Seitenhiebe gen Westen:Bisher wohl konservativste Rede

Die Spannung war groß, als Papst Leo XIV. die erste Neujahrsansprache vor den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschaftern hielt. Dass er mit fast zehn Minuten Verspätung in der vatikanischen Benediktions-Aula eintraf, sorgte für zusätzliche Unruhe unter den versammelten Diplomaten aus mehr als 180 Ländern. Mit dynamischen Schritten durchmaß er den langen Raum und nahm auf seinem thronartigen Sessel Platz. Nach einer wohlwollenden Begrüßung durch den zypriotischen Botschafter – der Dienstälteste des Diplomatischen Korps –, Georges Poulides, begann er seine Rede in seiner amerikanisch-englischen Muttersprache.
Nach den vergangenen Wochen, in denen der Präsident seines Heimatlandes USA in Gedanken, Worten und Werken mehrere rote Linien der globalen Politik überschritten hatte, warteten seine Zuhörer und Zuhörerinnen gespannt auf das, was der erste US-amerikanische Papst in seiner Rede zur Weltlage zu sagen hatte. Was Leo XIV. ihnen vortrug, war eine lange Grundsatzrede zu außenpolitischen, sozialen und ethischen Themen, die es in sich hatte. Sie enthielt mit Blick auf die Politik der USA vieles, was als Kritik an der derzeitigen Regierung in Washington verstanden werden konnte. So war er eindeutig in seiner Aufforderung zur Solidarität mit Migranten, die aus Notlagen ihre Heimat verlassen und Schutz in reicheren Ländern suchen.
„Krieg ist wieder in Mode gekommen“
Ähnlich klar waren seine Ausführungen zu Venezuela. Hier mahnte der Papst „den Willen des venezolanischen Volkes zu respektieren und sich für den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte aller einzusetzen“. Die US-Intervention in Caracas nannte er nicht beim Namen. Auch seine weiter gefasste Kritik an der Schwächung des multilateralen Systems und der Zunahme des kriegerischen Denkens enthielt implizite Kritik am Vorgehen Donald Trumps. Hier war der Papst rhetorisch vielleicht am stärksten und formulierte: „Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt. Krieg ist wieder in Mode gekommen, und eine kriegerische Stimmung breitet sich aus.“
Krieg ist wieder in Mode gekommen, und eine kriegerische Stimmung breitet sich aus.
Papst Leo XIV.
Doch enthielt die Rede des Papstes auch andere Punkte, die für die Regierung in Washington durchaus willkommen erscheinen mussten. Etwa, als er den Vereinten Nationen den Ratschlag gab, sich weniger um die Verbreitung von „Ideologien“ zu kümmern, sondern sich vielmehr auf ihre Rolle als Friedensvermittler zu konzentrieren. Noch deutlicher wurde Leo XIV. bei seiner „kategorischen Verurteilung“ der staatlichen Förderung von Abtreibungen. Und eine Legalisierung von Euthanasie kritisierte er ebenso scharf wie gesellschaftspolitische Modelle, die darauf gerichtet seien, die traditionelle Ehe von Mann und Frau zu zerstören.
„Eingeschränkte Meinungsfreiheit"
Auch der Vorwurf der Einschränkung der Meinungs- und Gewissensfreiheit in Ländern des Westens, die sich offiziell zu den Spielregeln von Freiheit, Pluralismus und Demokratie bekennen, war in der Rede des Papstes enthalten. Wörtlich sagte er: „Es ist bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.“