Paulinus - Wochenzeitung im Bistum Trier

Paulinus - Kopfbereich:

Paulinus - Inhalt:
Paulinus - Hauptinhalt:
Jerusalemer Ostern Zweitausendeinundzwanzig

Foto: Stephan Wahl
Im Licht: Aufgang nach Golgotah in der Grabeskirche in Jerusalem.

Jerusalemer Ostern Zweitausendeinundzwanzig

Von: Stephan Wahl | 4. April 2021
Es ist eigentlich ein Privileg. Jerusalem gehört seit Beginn der Pandemie ganz allein den Jerusalemern und solchen Long-Term Gästen mit Jahresvisa wie mir. Man ist unter sich, ob beim Probieren der besten Halva im Mahane Yehuda, dem großen jüdischen Markt oder bei einem abendlichen Schawarma im arabisch geprägten Ostjerusalem. Keine Pilger- und Touristenscharen drängen sich durch die Gassen der Altstadt, kein ewig langes Warten in der Grabeskirche, um einen Blick in die Ädikula, das eigentliche Grabheiligtum zu werfen. Auf Golgotha kann man Stunden fast allein verbringen. Die Anastasis, die Auferstehungskirche, wie sie von den orthodoxen Christen genannt wird, in der man sich sonst meist nur mühsam im Pilgergedränge fortbewegen konnte, wartet jetzt selbst…

Es ist allerdings ein trauriges Privileg, auf das viele hier in Jerusalem gerne verzichten würden und sich fragen, wie lange sie noch durchhalten können, bis sich die Fahrer der Touristenbusse wieder lautstark und hupend um den besten Parkplatz am Ölberg streiten werden. Niemand wagt mehr eine Prognose. Viele Andenkenhändler, viele Reiseführer, viele, deren Lebensunterhalt auf verschiedenste Weise vom Ansturm der Pilger und Touristen abhängig war, stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Einige der bunten Läden in der Altstadt werden für immer geschlossen bleiben, manche kleinen Hotels und Gästehäuser sind ruiniert. Wer eine Jerusalem ID hat (Residenzrecht) wird durch eine (noch bis Juni garantierte) Versicherungsleistung über Wasser gehalten.

Für die Palästinenser der Westbank, den autonom verwalteten Gebieten, gilt das nicht. Die Großfamilien unterstützen sich gegenseitig – so gut es eben geht. Spenden durch Hilfsorganisationen (zum Beispiel unter www.palmsonntagsaktion.de des Deutschen Vereins vom Heiligen Land, DVHL) verhindern das Schlimmste, aber wie lange noch?

Den einheimischen Christen im Heiligen Land geht langsam die Luft aus.

Das „Fürchtet Euch nicht“ der Osternacht kann auch hier das eher spürbare Karsamstag-Dauer-Feeling nicht so recht vertreiben, die österlichen Lieder klingen verhaltener, die Osterkerze scheint nicht so hell zu leuchten wie sonst, aber sie brennt. Ostern kommt auch in diesem Jahr nicht in Quarantäne, ob im Lockdown oder in der hier bei uns durch die Impfungen wieder etwas mehr normalisierten Situation. Ostern findet statt, und ich werde es feiern. Als Christ gehöre ich zwar in diesem heilig-unheiligen Land einer Minderheit an (um die zwei Prozent), aber einer, der die tobenden Stürme in unserer deutschen Kirche bis jetzt erspart geblieben ist.

Während man – gefühlt – in Deutschland langsam fast einen Anlauf braucht, um sich als katholischer Christ „zu outen“, eine Peinlichkeit die nächste jagt und immer mehr Menschen sich mit dem mir sehr verständlichen Gedanken tragen, aus der Kirche auszutreten, erlebt man in diesem Punkt hier noch fast paradiesische Zustände. Hier wird man viel unaufgeregter akzeptiert und respektiert. Kirchenaustritte sind hier kein Thema. Und auch in den anderen Religionen gibt es kein großes ernstzunehmendes Problem mit Mitgliedern, die mit einem Verlassen ihrer Glaubensgemeinschaft liebäugeln.

In Jerusalem nicht religiös zu sein, ist kaum vorstellbar, anders als zum Beispiel in Tel-Aviv, wo die Verhältnisse genau umgekehrt sind.

Ich kenne säkulare Tel-Aviver, die noch nie in Jerusalem waren – für sie eine völlig uninteressant fremde Welt. Hier in Jerusalem gehört der Glaube zum Alltag. Niemand stört sich sonderlich, wenn traditionell gekleidete Haredis, ultraorthodoxe Juden, am Shabbat durch die muslimisch-palästinensisch geprägte Nablus-Road zur Kotel eilen, zur Westmauer, die leider ihren missverständlichen Namen „Klagemauer“ nicht loswerden wird. Und niemand dreht sich um, wenn der muslimische Müllwagenfahrer kurz parkt, um am Straßenrand sein Mittagsgebet zu verrichten.

Wenn ich in Trier mit Soutane über den Hauptmarkt gehen würde, um dann bei Tchibo Kaffee einzukaufen, wäre ich kurz eine kleine Attraktion, die mal mild lächelnd oder spöttisch, je nachdem, betrachtet und kom-mentiert würde. In der Altstadt von Jerusalem werde ich im gleichen Outfit im Gewusel des Suqs genauso angerempelt wie jeder andere, falle ich nicht auf, ist das nichts Besonderes.

Glaube und Alltägliches sind noch stärker miteinander verwoben, manchmal in bizarrer Kombination, wenn man zum Beispiel in der Straßenbahn eine Soldatin mit Maschinengewehr (regt hier niemanden auf) sieht, die neben einem jungen Mann in Jeans und Sneakern sitzt, der wie selbstverständlich leise aus einem kleinen Buch Psalmen rezitiert.

Eine heile Welt? Schön wär's, wenn das unkomplizierte Miteinander nicht immer wieder zwischendurch jäh unterbrochen würde. Angefangen von dem zermürbenden Ausweis- und Body-Controlling von palästinensischen Jugendlichen durch israelische Grenzpolizei, bis hin zu Messerattacken von Palästinensern, die die Angreifer fast nie überleben.

Der Jerusalemer Alltagsfriede ist brüchig. Um so wichtiger die kleinen menschlichen Brückenschläge im Alltag, so unbedeutend sie im Einzelnen erscheinen mögen.

Der muslimische Wächter unsrer deutschen Schmidt-Schule, der den christlichen Lebensmittelhändler täglich mit seinem besonderen arabischen Kaffee versorgt, obwohl dort auch alles zu haben ist, was Muslimen streng verboten ist. Arak, Bier oder Wein zum Beispiel oder noch schlimmer: Schinken und Bacon. Oder die palästinensische Familie, die seit vielen Jahren in einer israelischen Siedlung lebt, und das gerne. Eigentlich völlig undenkbar. Aber wie in „normaler Nachbarschaft“ hütet man gegenseitig die Wohnung, gießt die Blumen, wenn ein Urlaub angesagt ist.

Oder, das hat mich besonders bewegt, eine Gruppe Israelis der Bürgerrechtsgruppe Tag Meir besucht das Trauerzelt einer palästinensischen Familie, deren autistischer Sohn von israelischen Soldaten grundlos erschossen worden war. Oder, oder, oder …

Immer sind es Begegnungen, konkrete Menschen, die dafür sorgen, dass die Hoffnung nicht aufgegeben wird oder durch sie wieder zurückkehrt.

„der hoffnung
gab meine seele
kein zuhause

sie kündigte mir
der abschied
fiel ihr schwer

auf meinen einspruch
wartete sie vergeblich
dann ging sie

ich sah nur zu
erst dein wort
holte sie mir
zurück

sprich
weiter und
weite den spalt

damit sie
wurzelt
tiefer
und mir
widersteht“

(sw „auferstehung“ in ...träume ich von flügeln, echter 2021)

Ein Wort, ein Lächeln, ein Über-den-Schatten-Springen kann die Welt verändern und wenn es nur die kleine, unmittelbare ist, die mich umgibt.

„Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf, mitten am Tage …“, so heißt es in einem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz.

Dann realisiert sich meist auf unerwartet überraschende Weise das „Fürchtet Euch nicht“ der Osternacht, der Aufstand des Lebens gegen den Tod, in kleiner aber wirksamer Münze.

Dann wohnt der Zweifel zwar bisweilen immer noch neben dem Halleluja. Dann aber ist das Feuer der Osternacht kein Spektakel für Minuten, sondern brennt österliche Hoffnung in unsere Seelen.

Dann ist Ostern nicht nur ein Datum, dann wird Ostern gelebt – in unseren Gesichtern, in unseren Worten, in unserem Tun.

Es gibt 1 Kommentar zum Artikel




Paulinus - Marginalinhalt:

Im Blickpunkt

„Paulinus“-Leserreisen 2021

Es gibt wegen der Corona-Pandemie derzeit leider keine neue Planung für das kommende Jahr.


Lebensberatung im Paulinus

An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


Einfach Leben

Ein eigenes Haus, ein Auto, regelmäßiger Urlaub, Fernreisen, ein möglichst gut gefülltes Bankkonto. So sah lange Zeit der Traum vom Wohlstand aus. Doch immer mehr setzt sich heute die Erkenntnis durch: „Viel haben“ heißt noch nicht „gut leben“, und „weniger ist vielleicht mehr“. In Zusammenarbeit mit Barbara Schartz vom Themenschwerpunkt Schöpfung bei der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum beleuchten wir das Thema in einer lockeren Serie und stellen Menschen vor, die für Veränderung eintreten oder anders leben.


Synode im Bistum Trier

Die Synode wurde am 29. Juni 2012 von Bischof Ackermann ausgerufen. Die Trierer Bistumssynode hat ihr Abschlussdokument „heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen“ am 30. April 2016 verabschiedet.



Video

  • Musik im Gottesdienst
    Einen Gottesdienst regelmäßig besuchen – für viele junge Menschen kommt das nicht in Frage. Kann man mit anderer Musik junge Leute erreichen? „Paulinus“-Redaktionsmitglied Johannes Weedermann hat einen Pop-Gottesdienst in Saarbücken-Schafbrücke besucht. Das Duo „Yannisha“ singt „Stand by me“ (Video: Johannes Weedermann).
  • Bischof Ackermann dankt Kitamitarbeiterinnen und -mitarbeitern
    In einer Videobotschaft hat Bischof Dr. Stephan Ackermann sich an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den katholischen Kindertagesstätten im Bistum gewandt und ihnen herzlich für ihren Einsatz auch unter den schwierigen Bedingungen der Corona-Pandemie gedankt (Bericht im "Paulinus").
  • Synodenumsetzung
    Das Bistum Trier hat ein mit dem Vatikan abgestimmtes Konzept angekündigt, wonach es sich zukünftig in maximal 172 Pfarreien und 35 Pastoralen Räumen neu aufstellen will.
  • Gedenken
    Das ökumenische Gebet beim heutigen Gedenken an die Toten, Verletzten und ihre Angehörigen der Amokfahrt in Trier haben Weihbischof Franz Josef Gebert und Superintendent Dr. Jörg Weber gesprochen (Video: Zeljko Jakobovac).
  • Virus trifft Schwächste am härtesten
    Prof. Dr. med. Wolfram Henn, Mitglied des Deutschen Ethikrates und Professor für Humangenetik an der Universität des Saarlands, hat beim "DomWort" über "Leben mit dem Virus - Welche Schranken sind unserem Handeln gesetzt?" gesprochen.
  • Weitere Videos
    Weitere Videos des Paulinus finden sich auf www.youtube.com/PaulinusTrier




Paulinus - Fuss: