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„Ich hoffe auf eine Überraschung“

Foto: Rolf Lorig
„Unser Hauptauftrag als Christen ist es, den Menschen beizustehen und Wunden zu heilen. Verhindern können wir so gut wie nichts“, sagt Stephan Wahl, der Anfang Juni mal wieder kurzzeitig in Trier war.

„Ich hoffe auf eine Überraschung“

Von: Rolf Lorig | 23. Juni 2024
Im Fernsehen verkündete Monsignore Stephan Wahl über Jahre das Wort zum Sonntag, später war er Kommunikationschef des Bistums Trier. Seit sechs Jahren lebt er im Osten der Stadt Jerusalem in einem muslimischen Umfeld. Seit dem 1. Mai befindet sich der 1960 geborene Bistumspriester aus gesundheitlichen Gründen im Ruhestand. Was fasziniert ihn am Leben im Heiligen Land, wie erlebt er die Spannungen, die terroristischen Akte der Hamas und den Krieg im Gaza-Streifen? Darüber sprach Wahl mit „Paulinus“-Mitarbeiter Rolf Lorig.

Wann waren Sie zuletzt in Trier?
Das war im Januar. Da hatte ich die Lesereise zugunsten der Opfer in Gaza und an der Westbank (der „Paulinus“ berichtete). Jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, besuche ich auch Trier, ich gehöre zum Bistum und meine Mutter lebt hier.
Seit 2018 leben Sie in Jerusalem, wo Sie als Seelsorger und Autor wirken. Was fasziniert Sie an dieser politisch nicht ganz einfachen Region?
Ich war schon als Schüler in der Oberstufe im Schüleraustausch an einer Schule in Tel Aviv. Das war die erste Begegnung mit dem Land. Die Vielschichtigkeit der Stadt Jerusalem, die verschiedenen Kulturen, Konfessionen und Religionen, das hat mich sehr fasziniert. In meinem Studium hatte ich das Glück, über ein Stipendium ein Jahr in Jerusalem im Ökumenischen Studienjahr „Pro Memoria“ an der Abtei Dormitio zu studieren. Am liebsten wäre ich damals schon dageblieben. Es gab auch eine Zeit, da überlegte ich, als Mönch in die dortige Abtei einzutreten. Aber der liebe Gott hat mir viele Talente geschenkt – ein Leben als Mönch war nicht dabei …

Die Stadt fasziniert mich nach wie vor, gleichzeitig leide ich mit ihr. Auf der einen Seite ist das Zusammenkommen der Kulturen und Religionen eine unglaubliche Bereicherung, auch für den eigenen Horizont. Auf der anderen Seite wäre es schöner, die Stadt und das Land erleben zu können, wenn Frieden wäre.
Gefahrloser würden Sie nun vermutlich in Deutschland leben. Trotzdem bleiben Sie in Jerusalem. Und das, obwohl sich die politische Situation immer weiter zuspitzt.
Im Moment ist es völlig unsicher, wie die Zukunft aussieht. Doch ich habe mich nie unsicher gefühlt. Als es am 7. Oktober 2023 zu dem schrecklichen Massaker kam, gab es natürlich Angebote von der deutschen Botschaft für die Ausreise. Das Auswärtige Amt schickte damals sogar einige Maschinen der Lufthansa, mit denen Deutsche das Land verlassen konnten. Ich habe das aber keine Sekunde lang in Betracht gezogen. Denn ich kann nicht in einem Land leben, wenn alles einfach ist, und sobald es schwierig wird, setzt man sich in den Flieger und flieht in das sichere Heimatland. Das können die Leute vor Ort, meine Nachbarn, meine arabischen und israelischen Freunde, auch nicht. Ich bin gerne in meiner Heimat, aber zuhause bin ich in Jerusalem.
Was bekommen Sie an ihrem Wohnort in Jerusalem von diesem Mix aus Terror und Vergeltung mit?
Ich wohne in Ost-Jerusalem, in einem Stadtteil, wo überwiegend Palästinenser leben. Dort bekomme ich vom unmittelbaren Kriegsablauf kaum etwas mit. Wir hatten am 7. Oktober natürlich auch Alarm, ich habe die abgefangenen Raketen am Himmel gesehen und die Detonationen gespürt und auch den Angriff der Iraner miterlebt. Doch Ost-Jerusalem ist wegen seiner palästinensischen Bevölkerung in diesem Punkt relativ sicher. Es kommt natürlich auch hier leider immer wieder zu Übergriffen und Anschlägen. In den ganzen sechs Jahren habe ich aber nur einmal eine Straßenbahn früher verlassen, weil mir da jemand mit einem Rucksack nicht geheuer war. Passiert ist aber nichts …

Für mich ist der „fast normale“ Alltag bedrückend. Wenn man aktuell keine Zeitung lesen, Nachrichten schauen oder die Warnapp mit den Raketenwarnungen abschalten würde, könnte man rasch vergessen, dass in nur 80 Kilometern Luftlinie Menschen seit Oktober verletzt und getötet werden. Dieses Gefühl belastet sehr, daran kann und will ich mich nicht gewöhnen.
Mit ihren terroristischen Taten unternimmt die Hamas alles, um ein friedliches Miteinander von Juden und Palästinensern zu verhindern. Dabei hat es den Anschein, dass Israel an diesem Prozess nicht unschuldig ist.
Ja und nein. Mir kann kein Palästinenser sagen, dass das Massaker vom 7. Oktober mit dem Verhalten der Israelis in der Westbank und der Besatzung begründet werden kann. Das war ein bestialisches Unterfangen. Es ist aber auch keine Frage, dass die Ungerechtigkeit der Israelis in der Westbank seit 1967 ein Gewaltpotential gefördert hat, das bis heute nicht befriedet ist. Ich liebe Israel. Deshalb leidet man umso mehr, wenn man sieht, dass Israel sich in den letzten Monaten hin fast zu einem Paria-Staat entwickelt hat. Nach dem 7. Oktober stand die ganze Welt hinter Israel und war entsetzt. Mittlerweile hat sich das völlig verändert durch die Art und Weise, wie die jetzige Regierung mit dem Problem umgegangen ist. Ich hätte nie gedacht, dass ein Volk, das so fürchterlich unter dem Faschismus gelitten hat, gleich zwei offen faschistoide Minister, Ben Gvir und Bezalel Smotrich, in eine Regierung berufen hat. Die geben den Siedlern in der Westbank einen Freibrief, was die Spannungen weiter anheizt.
Wie stehen die Chancen, die Geiseln der Hamas wieder freizubekommen?

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Die nächste „Paulinus“-Leserreise führt vom 28. September bis 5. Oktober nach Kroatien. Die dalmatinische Küste Kroatiens zählt zu einer der malerischsten Europas. Unzählige vorgelagerte Inseln, herrlich verträumte Buchten, ein kristallklares Meer sowie die einzigartigen Städte Dubrovnik, Split und Trogir (deren Altstädte stehen unter dem Schutz der Unesco) werden Sie verzaubern.


Lebensberatung im Paulinus

An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


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  • Weitere Videos
    Weitere Videos des Paulinus finden sich auf www.youtube.com/PaulinusTrier




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