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„Der Trierer Dom hört sich gut an

Foto: Jörg Loeffke
Domführerin Helga Reising (rechts) zeigt den Sehbehinderten anhand einer speziellen Blindenkarte die Umrisse der Bischofskirche.

„Der Trierer Dom hört sich gut an

Von: Ingrid Fusenig | 19. Februar 2016
Die vielen Schätze des Trierer Doms zu ertasten, ist normalerweise nicht gern gesehen. Doch bei einer Führung für Blinde und Sehbehinderte durch die älteste Bischofskirche der Republik heißt es: „Anfassen ausnahmsweise erlaubt“.

Helga Reising steht in der Mitte des Trierer Doms Sankt Peter und erklärt, was es mit der Heilig-Rock-Kapelle auf sich hat. Während sonst bei diesen Ausführungen augenblicklich alle Köpfe nach oben gehen und die Besucher gebannt auf die Heiltumskammer und das vergoldete Hängekreuz unterm blauen Sternenhimmel schauen, bleiben an diesem Tag die Blicke gesenkt. Doch mit mangelnder Aufmerksamkeit und geringem Interesse hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Gruppe hört ganz genau zu, achtet auf jedes Wort, auf jede Regung, ja sogar auf den Schall des Gesagten.

Blinde und Sehbehinderte auf Entdeckungsreise

Es sind Blinde und Sehbehinderte, die in der ältesten Bischofskirche Deutschlands auf Entdeckungsreise gehen und sich von der Begeisterung der Domführerin anstecken lassen. Die Porta Nigra, das Wahrzeichen der Stadt, haben die elf Teilnehmer der Freizeit des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen schon „gesehen“. Ebenso die Konstantinbasilika. Und sie haben viele „hilfsbereite Trierer“ kennengelernt, wie Andre Brendle, Jugendsprecher des Verbandes mit Sitz in Dresden, erzählt.

Auch die Triererin Helga Reising zählt dazu. Die freie Mitarbeiterin der Dom-Information weiß, worauf es bei einer Führung für Blinde und Sehbehinderte ankommt. Wichtige Tipps und Anregungen hat sie von dem blinden Leiter der Arbeitsstelle „Medien für Blinde und Sehbehinderte im Bistum Trier“, Martin Ludwig, in einer Fortbildung erhalten. „Auch wir, die Gästeführer, sind als Blinde durch die Bischofskirche geführt worden. Das war eine gute Schule“, sagt Reising. Bei der Führung durch die Kathedrale hört sich das dann so an: „Jetzt gehen wir zwölf Treppenstufen hinauf“, oder „Dort ist ein Absperrseil in Kniehöhe“. Und: „Ihr geht jetzt über eine Bronzeplatte.“

Anfassen ist heute ausdrücklich erwünscht

Während es sonst nicht gerne gesehen ist, dass die Besucher in der Unesco-Weltkulturerbestätte etwas anfassen, ist es nun ausdrücklich erwünscht. Hände dürfen sanft über Marmor und Holz streichen; Fingerkuppen ertasten kunstvolle Intarsien, spüren Elfenbein und begreifen die Ornamentik des modernen Osterleuchters in dem antiken Gotteshaus. Kalt fühlt sich der Dom an und warm, hier ist er glatt, dort ist er rauh, mal ist er schlicht, dann wieder üppig.

Vor allem: Er fühlt sich schön an. „Was ist das?“, fragt Andre Brendle, als er über Marmor streicht. Der 37-Jährige aus Zwickau wartet die Antwort nicht ab, tastet sich an die Lösung heran und erkennt: „Ah, ein Akanthusblatt“, eine weit verbreitete Form ornamentalen Blattschmucks.

Weil es stark regnet, kann die Gruppe den Dom nicht von außen abgehen. „Dann hätten Sie die Größe besser erfassen können“, erklärt Helga Reising. So müssen stattdessen die taktilen Pläne mit dem Grundriss reichen, um die Dimension zu begreifen. Die Fachfrau spricht langsam, deutlich, sehr akzentuiert. Sie achtet darauf, keine Silben zu verschlucken. Ansonsten unterscheidet sich die Führung nicht von anderen.

Die Teilnehmer erfahren, dass Trier zur Römerzeit die Residenzstadt von Kaiser Konstantin dem Großen war. Und dass sie selbst gerade auf geschichtsträchtigem Boden stehen, denn der Dom ist 1700 Jahre alt. Von 310 bis 320 wurde über einem prächtigen römischen Wohnhaus eine erste große Basilika errichtet, die später zu einem Quadratbau erweitert wurde, dessen Außenmauern noch heute den Kern des Doms bilden.

Weiter geht es: „Wenn Ihr nach oben schaut. Dort hängt die Schwalbennestorgel mit ihren 5600 Pfeifen“, erklärt die Domführerin. Das Wort „sehen“ ist also keinesfalls tabu. „Warum auch?“, fragt Andre Brendle. Die Gruppe habe sich dank der Ausführungen ja durchaus ein Bild von der Trierer Sehenswürdigkeit machen können. Vom Schall her, sagt Silvio Hildebrandt, fühlt sich das Haus groß an. „Ja, der Dom ist etwas Besonderes“, meint der 27-jährige aus Burkhartsdorf im Erzgebirge.

„Es war toll, den großen Leuchter anzufassen“

Von der beeindruckenden Akustik schwärmt der 28-jährige Benjamin Dietrich aus Erfurt: „Man kann jedes Wort gut verstehen.“ Dominik Schubert bestätigt das: „Als Blinder achtet man mehr auf die Akustik.“ Die sei wichtiger als blumenreiche und farbenfrohe Beschreibungen. Und natürlich das Tasten: „Es war toll, den großen Leuchter anzufassen. Ich fand auch die Krypta sehr interessant“, befindet der 28-Jährige aus Glauchau in Sachsen.

Bei der Auswahl der Ziele für die Freizeiten achte der Verband auf barrierefreie Angebote. „Das ist selbstverständlich ein großes Thema“, sagt Jugendsprecher Brendle. Der Verband lebe vom Ehrenamt, sei darauf angewiesen, „dass Menschen mit Ideen zu uns kommen“, erklärt der stellvertretende Jugendsprecher Steven Brentrop. Sehr freut er sich über die engagierten sehenden Begleitpersonen, ohne die die Freizeiten nicht möglich wären.

Kurz vor dem Ende der Führung bahnen sich plötzlich die einzigen Sonnenstrahlen des Tages den Weg durch die winzigen Glasmosaike der Fenster. Das Licht lenkt die Aufmerksamkeit auf Figuren, Rosetten und Putten. Dieses Licht- und Schattenspiel ist atemberaubend schön. Der Gruppe der Blinden und Sehbehinderten entgeht das. Doch sie haben auch so genug „gesehen“. Dominik Schubert ist zufrieden: „Der Trierer Dom hört und fühlt sich gut an. Er ist wunderschön.“

Führungen für Blinde vermittelt die Dom-Information, das Besucherzentrum des Trierer Doms. Der Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen e. V. mit Sitz in Dresden ist eine Selbsthilfeorganisation und Interessenvertreter blinder und sehbehinderter Menschen und setzt sich für deren möglichst ungehinderte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein.

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