„Die Welle“:„Faschismus steckt in jedem“

Hinzert. Es ist ein außergewöhnliches Stück, das die 13 Köpfe starke Theatergruppe Noice in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Hinzert gleich zweimal aufgeführt hat. Viele Menschen kennen „Die Welle“ aus dem gleichnamigen Fernsehfilm. Das Stück wurde nach einem im amerikanischen Palo Alto tatsächlich stattgefundenen Experiment verfilmt.
Mein Ziel als Regisseur war es, einen diversen Haufen zusammenzustellen als Gegenmodell zur autoritären Gleichschaltung im Stück.
Matthias Leo Webel
Viel intensiver, viel beängstigender als im Kino ist es für die 120 Besucher im beide Male vollbesetzten Ausstellungsraum der Gedenkstätte, wenn die Akteure direkt vor den Betrachtern spielen. Den jugendlichen Darstellern gelingt es, die Entwicklung einer eigentlich normalen Schulklasse in eine faschistoide Gesellschaft eindrucksvoll vorzustellen. Da ist Außenseiter Robin. Erst gemobbt, entwickelt er sich zum glühenden Vertreter der Welle, will gar Geschichtslehrer Mr Jones als persönliche Leibwache beschützen. Lory, die die Schülerzeitung verantwortlich herausgibt, zweifelt am Experiment und an der Welle und wird zur Außenseiterin.
Immer wieder tauchen im Stück die Fragen und Phrasen auf, die Menschen heute noch beschäftigen: „Wie konnte das im Dritten Reich alles geschehen?“, „Es ist längst vorbei“, „Als ob so etwas wieder passieren könnte“. Doch die gruppendynamischen Prozesse, „die Energie, die wir greifen können“, das Gemeinschaftsgefühl, das Gefühl von „Stärke durch Disziplin“, „Stärke durch Aktion“, all das fängt die Schüler ein. Und es führt dazu, dass ein Junge verprügelt wird, der nicht in die Welle eintreten will und dazu noch Jude ist. Mit den Worten „Ihr wart bereit, eure Freiheit aufzugeben. Ihr wärt gute Nazis geworden“, beendet Lehrer Ross schließlich das Experiment. „Faschismus steckt in jedem von uns“, ist sein bitteres Resümee.
Emotional angegriffen
Und was hat das Schauspiel mit den Darstellern im Alter zwischen 13 und 19 Jahren gemacht? „Für mich ist es wichtiger, das Ereignis darzustellen als mich ihm zu entziehen“, sagt Johanna Schillo zu dem schwierigen Stoff. „Es zeigt uns, dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen, was uns gesagt wird“, ergänzt Martha. „Wenn man bedenkt, an welchem Ort wir das spielen, hat das noch eine extra Wirkung“, beschreibt Lea Stuhlträger. Das Stück habe sie mitgenommen, sagt sie. „Es hat mich emotional angegriffen.“
Tatsächlich seien einige Verhaltensweisen der Personen im Stück im Alltagsleben hochgekommen: „Ich habe auf einmal Wert auf Disziplin gelegt“, nennt Tobit Hewer, der Lehrer Ross gespielt hat, als Beispiel. „Autorität kann zu Menschenverachtung führen, viel schneller, als man denkt“, stellt er fest. Auch Kai Diversi, der den autoritären Rektor darstellt, hat gemerkt, dass seine Rolle ins tägliche Leben eingeflossen ist.
„Mein Ziel als Regisseur war es, einen diversen Haufen zusammenzustellen als Gegenmodell zur autoritären Gleichschaltung im Stück“, erläutert Matthias Leo Webel. Bleibt noch die Frage nach dem Namen der Gruppe: „Noice“ sei eine Mischung aus den englischen Wörtern „nice“ und „noise für „hübsch, schön“ und „Lärm, Geräusch“ und stehe für Jugendliche, die sich laut machen und sich nicht zurückhalten wollen.