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Der Weg zum inneren Frieden

Foto: KNA
Menschen mit einer höheren Vergebungsbereitschaft haben einen direkten gesundheitlichen Nutzen, sagen die Psychologen.

Der Weg zum inneren Frieden

Von: Christiane Laudage | 23. Juni 2024
Anderen Menschen zu vergeben oder selbst um Verzeihung zu bitten – das ist nicht einfach. Lässt man sich aber darauf ein, dann hat das positive Auswirkungen auf Körper und Psyche, sagt Pasqualina Perrig-Chiello.

Vergebung ist ein Thema – spätestens im höheren Alter, wenn Menschen zurückblicken auf ihr Leben. Welche Schuld habe ich auf mich geladen? Welche Verletzungen habe ich ausgelöst, welche erfahren? „Vergebung bedeutet Befreiung von der Last des Nachtragens und schützt vor Verbitterung“, sagt die Psychologin und Therapeutin Pasqualina Perrig-Chiello. Wer verzeiht, erhält seine Handlungsmacht zurück und wird wieder souverän, erklärt sie in ihrem aktuellen Buch „Own Your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte“.

Aber: Dieser Prozess ist nicht immer einfach, manchmal sogar unmöglich, schreibt sie und fügt hinzu: „Allerdings möchte ich auch bemerken, dass nicht jedes Unrecht, nicht jede Schuld gleichermaßen verzeihbar ist.“

Das sehen auch Theologen so. Als vor einigen Jahren die Frage gestellt wurde, ob Missbrauchsopfer den Tätern verzeihen sollten, meinte der Münsteraner Theologe Florian Kleeberg, zwar könne Vergebung dem Heilungsprozess des Opfers dienen. Aber „es gibt eben auch Verbrechen, die den Menschen in der Identität so sehr treffen können, dass sie nicht mehr heil werden. Wenn die Verletzung zu groß ist, ist die Fähigkeit zur Vergebung ausgelöscht. Selbst wenn man das wollte, könnte man es nicht.“

Drei Etappen auf dem Weg zur Vergebung

Verzeihen ist schwierig, Vergeben ein längerer Prozess. Die Psychologin Perrig-Chiello erklärt, dieser Prozess verlaufe in drei Etappen. Zunächst müsse man das Verletztsein annehmen, Schmerz und Wut zulassen. Danach gehe es darum, das Geschehene zu verstehen.

Sie rät davon ab, sich mit dem Grübeln nach dem Warum zu zermürben. Ihrer Meinung nach solle man sich fragen: „Wozu ist diese Erfahrung gut? Was kann ich daraus lernen?“ Das Ziel sollte der Wunsch nach Seelenfrieden und neuen Perspektiven sein, meint Perrig-Chiello. Schließlich – als letzte Etappe – müsse man die bewusste Entscheidung treffen, nicht länger unter dem Vorfall leiden zu wollen, und so die Opferrolle ablegen.

„Vergeben bedeutet jedoch keinesfalls Vergessen, ebenso wenig Nachsicht oder Akzeptanz, Billigung und Verleugnung der Verletzung“, betont die Psychologin. Sie weist darauf hin, dass in Sachen Vergebung auch Alterseffekte nachgewiesen werden konnten. Ältere Menschen seien eher zur Vergebung bereit als jüngere.

Vergebung hat einen gesundheitlichen Nutzen, betont Perrig-Chiello. „Menschen mit einer höheren Vergebungsbereitschaft haben nachweislich eine schnellere kardiovaskuläre Erholung nach Stress und ein geringeres Risiko für Angstzustände und depressive Verstimmungen“, erklärt sie. Negative Gefühle wie Aggressivität, Zynismus und Resignation – die bleiben, falls man nicht vergeben kann oder will – können, so die Psychologin, zu einem höheren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfälle führen.

Vergebungsbereitschaft kann man üben

Vergebungsbereitschaft kann zudem geübt werden: Die Expertin weist auf verschiedene psychotherapeutische Ansätze hin. Besonders in der Therapie für Menschen mit sogenannten Verbitterungsstörungen trainiere man den Aufbau verschiedener Kompetenzen – nämlich Gelassenheit, Selbstsicherheit, Selbstdistanzierung, Empathie, Aushalten von Spannung, Perspektivenwechsel, Grenzsetzung ohne Beziehungsabbruch und korrigierende neue Erfahrungen.

Sie sagt, diese Kompetenzen könne man sich selbst als Entwicklungsaufgaben im Alltag stellen. Zwar funktioniere das sicherlich nicht von heute auf morgen – aber es sich vorzunehmen, sei bereits ein wichtiger erster Schritt.

Sich selbst zu vergeben ist schwer

Die Schweizer Therapeutin hat im Gespräch mit Hochbetagten immer wieder festgestellt, dass es für viele Menschen schwieriger sei, sich selbst zu verzeihen als anderen zu vergeben. Aber auch das ist möglich.

Um den eigenen inneren Frieden zu finden, solle man sich in Ruhe fragen, welche Verletzungen einen immer noch schmerzten, schlägt sie vor. Man müsse für sich herausfinden, warum man nicht vergessen könne. Wichtig ist, so Perrig-Chiello, „sich ehrlich einzugestehen, wofür man sich schuldig oder weswegen man sich beschämt fühlt“. Im Grunde gebe es keine Alternative zum Sich-selbst-Vergeben, denn Selbstvorwürfe führen zur Verzweiflung und Verbitterung. Und das kann krank machen.

Die katholische Kirche bietet in diesen Fällen Hilfe mit der Beichte. Dabei können Menschen bei einem Priester alle Verfehlungen ansprechen, die sie belasten und nicht zur Ruhe kommen lassen. An deren Ende steht die Absolution, die feierliche Zusage der Vergebung – durch Gott.



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