs hatte ich wirklich Angst vor dem ersten Anruf mit Suizidgedanken, aber dann passiert es ja prompt“, berichtet einer der Ehrenamtlichen. Darauf bereitet die Telefonseelsorge ihre „Leute“ bereits in der Basisschulung für den Dienst vor. „Es ist aus unserer fachlichen Verantwortung wichtig, das regelmäßig zu thematisieren, da mit Sicherheit und Klarheit entstehen, wie man bei einem solchen Anruf vorgeht“, betont Stephanie Schneider, Leiterin der TS Trier. „Wenn diese existenziellen Themen aufkommen, kommen wir ja immer auch mit unseren eigenen Ängsten in Kontakt.“
Grund- und Weiterbildung zum Thema Suizidalität
Deshalb ist an diesem Abend Dr. Jessica Levy bei der TS zu Gast. Sie ist Psychologin mit Weiterbildung in systemischer Therapie und Supervision. Fünf Jahre lang war sie bei „SOS Détresse“, dem luxemburgischen Pendant zur TS, tätig und führte dort unter anderem Grund- und Weiterbildungen zum Thema Suizidalität durch. Aktuell arbeitet sie bei der „Ligue Santé Mentale“ (Liga für mentale Gesundheit) in Luxemburg im Bereich der Suizidprävention.
„Meistens kommt das Thema über Andeutungen zur Sprache wie ,Ich kann nicht mehr‘ oder ,Ich will nicht mehr‘. Man muss sich trauen, nachzufragen“, betont die Psychologin. Wenn eine Person keine Suizidgedanken habe, sage sie auf die Nachfrage schlicht „Nein“. Dabei sei es nicht Aufgabe der Ehrenamtlichen am Telefon, herauszufinden, wie ernst es der Person am anderen Ende mit ihren Gedanken ist. „Es ist in dem Fall immer besser, einmal zu viel ernstgenommen zu werden als einmal zu wenig. Ob die Person dann tatsächlich einen Suizidplan hat, ist nicht relevant. Was in diesem Moment des Gesprächs zählt, ist, sie in ihrem Leid zu sehen.“
Es gehört zum Menschsein dazu, sich damit auseinanderzusetzen, ob man dieses Leben überhaupt will.
Psychologin Dr. Jessica Levy
Ein weit verbreiteter Mythos hingegen sei, dass man Personen durch Nachfrage überhaupt erst auf die Idee zum Suizid bringen könne. „Es gibt keine Studien, die darauf hindeuten. Wenn jemand die Gedanken nicht hat, wird er oder sie die Frage verneinen. Und wenn die Person Suizidgedanken hat, ist es für sie oft eine Erleichterung, dass jemand anderes das klar benennt.“
Ein Gedanke, über den man sprechen darf
Denn, so die beiden Expertinnen, Suizid sei immer noch ein großes Tabuthema. „Alle Menschen kommen in Krisen. Und eigentlich haben alle auch mal Ge danken in die Richtung, aber es wird nicht darüber gesprochen“, erklärt Schneider. Das Resultat: Viele fühlten sich, als dürften sie diese Gedanken nicht denken, was dazu führe, dass sie manch mal noch präsenter würden. „Es gehört zum Menschsein dazu, sich damit auseinanderzusetzen, ob man dieses Leben überhaupt will“, betont Levy. „Das ist ein sehr menschlicher Gedanke, und darüber darf man sprechen.“
Das Gespräch selbst, das die Ehrenamtlichen der TS mit suizidgefährdeten Personen führen, gleiche dann aber im Prinzip den an deren Gesprächen. „Da ist ein Mensch, der in einer Krise ist, der Unterstützung und ein offenes Ohr braucht und das bei der Telefonseelsorge findet“, sagt Levy.
Sie hat den Ehrenamtlichen im Workshop auch Modelle für ihren Dienst an die Hand gegeben, die etwa darstellen, wie man suizidale Krisen beschreiben kann. „Es ist nicht so, dass jemand von einer Sekunde auf die andere suizidal wird. Das Leben ist viel komplexer. Die Modelle erklären, wie jemand in eine solche Krise hinein, aber eben auch wieder heraus kommt.“ Psychische Krisen seien oft vorübergehend, deshalb gelte es, Zeit zu gewinnen, um die Betroffenen aus ihrem Tunnelblick zu befreien.
Manchmal gelingt das, aber natürlich nicht immer. Deshalb, so Levy, sei auch Supervision für die Ehrenamtlichen der TS wichtig. „Wir können Hilfe anbieten, aber wir können sie nicht erzwingen. Wenn sie angenommen wird, sind wir gerne da.“
Mehr ein Thema in E-Mails als am Telefon
Interessant ist dabei auch, dass nach Angaben von Schneider mehr Menschen in der ebenfalls von der TS angebotenen E-Mail-Beratung über Suizidgedanken sprechen als am Telefon. „Es geht in rund acht Prozent der Telefonate um Suizidgedanken, aber in rund 25 Prozent der Gespräche in der E-Mail-Seelsorge.“
Und es ist auch längst nicht so, dass nur die suizidgefährdeten Personen sich melden. „Oft rufen Angehörige an, die sich Sorgen machen. Man gewöhnt sich nie dran, es lässt einen nicht kalt. Man lernt Menschen selten so intensiv kennen, wie in diesem Augenblick“, berichtet eine Ehrenamtliche. „Wir geben Raum auszudrücken, was auf der Seele liegt“, meint eine andere, die „gestärkt“ aus dem Workshop geht. „Wir zeigen: Du Anrufer bist jetzt für mich die wichtigste Person. Das geht durch aktives Zuhören. Pausen und Weinen muss man zu lassen, sodass der andere das Gefühl hat, dass ich mich ganz auf ihn einlasse. Wir geben keine Ratschläge, sondern nehmen die Situation, wie sie ist.“ Letztendlich gehe man aus den Gesprächen heraus und hoffe, einen Impuls gegeben zu haben, meint ein Ehren amtlicher. „Aber man hat nie Gewissheit, wie das Leben des Anrufers weitergeht.“
Wie die Ehrenamtlichen Anrufe mit suizidaler Tendenz wahrnehmen, hängt nach ihren Angaben auch davon ab, ob die Person am Telefon sich in einer Akutsituation befindet, also schon „auf dem Brückengeländer“ steht. Darauf verweist auch Psychologin Levy: „Jeder Mensch hat verschiedene Teile in sich. Der Mensch, der auf dem Brückengeländer steht, trägt einen großen Anteil in sich, der sich das Leben nehmen will. Deswegen steht er auf der Brücke. Dann hat er aber noch einen ganz kleinen Teil in sich, der Hoffnung hat und wegen dem er die Nummer der Telefonseelsorge wählt. Wir versuchen, mit diesem Teil in Kontakt zu kommen, ohne den anderen wegzustoßen.“