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Tante und Onkel:Der sichere Zweithafen

Familien leben immer häufiger verstreut, sind beruflich belastet oder müssen etwa nach Trennungen neue Wege finden. Die Geschwister der Eltern können mehr zu Stabilität beitragen, als vielen bewusst ist.
Zwei Frauen aus der Rückansicht spazieren mit einem roten Regenschirm einen Weg entlang
Datum:
11. Apr. 2026
Von:
Paula Konersmann

Als sie ihr großes Lebensziel erreicht hat, sehnt sich Joan nur noch nach Hause zurück. Ihr Traum als Astronomin: einmal zu den Sternen fliegen. Doch ihr Zuhause, das ist vor allem ihre Nichte Francis. „Atmosphere“, der aktuelle Roman von Starautorin Taylor Jenkins Reid, handelt vom Weltall, aber vor allem von Freundschaft, Loyalität und Liebe. Über ihre Nichte sagt die Hauptfigur einmal, sie sei dem Mädchen dankbar dafür, durch sie zu erfahren, wie sehr sie überhaupt lieben könne. 

Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen 

Tanten und Onkel können eine entscheidende Rolle spielen – diese Beobachtung bestätigt der Wiener Psychologe Harald Werneck. Forschung gebe es dazu erstaunlich wenig: „Klassisches Forschungsthema ist die Mutter-Kind-Bindung, ab den 90er-Jahren kamen – noch etwas mühsam –die Väter hinzu“, erklärt er. Über Großeltern wird seit einigen Jahren verstärkt geforscht – und künftig, vermutet er, auch über die Geschwister der Eltern. 

Empirisch sei dies komplex, erklärt Werneck. „Es liegt auf der Hand, dass Geschwister wichtig sind – und dass es auch Einfluss hat, wenn jemand keinen Bruder oder Schwester hat.“ Um jedoch eine Frage zu beantworten wie die, welcher Altersabstand zwischen Geschwistern optimal ist, müssten viele Faktoren einbezogen werden. „Das findet sich im Verhältnis zu einer Tante oder einem Onkel wieder: Wenn die Mutter kaum Kontakt zu ihrem Bruder hat, wird das wohl nicht der innigst geliebte Onkel werden.“ 

Es liegt auf der Hand, dass Geschwister wichtig sind – und dass es auch Einfluss hat, wenn jemand keinen Bruder oder Schwester hat.

Psychologe Harald Werneck

Der Experte rät Familien, diese Ressource gezielt zu nutzen. „Beziehungen verändern sich immer wieder, auch die zwischen Geschwistern. Im Zuge dessen kann eine Tante näher an Nichte oder Neffen heranrücken, die bislang vielleicht keine enge Bezugsperson war.“ Oftmals könnten diese Erwachsenen auch ganz konkret unterstützen – mit dem Besuch beim Fußball oder mit der Vermittlung einer Wohnung. 

Werneck zitiert das afrikanische Sprichwort, dass es ein Dorf brauche, um ein Kind großzuziehen. „Das bedeutet, Erwachsene, die liebevoll und kompetent auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen.“ Wenn Kinder schon frühzeitig mit Tante oder Onkel in Verbindung stehen, lernten sie zudem, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen und entsprechend zu reagieren – die Psychologie nennt dies „Differenzerfahrung“.  

In vielen Fällen profitierten alle Beteiligten: Cousins und Cousinen, die eine Kindheit teilen. Nichten und Neffen, die einem Erwachsenen umso mehr ans Herz wachsen, dessen eigener Kinderwunsch unerfüllt blieb. Und den Eltern steht jemand mit Rat und Tat zur Seite – als Babysitterin oder als Ansprechpartner, wenn aus dem Kind ein Teenie wird, der vom ersten Liebeskummer niemandem weniger erzählen möchte als den eigenen Eltern. 

Verwandte der Mutter oft am nächsten dran 

In den vergangenen Jahren sind auch Patenschaften stärker gefragt – nicht nur bei kirchennahen Menschen. Sogar bei Tieren lässt sich laut Werneck beobachten, dass sich Gruppen um ein Junges kümmern, etwa bei Menschenaffen oder Elefanten: „Das scheint sich in der Evolution bewährt zu haben“, sagt der Wissenschaftler. „Insofern kehren die Menschen vielleicht zurück zu den Wurzeln, wenn Tanten, Onkel oder Paten wieder eine wichtigere, letztlich sehr alte Rolle übernehmen.“ 

Auf eines deutet die Forschung indes hin: dass die Bindung zu Verwandten der Mutter oft besonders eng ist. Historisch gesehen übernahm der Bruder der Mutter – der Oheim – die rechtliche Vaterrolle, wenn dieser etwa frühzeitig verstarb. 

Eine Herausforderung sieht Werneck allerdings auch im Umgang mit engen, erwachsenen Bezugspersonen: Kinder sollten frühzeitig lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und deutlich zu machen. „Vieles ist nicht böse gemeint. Aber wenn ein Kind älter wird und das Abschiedsbussi der Oma ablehnt, dann sollte man das ernstnehmen – ohne sich zurückgewiesen zu fühlen.“ Dies sei ein Übungsraum, um auch bei ernsthaften Übergriffen zu reagieren. Ein Kinobesuch mit dem Onkel könne einfach ein tolles Erlebnis sein – wenn dieser einem halbwüchsigen Mädchen jedoch zu nah komme, seien dessen Selbstbewusstsein und auch ein kritisches Bewusstsein im Nahbereich entscheidend.