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Vortrag:Als Kirchen mehr Mystik wagen

Das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität sei groß, befindet der Sprachwissenschaftler Wolf-Andreas Liebert. Bei Vorträgen in Wittlich und Trier plädierte er dafür, als Kirchen wieder „mehr Mystik zu wagen“.
Drei Männer blicken lächelnd in die Kamera
Datum:
29. Jan. 2026
Von:
Stefan Endres

Trier/Wittlich. Trotz des Bedeutungsverlustes, den die Kirchen erleiden, beobachtet der Professor für Religionslinguistik an der Universität Koblenz ein ungebrochenes Bedürfnis der Menschen nach Religion und Spiritualität. Dafür stehe unter anderem eine „neue religiöse Szene“, die Liebert erforscht hat.

Diese Szene lehne eine verfasste Religion ab und sei geprägt von einer „individuell zusammengestellten, informellen und unauffällig gelebten Spiritualität ohne Verpflichtungen“. Liebert skizzierte diese neuen Formen der Spiritualität am Beispiel des Autors und „spirituellen Lehrers“ Eckhart Tolle, der mit seinen Büchern und Vorträgen ein großes Publikum erreiche.

Dialog zwischen Religionen dank Mystik

Die von ihm propagierte Spiritualität sei für viele Suchende „alltagstauglich“, „mystisch“ in ihrer unmittelbaren Form der Religiosität und habe das „Dogma zum Feind“, fasste Liebert bei seinem Vortrag „Mystik statt Dogma!“ in der Autobahn- und Radwegekirche St. Paul in Wittlich zusammen. Den Vortrag präsentierte er zudem beim Theologischen Quartett in Trier.

Ich wünsche mir, dass die christlichen Kirchen die spirituelle Sehnsucht aufgreifen, wieder mehr Kontemplation anbieten und ‚mehr Mystik wagen‘.

Wolf-Andreas Liebert

In einigen „Annäherungen“ blickte Liebert auf zentrale Aspekte einer wiederzuentdeckenden Mystik – darunter die „unmittelbare Erfahrung des Göttlichen“ in Meditation und Kontemplation, die „Leerheit“ als eine Haltung wie bei Meister Eckhart oder das Bild der „überfließenden Liebe“ wie bei Hildegard von Bingen.

Der Linguist mit dem Schwerpunkt Religion und Sprache berichtete von Erfahrungen aus seiner eigenen Meditationspraxis und von einer als besonders „bewegend“ empfundenen Begegnung mit einer buddhistischen Lehrerin in einem christlichen Frauenkloster. Aus der Praxis der Mystik erwachse eine „tiefe Toleranz und Empathie“ zu anderen Religionen, die einen „Dialog dank Mystik“ ermögliche, so Liebert.

Mystik als Chance für die Kirchen

Der Autor des Buches „Graswurzelglaube. Über neue Formen des Religiösen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft“ sieht in einer „erfahrungsorientierten, überkonfessionellen Spiritualität“ eine große Chance für die Kirchen. Denn die Menschen suchten nach Gotteserfahrung und spiritueller Tiefe. „Ich wünsche mir, dass die christlichen Kirchen die spirituelle Sehnsucht aufgreifen, wieder mehr Kontemplation anbieten und ‚mehr Mystik wagen‘“, sagte der Referent.

Es gelte, den „christlichen Weg mit seinem unglaublichen Fundus“ wiederzuentdecken sowie die Kirche als einen Ort, an dem das unmittelbar Spirituelle gelebt werden könne.

Info

Am Samstag und Sonntag, 31. Januar und 1. Februar, ist ein Vortrag von Prof. Dr. Franz Segbers, Konstanz, geplant. Am 21. und 22. Februar ist Sr. Philippa Rath OSB, Eibingen, zu Gast. Näheres gibt es unter www.kurzlinks.de/autobahnkirche-wittlich und www.tqt-trier.de im Internet.