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Nachtschwärmer:Ein gemütliches Wunder

Der Winter ist da, nach Silvester kommt für viele Menschen eine Durststrecke. Wer mag bei Düsternis, Nässe und Kälte schon gerne vor die Tür gehen? Dabei gibt es gute Gründe, zum Nachtschwärmer zu werden.
Vier paar Füße in dicken Socken werden an ein offenes Kaminfeuer gestreckt.
Datum:
16. Jan. 2026
Von:
Angelika Prauß

Noch zwei weitere Monate gibt es hierzulande mehr Dunkelheit als Tageslicht. Für viele sind das grausige Aussichten. Manche aber kann diese Perspektive nicht abschrecken. Im Gegenteil. Denn die dunkle Jahreszeit kann mit vielem punkten.

Entscheidend ist, ob man sich auf sie einlässt. Über die langen Winternächte werde viel geklagt, beobachtet die US-Psychologin Kari Leibowitz: Man komme morgens kaum aus dem Bett, kehre im Dunkeln von der Arbeit zurück. Freunde treffen, Sport treiben, abends das Haus verlassen, um etwas zu unternehmen – all das werde als Kraftakt empfunden. „Doch wer bereit ist, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, dem winken die subtile und köstlichen Freuden der Dunkelheit“, schreibt Leibowitz in ihrem Buch „Wintern“.

Es ist eine Begegnung, die uns den Atem raubt, weil sie etwas vom unerschöpflichen Geheimnis des Universums erleben lässt, das dem Kosmos einen Sinn verleiht.

Alfred Hirsch, Religionspädagoge

„Anstatt sich gegen die Dunkelheit zu wehren, sollten Sie sich fragen: Was ist im Dunkeln besser?“, rät Leibowitz, die für einen positiveren Umgang mit der kalten Jahreszeit wirbt. Denn die Dunkelheit kommt in jedem Fall – auch wenn man sie nicht mag. Also: „Wir können mit der Nacht kooperieren und aus der bedrückenden Dunkelheit ein gemütliches Wunder erstehen lassen.“

Kari fällt dazu einiges ein: Abende bei Kerzenschein, bewusstes Runterkommen und Entschleunigen, frühes Zubettgehen. Aber auch draußen könnten abendliche Spaziergänge, Lagerfeuer oder der Sternenhimmel besondere Momente bereithalten. Für die Winter-Expertin ist Dunkelheit „nicht nur einfach die Abwesenheit von Licht: Sie ist die Anwesenheit von etwas ganz anderem“. Und so könne sie sich von „einer Quelle winterlicher Bedrückung in eine Zeit voller Magie und Möglichkeiten“ verwandeln.

Beispiel Lagerfeuer. Viele Menschen genießen es, auch im Herbst und Winter am offenen Feuer beieinander zu stehen und den tanzenden Flammen zuzusehen. Es knistert, spendet wohlige Wärme und sieht jeden Moment anders aus. 

Zauber des Sternenhimmels erleben

Ein besonderes Glück, wenn man an solchen Abenden den Zauber eines Sternenhimmels erlebt. Nicht nur Astronomieliebhaber erfreuen sich an den mit bloßem Auge zu sehenden Gestirnen. Viele Menschen erfüllt der Blick in einen sternenübersäten Nachthimmel mit Staunen und Ehrfurcht.

„Nachts vermengen sich in mir ein unsägliches Gefühl von Unendlichkeit und die schwindelerregende Empfindung von kosmischer Verbundenheit“, erklärt etwa der vietnamesisch-amerikanische Astrophysiker Trinh Xuan in seinem Buch „Die Magie der Nacht“. Während er so in den Himmel zu Sternschnuppen und fernen Galaxien blickt, findet der Wissenschaftler poetische Worte für das, was er angesichts der unfassbaren Dimensionen des Alls sieht und fühlt. Denn allein die Milchstraße beheimate mehrere Hundert Milliarden Sterne. Das erfüllt auch den Wissenschaftler mit Ehrfurcht.

Für Alfred Hirsch ist das Betrachten des Sternenhimmels auch eine Gotteserfahrung. Der Dillinger Religionspädagoge ist ein Astronomie-Freak und bietet regelmäßig spirituelle Abend- und Nachtwanderungen an. Wer in den nächtlichen Himmel blicke, treffe auf eine „grenzenlose Dimension des Schönen“. Das Staunen über den prachtvollen Sternenhimmel ist für ihn „ein erster bedeutender Schritt, um an einen Schöpfer glauben zu können“. Schon immer habe der Blick nach oben Menschen mit spirituellen Fragen konfrontiert: Wer bin ich, woher kommt das alles?

Der Anblick der Milchstraße ist für Hirsch, der das Buch „Staunen unterm Himmelszelt“ geschrieben hat, „wie eine Schwelle zu einem Rendezvous mit der unendlichen Schöpferkraft des Universums. Es ist eine Begegnung, die uns den Atem raubt, weil sie etwas vom unerschöpflichen Geheimnis des Universums erleben lässt, das dem Kosmos einen Sinn verleiht“.

Allerdings kommen immer weniger Menschen in den Genuss eines solchen überwältigenden Sternenhimmels. Hierzulande gibt es kaum noch Regionen ohne Lichtverschmutzung. Die findet man hier noch fernab der großen Städte, beispielsweise in den Nationalparks Eifel und Hunsrück. Dabei brauchen Tiere und Menschen die Dunkelheit. 

Info

  • Alfred Hirsch: Staunen unterm Himmelszelt. Sternstunden zwischen Spiritualität und Astronomie, claudius, München 2025, 173 Seiten, 22 Euro.
  • Kari Leibowitz: Wintern. Wie wir mit der richtigen Einstellung durch die dunkle Jahreszeit kommen; Klett-Cotta, Stuttgart 2025, 18 Euro.