Ostern:Ostern verändert alles

Ostern verändert alles. Wenn man an ein Leben nach dem Tod glaubt, verändert das alles. Auch wenn in unseren Breiten Weihnachten viel größer gefeiert wird, eigentlich ist Ostern der Dreh- und Angelpunkt. Wenn ich an ein Leben nach dem Tod glaube, dann muss ich nicht alles in diesem Leben erreichen. Ich muss mein Leben nicht „vollstopfen“. Ich muss nicht um jeden Preis alles hier auf Erden erlebt haben. Es verändert meinen Blick auf das Leben, auf das Zusammenleben, aber auch auf das Leiden, das Sterben und den Tod selbst.
Wir werden in Christus auferstehen
Durch die Auferstehung hat sich das Leben der Jüngerinnen und Jünger Jesu von Grund auf verändert. Vor Jesu Tod hatten sie wohl eine Ahnung, dass er der Sohn Gottes war. Er hatte ihnen sogar Tod und Auferstehung vorausgesagt. Aber es blieben für sie nur Worte, sie verstanden nicht wirklich, was sie bedeuten sollten. Nach Jesu Tod schien ihr Meister zunächst nur einer unter vielen Religionsführern gewesen zu sein, ein charismatischer zwar, aber er war eben auch gestorben, und damit war die Jesus-Bewegung am Ende. Die Jünger gingen nach Hause. Jesus aber sagt: Ja, geht nach Hause, geht nach Galiläa, dort werdet ihr mich sehen! In ihrem Alltag würden sie ihn erleben, den Auferstandenen. Damit wurde den Jüngern klar, dass seine Botschaft vom Reich Gottes tatsächlich wahr war. Sie war eben nicht nur eine Weltanschauung, eine weitere religiöse Ausrichtung, gar eine Illusion. Nun konnten sie sich nachhaltig auf den Weg machen und für diese Botschaft eintreten. Im Extremfall konnten sie sogar ihr Leben hingeben für diese Botschaft, denn sie glaubten und sie wussten: wir werden in Christus auferstehen. Der lebendige Christus ist mit uns.
Der Glaube an die Auferstehung verändert das ganze Leben. Er fügt ihm eine neue Dimension hinzu, die man aus dem Leben allein nicht herausholen kann. Wenn der Stein einmal weggewälzt ist von unseren persönlichen, engen Vorstellungen vom Leben, wenn wir den Auferstandenen wirklich erlebt und erfahren haben, so wie es den Jüngern erging, dann öffnen sich neue Perspektiven, die ich vorher nicht einmal erahnt hatte. Dann übersteige ich mich selbst, aber nicht aus eigener Kraft, sondern mit der Kraft Gottes. Dann breche ich aus meinen eigenen begrenzten Gedanken, Gefühlen und Konzepten aus. Dann können Wunder geschehen, auch durch mich, weil ich Gott schon in diesem Leben in mein Leben hereinlasse. Ansonsten gibt es nur mich, und ich bin die Grenze meiner selbst. Ich muss alles aus mir selbst hervorholen. Der Glaube aber entgrenzt, der Stein ist weg, das Grab ist offen, der Verwundete, der Geschundene, der Gestorbene lebt.
Mein Leiden wird in Gott aufgehoben sein
Denn auch unser Blick auf Leiden und Schmerz verändert sich mit dem Glauben an Jesu Auferstehung. Ich muss nicht auf Teufel komm heraus jeden Schmerz sofort vermeiden. Ich kann in Leiden, die ich nicht ändern kann, einen Sinn entdecken. Auch wenn ich den Sinn nicht gleich erkenne – selbst Jesus konnte ihn zunächst nicht vollständig sehen, wie sein Gebet am Ölberg zeigt – weiß ich doch in der Hoffnung auf die Auferstehung, dass einmal auch mein Leiden in Gott aufgehoben sein wird. Die Wunden werden vergoldet sein. Ich werde geheilt und frei sein.
Das Gleiche gilt für das Sterben. Wenn ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, ist das Sterben die sinnloseste Sache der Welt. Wenn ich aber an ein Leben nach dem Tod glaube, dann kann ich auch das Sterben in einem neuen Licht sehen. So wie schon das Auf-die-Welt-Kommen ein Geheimnis von Gott ist, so auch das Aus-der-Welt-Gehen. Da liegt eine Würde, selbst im Sterben. Sie ist unantastbar. Ich kann zwar oft nicht verstehen, warum ein Mensch auf diese oder eine andere Weise sterben muss, aber ich glaube, dass selbst das Sterben zu seinem Geheimnis mit Gott gehört – und Sinn macht. Und nicht das Ende ist.
Und ist es nicht schon so zuvor im irdischen Leben? Die vielen kleinen Tode in unserem Leben verlieren ihren Schrecken. Oft müssen wir loslassen: geliebte Menschen, geliebte Orte, geliebte Arbeitsplätze … Es sind kleine Tode. Wenn ich mich darin einübe in der Hoffnung, dass es danach eine Auferstehung gibt, kann ich leichter hindurchgehen.
Das Leben nach dem Tod ermöglicht mir auch den Glauben an eine göttliche Gerechtigkeit. Es ist eben nicht egal, was ich tue. Am Ende wartet einer auf mich und auf jeden Menschen, ein gerechter und barmherziger Richter. Ich muss nicht selbst jede Gerechtigkeit herstellen in diesem Leben, da ist einer, der hat den größeren Überblick. Er ist barmherziger als je ein Mensch sein könnte, und gerechter.
Der Tod verliert – ein wenig zumindest – den Schrecken
Ja, und schließlich verliert der Tod selbst für mich den Schrecken – ein wenig zumindest. Einmal starb einer meiner Mitbrüder mit folgenden Worten auf den Lippen: „Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen!“ Tatsächlich, das Beste kommt erst noch!
Und wenn ich nicht glauben kann? Dafür gibt es die Kirche. Dafür gibt es die Schwestern und Brüder im Glauben. Ich kann sie fragen: Warum glaubst Du? Auch die Jünger konnten am Anfang nicht glauben und taten sich schwer zu verstehen. Aber sie halfen einander: Die Frauen halfen den Männern, die zehn Apostel halfen dem Thomas. Fragen wir unsere Omas und Uromas, Väter und Großväter, Priester und Ordensleute, fragen wir all jene, die bereits diesen Frieden ausstrahlen, der aus dem Glauben kommt. Fragen wir sie, wie sie der Glaube verändert hat. Wir sind eine Gemeinschaft der Glaubenden. Unser Glaube braucht nicht perfekt zu sein. Doch wir können uns in der Osternacht gegenseitig zusingen „Christ ist erstanden von der Marter alle, halleluja!“
Es ist kaum verständlich, dass im kulturell vom christlichen Glauben zutiefst geprägten Westen dieses fundamentale Fest, dieses Geheimnis, zum Symbol eines Osterhasen zusammengeschrumpft ist. Lassen wir uns den Hasen ruhig schmecken, aber danken wir dem Herrn an diesem Osterfest und an jedem Sonntag, dass er für uns gelitten hat, gestorben ist und am dritten Tag auferstanden ist.