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Einblick in sonst verborgene Welt

Foto: Christine Cüppers
Um lebensentscheidende Fragen geht es im Film von Andrea Eva Györi und Istvan Hollos, bei dessen Entstehung sich die beiden Künstler über die Schulter schauen lassen.

Einblick in sonst verborgene Welt

Von: Christine Cüppers
Wie wollen wir in Zukunft leben, lieben und arbeiten? Diese Frage beschäftigt Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems das ganze Jahr. Für zwei Wochen verlegten vier Künstler ihren Arbeitsplatz ins „öffentliche Labor“ des Museums am Dom Trier.

Andrea Eva Györi und Istvan Hollos blicken konzentriert auf den Laptop-Bildschirm, lassen Filmszenen vor- und zurücklaufen, lauschen den Texten, die die beiden Frauen im Film sprechen. Der zufällige Betrachter dieser Situation schaut sich leicht irritiert um, erkennt dann an der weißen Wand des Museumsraumes die Filmszene wieder und merkt bald, dass die beiden jungen Menschen am Computer gänzlich vertieft sind in die Bearbeitung des Filmes. Da ist es fast unhöflich, sie anzusprechen und nach ihrem Tun zu fragen.

Genau dieses Ansprechen ist aber erwünscht im Labor, das während der Sonderausstellung „LebensWert Arbeit“ im Dommuseum immerzu neue Perspektiven auf das Thema Arbeit bietet.

Vom 31. Juli bis zum 10. August stand die Arbeit von Künstlern im Blick. „Besucher des Museums erhielten Einblicke in sonst nicht Sichtbares“, erläutert Lotte Dinse, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Künstlerhauses Schloss Balmoral und Kuratorin der Ausstellung der Werksergebnisse, die noch bis zum 26. August zu sehen ist.

Während Künstler für gewöhnlich in ihren Ateliers wirken und erst ihre fertigen Werke der Öffentlichkeit präsentieren, lassen Andrea Eva Györi und Istvan Hollos, Bert Jacobs und Roy Alter, Nelmarie du Preez sowie René Hüls diese Öffentlichkeit bei der Entstehung ihrer Arbeiten zuschauen.

Mit Kunst ein Tabu brechen und zu Offenheit anregen

„Das ist eine recht schwierige Situation für mich, weil ich sonst einen ganz anderen Zeitrhythmus habe. Kreativität funktioniert bei mir anders, nicht festgesetzt in der Zeit zwischen 10 und 18 Uhr“, schildert die gebürtige Budapesterin Györi. Trotzdem findet sie es reizvoll, Besuchern ihre Arbeit vorstellen und erklären zu können.

Und das, obwohl sie eigentlich sehr unter Druck steht, ihren Film „CHESTMASSAGE“ (auf Deutsch: Brustmassage) bis zur Vernissage in eine aussagekräftige Kurzversion zu bringen. Darin schildert die junge Künstlerin ihre persönlichen Erfahrungen und Entscheidungskonflikte nach der Brustkrebs-Operation. „Sollen die Brüste rekonstruiert werden oder nicht? Das ist ein Thema, über das nicht oft gesprochen wird, das aber so wichtig ist“, sagt Andrea Eva Györi.

Der Film, der einen Dialog zwischen ihr und ihrer Mutter Zsuzsanna Ughy über das Für und Wider zeigt, will ein Beitrag sein, das Tabu zu brechen, und Anstoß zu offenem Austausch geben.

Während Györi und Hollos sich weiter ins Schneiden des Filmes vertiefen, fertigen wenige Meter entfernt Bert Jacobs und Roi Alter Tonformen für Zementgüsse an. Seit sechs Jahren arbeiten der Niederländer und der Israeli zusammen an großen Projekten. Diesmal geht es um den Bau eines Leuchtturms, der aus vielen Einzelteilen besteht, die allesamt eine eigene Geschichte haben. „Menschen bringen mir Lieblingsstücke, Fundstücke von der Straße oder Dinge, die ihnen etwas bedeuten“, erzählt Jacobs.

Diese Fragmente werde er einbauen in einen fünf Meter hohen Leuchtturm, der in Schloss Balmoral errichtet wird. Er soll sichtbares Zeichen der Utopie von neuen Räumen für das Leben, Lieben und Arbeiten sein, sagt der Künstler. Im Hof des Museums zeigt er in Zement gegossene Teile des Leuchtturm-Sockels: Ein Pferd und ein Schaf werden den Oberbau ebenso tragen wie Abguss-Stücke eines Trierer Kanaldeckels mit Stadtpatron Petrus. „Hinter die Fassaden von allen möglichen Ausprägungen von Arbeit zu schauen, zu zeigen, dass jede Tätigkeit ihre Bedeutung hat, und in der Gesellschaft eine Offenheit für Unterschiede anzuregen“ – das sind Ziele, die Bert Jacobs mit seiner Arbeit anstrebt.

Wenn der Mensch in der Statistik verloren geht

Nelmarie du Preez aus Pretoria stellt sich und den Betrachtern in ihrem entstehenden Werk die Frage nach der Zukunft der Arbeit: Wie arbeiten wir künftig, wenn Maschinen einen Großteil der Aufgaben erledigen? Können wir überhaupt mit einem Roboter zusammenarbeiten? Welche Chancen, welche Kritik gibt es? Was werden unsere Bedürfnisse sein? „Jeder kann sich heute ja die Bauteile für einen Roboter aus dem Internet herunterladen und ausdrucken“, schildert die Südafrikanerin, während sie die Funktionen eines Roboterarmes überprüft.

Dessen Bauteile hat Nelmarie du Preez in hellrosa gedruckt und mit durchscheinender „Haut“ überzogen. Parallel mit dem Roboterarm führt die Künstlerin Bewegungen aus – ganz so, als sei gar kein Unterschied zwischen Mensch und Maschine. „Aber ist das wirklich die Zukunft? Wollen wir diese Ähnlichkeit, fast Gleichheit?“, regt sie die Besucher zum Nach- und Weiterdenken an.

Dazu provoziert auch René Hüls: An seinem Bürotisch sitzt er im Museum und wartet auf Gäste, die bereit sind, die „7 Fragen an das Proletariat in Trier“ zu beantworten. Dabei geht es um die Technologisierung von Arbeitsplätzen, um künftige Bildung, Einkommensstrukturen und Sozialsysteme. „Es brodelt doch in der Gesellschaft, und niemand hat einen Plan, wie die sozialen Fragen beantwortet werden können, die uns alle betreffen“, merkt Hüls an. Das aufzuzeigen und zum Aufwachen anzuregen, bezweckt er mit dem „völlig absurden Linien-Projekt“, wie er selber sagt.

Die Antworten und Gespräche mit Besuchern wandelt der Lörracher Künstler in Statistik-Linien um. „Das ist natürlich absoluter Blödsinn. Aber der soll vorführen, wie wir Menschen im Wust von Zahlen, Statistiken und abstrusen Systemen verloren gehen.“ Zwischenmenschliche Beziehungen werden zu abstrakten Linien, die eingescannt und zu einem Kunstwerk zusammengestellt werden. Und auch das stellt die Frage nach der „Gestaltung der Zukunft. Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten?“

  • Info
    Die Werke der vier Künstler sind bis 26. August im Museum am Dom Trier, Bischof Stein-Platz 1, zu den Öffnungszeiten des Museums zu sehen. Die Ausstellung „LebensWert Arbeit“ im Rahmen des Karl-Marx-Jubiläums wird bis 21. Oktober gezeigt.



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