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Interview mit Helmut Gammel: Kleine Gruppen sind intensiver

Foto: Zeljko Jakobovac
Helmut Gammel ist Bischöflicher Beauftragter für die Geistlichen Gemeinschaften im Bistum.

Interview mit Helmut Gammel: Kleine Gruppen sind intensiver

Von: Zeljko Jakobovac | 11. Dezember 2011
Geistliche Gemeinschaften und Kirchliche Bewegungen werden sich in den Stationskirchen der Heilig-Rock-Wallfahrt einbringen. Monsignore Helmut Gammel ist Bischöflicher Beauftragter für diese Gruppen. Der Pfarrer im Ruhestand, der Leiter der Diözesanstelle für Exerzitien, geistliche Begleitung und Berufungspastoral war, hat mit „Paulinus“-Redakteur Zeljko Jakobovac über diese Erneuerungsbewegungen gesprochen. Teil 1 einer lockeren „Paulinus“-Serie über diese Gemeinschaften. 

Herr Gammel, wie würden Sie die 13 Kirchlichen Bewegungen und Geistliche Gemeinschaften im Bistum Trier charakterisieren?
Eine Geistliche Gemeinschaft oder Kirchliche Bewegung ist eine freie Zusammenkunft von Gläubigen innerhalb der katholischen Kirche, die den Willen haben, für ihr geistliches Leben zu sorgen und in der Gruppe Impulse dafür erfahren möchten. Sie sind Erneuerungsbewegungen innerhalb der Kirche, die meist aus Laien bestehen.
Wie sind die Geistlichen Gemeinschaften organisiert?
Grundsätzlich gehen die meisten Geistlichen Gemeinschaften über Pfarr- und Dekanatsgrenzen hinaus, nicht selten sind sie international vernetzt.
Wie viele Gläubige gehören zu den Kirchlichen Bewegungen im Bistum Trier?
Es sind einige hundert Gläubige, die in diesen Bewegungen organisiert sind. Die Zahlen schwanken. Bei manchen Gemeinschaften gibt es etliche Sympathisanten und Unterstützer.
Was ist charakteristisch für Geistliche Gemeinschaften?
Diese Geistlichen Gemeinschaften und Kirchlichen Bewegungen sind freie Zusammenschlüsse von glaubenden Menschen, die in Gemeinschaft Gottes Handeln in dieser Zeit und in ihrem eigenen Leben entdecken wollen. Im lebendigen Austausch in einer überschaubaren Gruppe erfahren sie Sinn und Halt für ihr Leben und entdecken ihr persönliches Charisma. In diesem intensiven Miteinander von Erwachsenen und Jugendlichen, von Frauen und Männern, von Priestern und Laien, von Verheirateten und Alleinstehenden tragen sie mit an der Erneuerung der kirchlichen Gemeinschaft. Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen haben nicht immer definierbare Grenzen, aber zielen immer auf Evangelisierung, Erneuerung und Vertiefung des Glaubens.
Wo begegnen sich die Gläubigen?
Das ist ganz unterschiedlich. Die einzelnen Gemeinschaften organisieren sich in regelmäßigen Treffen, bei einer Person zu Hause, im Pfarrheim oder der Kirche. Dann gibt es natürlich auch spezielle Tagungen und Kurse der einzelnen Bewegungen, die dem Spezifikum der einzelnen Bewegung entsprechen.
Wie viele Gläubige gehören denn zu einer Gruppe?
Bei kleineren Gruppen kann das geistliche Leben intensiver sein, da man sich besser austauschen kann. Ich habe beispielsweise bei Cursillo erlebt, dass zu den Gottesdiensten etwa 20 bis 30 Gläubige kommen. Ein fruchtbares Schriftgespräch ist bei dieser Größe gut möglich.
Die Kirchlichen Bewegungen sind oft auf Initiative von Laien entstanden. Wie sieht deren Rolle heute aus?
Die Geistlichen Gemeinschaften bestehen weitgehend aus Laien, die die Seelsorge in den Gemeinden unterstützen wollen. Priester sind natürlich nicht ausgeschlossen und tragen die Gemeinschaften mit und unterstützen sie.
Wie ist das Verhältnis zwischen den Geistlichen Gemeinschaften und den Pfarreien?
Man kann immer wieder erleben, dass Menschen aus den Geistlichen Gemeinschaften auch Aufgaben in den Pfarreien übernehmen und somit die Struktur des Bistums mittragen. Die Gemeinschaften können sich beispielsweise einbringen in der Begleitung und Mitgestaltung von seelsorglichen Angeboten in der Pfarrei, etwa bei Gebetsstunden oder in der Begleitung von Exerzitien im Alltag. Sie können aber auch Gruppen von jungen oder trauernden Menschen begleiten. Nicht selten sind sie bereit, in den Pfarreienräten mitzuarbeiten.
Was gilt es zu beachten, damit Geistliche Gemeinschaften nicht manchmal sogar auch innerhalb der Kirche als eine Art Parallelwelt oder gar als Sekte angesehen werden?
Das ist eine schwierige Frage. Das ist aber auch eine Aufgabe, der sich beide Seiten stellen müssen. Auf der einen Seite haben sich die Gemeinschaften zu fragen, ob sie sich genug in den Gemeinden einbringen. Und auf der anderen Seite schauen die Pfarrer, inwieweit das Wirken der Gemeinschaften konform geht mit der Glaubensüberzeugung der Kirche. Der Bischöfliche Beauftragte für diese Gemeinschaften soll bei dieser Integrationsfrage helfen.
Wie kam es zur Bildung Geistlichen Gemeinschaften im 20. Jahrhundert?
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) hatte den Laienbewegungen, die die Erneuerung des christlichen Lebens förderten, einen wichtigen weiteren Impuls gegeben. Es betonte noch einmal, die durch die Taufe allen zukommende Würde und Aufgabe, in der Kirche Mitverantwortung zu übernehmen, jeder auf seine Weise. Die Förderung der Charismen ist sozusagen der letztliche Grund für das Aufkommen der aus Laien bestehenden Geistlichen Gemeinschaften.
Erfahren diese Gruppen die nötige Wertschätzung?
Durch die Ernennung eines Bischöflichen Beauftragten signalisiert der Bischof, dass hier sich etwas tut, was der pastoralen Aufgabe in seinem Bistum gut tut. Auch die jeweiligen Pfarrer sind gut beraten, diese Gruppe zu unterstützen und sie in die Seelsorge seiner Pfarrei miteinzubinden.
Wie oft treffen Sie sich mit den Vertretern der 13 Geistlichen Gemeinschaften im Bistum Trier?
Ja, sicherlich. Wir sollen missionarisch Kirche sein. Auch Geistliche Gemeinschaften müssen immer wieder offen für Neues sein und bereit sein, Menschen, die auf der Suche nach ihrem persönlichen geistlichen Weg sind, eine Antwort zu geben. Das ist keine leichte Aufgabe.
Was erhoffen Sie sich von der Präsenz der Geistlichen Gemeinschaften bei der Heilig-Rock-Wallfahrt?
Ich sehe darin zunächst einmal keine Werbung im billigen Sinne. Es ist gut, dass Menschen der verschiedenen Gemeinschaften bei der Wallfahrt präsent sein werden. Denn es gibt viele Menschen, auch in unserem Bistum, die auf der Suche sind, wie sie ihr geistiges Leben neu gestalten können. Persönliche Begegnungen spielen dabei eine große Rolle. Wenn dies gelingen würde, wäre das eine große Sache.
Was hat das Bistum Trier bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 für die heimischen Geistlichen Gemeinschaften vorgesehen?
Die 13 Kirchlichen Bewegungen aus unserem Bistum sind während der Heilig-Rock-Wallfahrt in der Stationskirche St. Agritius mit ihrem geistlichen Profil und ihren Aktivitäten präsent. Am 5. Mai 2012 wird es während der Heilig-Rock-Wallfahrt einen großen Begegnungstag der Geistlichen Gemeinschaften und aller Interessenten geben. Bei dieser Gelegenheit wird es auch eine Videoverbindung geben mit dem Kongress der „Christen für Europa“ in Brüssel. Des Weiteren werden sich die Mitglieder der Gemeinschaften auch bei anderen Aktivitäten der Wallfahrt einbringen.
Was ist mit Gemeinschaften, die bisher nicht im Bistum Trier vertreten sind?
Diese Gemeinschaften sind in anderen Stationskirchen beheimatet, teilweise nur einige Tage, teilweise während der ganzen Wallfahrt. Zu diesen Gemeinschaften gehören unter anderem die Arche, eine Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung, die Gemeinschaft Sant’Egidio mit ihrem sozial- und gesellschaftspolitischen Einsatz sowie die Gemeinschaft der Brüder von Taizé mit ihrer ökumenischen Ausrichtung, die Gemeinschaft Chemin Neuf, auch ökumenisch ausgerichtet, die katholische Gemeinschaft Emmanuel e. V., deren Mittelpunkt die Eucharistie ist und ihre Aufgabe in der Evangelisierung und in der Hilfe für Notleidende besteht sowie die Gemeinschaften von Jerusalem.
Welches Buch über Kirchliche Bewegungen und Geistliche Gemeinschaften können Sie empfehlen?
Als Einstieg geeignet ist das Nachschlagewerk „Die geistlichen Gemeinschaften der katholischen Kirche: Kompendium“ mit einem Überblick über 120 Geistliche Gemeinschaften, das der Päpstliche Laienrat im Vatikan herausgegeben hat. Diese hohe Zahl zeigt einerseits, wieviele Charismen es in diesem Bereich gibt, man kann aber andererseits auch ein wenig den Überblick verlieren. Für die eigentlichen Informationen und das eigentliche Leben braucht es die geistliche Gemeinschaft vor Ort, das Gespräch und das Mitleben. Erst dann erspürt und erfährt man, was die Geistliche Gemeinschaft für einen selbst bedeutet.

  • Weitere Informationen
    Helmut Gammel, Domfreihof 2, 54290 Trier, Telefon (06 51) 4 36 19 53, E-Mail-Kontakt helmutgammel@yahoo.de

    Weitere Informationen zur Heilig-Rock-Wallfahrt vom 13. April bis 13. Mai 2012 gibt es im Wallfahrtsbüro, Telefon (06 51) 71 05-80 12, www.heiligrock-wallfahrt.de

  • Buch-Tipp
    Die geistlichen Gemeinschaften der katholischen Kirche: Kompendium, ISBN 978-3-746-21995-0, St-Benno-Verlag, Leipzig 2006, Preis: 5 Euro
  • Geistliche Gemeinschaften
    Im Bistum Trier gibt es 13 Geistliche Gemeinschaften und Kirchliche Bewegungen:
    • Charismatische Erneuerung
    • Cursillo in der Diözese Trier
    • Fokolar-Bewegung
    • Franziskanische Gemeinschaft
    • Gemeinschaft Charles de Foucauld
    • Gemeinschaften Christlichen Lebens
    • Gemeinschaft des heiligen Franz von Sales
    • Legio Mariä
    • Marriage Encounter
    • Schönstatt-Bewegung im Bistum Trier
    • Stefanus-Gemeinschaft e. V.
    • Steyler Missionarische Heilig Geist Gemeinschaft

    Auf der Internetseite www.geistliche-gemeinschaften.de sind etwa 70 Gemeinschaften und Bewegungen für Deutschland verzeichnet.



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An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


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