Gedenkveranstaltung:An die Würde erinnert

Cochem. Die grausamen und systematischen Gräueltaten des NS-Regimes waren unbeschreiblich. Auch am beschaulichen Cochem an der Mosel gingen die brutalen Deportationen und Ermordungen nicht vorbei. Im Franziskanerkloster Ebernach, schon damals ein Heim für beeinträchtigte Menschen, wurden 199 Bewohner aufgrund des skrupellosen Vernichtungsprogramms „Aktion T4“ der Nazis brutal aus der Obhut der Ordensmänner gerissen.
199 Holztäfelchen mit Krone erinnern an Würde
Das NS-Regime bezeichnete Menschen mit Beeinträchtigungen als „unwertes Leben“ und ließ sie in das galizische Kulparkow, im damals von Nazi-Deutschland besetzten Polen deportieren, wo sie mit Giftgas ermordet wurden. Im Kloster Ebernach, das noch heute eine Heimstätte für individuell beeinträchtigte Menschen ist, fand zum Gedenken an diese und alle weiteren namenlosen NS-Euthanasieopfer am 27. Januar eine besondere Veranstaltung statt.
Veronika Rass, Pastoralreferentin im Pastoralen Raum Cochem-Zell, hatte mit Schülerinnen und Schülern des Martin-von-Cochem-Gymnasiums und mit Kloster Ebernach eine anschauliche und würdige Gedenkfeier ins Leben gerufen. 199 Holztäfelchen, beschriftet mit einer Krone und dem Text „Würde unantastbar“ standen für jeden einzelnen der deportierten Bewohner des Klosters.
Schüler der 10. Klasse des Gymnasiums verlasen die Namen der Opfer, wobei ihnen die Betroffenheit anzusehen war. Der 15-jährige Gymnasiast Maximilian Pellny hatte einen Teil der Namensnennung übernommen. Bei der Vorbereitung des Gedenkens hatten er und seine Mitschüler von der „Aktion T4“ erfahren. Nicht nur Bewohner des Cochemer Klosters, sondern mehr als 200 000 Menschen im gesamten Dritten Reich wurden anfänglich mit Gas, später durch gezielte Medikamentenvergiftungen oder Verhungern gezielt getötet. „Damit hätte ich nicht gerechnet! Ich bin total geschockt. Diesen Teil unserer Geschichte darf man nicht vergessen“, so der Schüler.
Aufarbeitung in nächste Generation weitertragen
Veronika Rass zitierte in ihrer Rede den Krankenhaussprecher der Psychiatrie in Kobierzyn: „Wir haben als Menschen etwas, wofür wir uns schämen müssen! Ich sage das nicht als Pole oder Deutscher, sondern einfach als Mensch!“
Der Gemeindeleiter der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Bendorf, Sven Ziegler, nannte in seiner Rede die Betreuungsstätten und „Nervenheilanstalten“, aus denen die Opfer der „Aktion T4“ deportiert und auch bis 1945, lange nach der offiziellen Beendigung des Vernichtungsprogramms, ermordet wurden. „Auf dass die Opfer dieser Heilstätten nie vergessen werden!“
Auch Landrätin Anke Beilstein dankte dem Kloster und Veronika Rass dafür, dass auf diese Weise den Opfern des Klosters und allen Namenlosen der grausamen Aktion gedacht wurde und ihre Namen wieder genannt wurden. Auf diese Weise werde die Erinnerungskultur aufrecht erhalten.
Alle Redner mahnten auch die aktuelle politische Lage an: Diese entwickele sich mancherorts wieder hin zu Ausgrenzungen und Diffamierungen, rechtes Gedankengut nehme zu. Daher betonten die Verantwortlichen die Wichtigkeit von Erinnerungskultur und davon, die Aufarbeitung der Gräueltaten des NS-Regimes in die nächste Generation weiterzutragen.
Die Gedenkfeier, an der neben Vertretern der Kirchen, der Klosterleitung, der Stadt- und Landespolitik rund 70 Personen teilnahmen, wurde mit dem jüdischen Gebet „El male rachamim“ (Gott, voller Barmherzigkeit) durch die jüdische Gemeinde Koblenz sowie einer Kranzniederlegung am Gedenkstein der Opfer auf dem Klostergelände beendet.