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Jeder Einzelne zählt

Foto: KNA
Wartebereich im Gesundheitszentrum. Krankenschwestern im Gespräch mit Patienten.

Jeder Einzelne zählt

Von: Andrea Krogmann | 22. März 2020
Im Gesundheitszentrum Sankt Anton im Armenviertel Roueissat im libanesischen Jdeideh bleiben Nationalitäten und Religionen vor der Tür. Geholfen wird jedem, der Hilfe braucht – und das sind viele.

Dicke Tropfen prasseln auf das Wellblechdach des Gesundheitszentrums Sankt Anton der Schwestern vom Guten Hirten im libanesischen Jdeideh. Regen sammelt sich in den Schlaglöchern der Straße durch den Vorort Roueissat, an deren Flanken Hisbollah- und Amal-Plakate das ärmliche Stadtbild prägen. Wer an diesem Hang lebt, gehört zu den verletzlichsten Bewohnern des Libanon, erklärt die Direktorin des Zentrums, Schwester Antoinette Assaf. Täglich außer sonntags öffnet sie von 7.30 bis 14 Uhr die Tore. Der Einsatz für die Ärmsten – in unscheinbaren Containern, „wie alles hier ohne Registrierung und damit illegal“ – verschafft den katholischen Ordensfrauen in dem schiitischen Viertel Respekt.

Armut hat keine Nationalität: Arme Libanesen kommen ebenso wie syrische und irakische Flüchtlinge oder Gastarbeiter, die sich keinen Arzt leisten könnten. Auch die Glaubenszugehörigkeit bleibt in Sankt Anton an der Eingangstür. „Jeder einzelne Mensch hier hat seine ganz eigene Geschichte“, sagt die gelernte Krankenschwester mit Ausbildung in internationaler Entwicklung und Management. „Jede einzelne Person wiegt mehr als eine ganze Welt.“

200 Patienten sind es an Spitzentagen. Einen Termin braucht man nicht. Ruhigere Tage wie dieser geben Gelegenheit, wartende Patienten zu sensibilisieren. Diabetes und Brustkrebs sind ebenso Thema wie Läuse, Impfungen oder Ernährung. „Gemüse ist gesund, weil es viele Vitamine hat. Das weiß ich von Mama“, sagt Mohammed aus Syrien. Die Krankenschwester lobt die Eltern des kleinen Asthma-Patienten für das gute Vorbild. „Nicht nur die Behandlung, auch die Aufklärungsarbeit machen die Klinik zu einem guten Ort“, findet Mutter Wala’a. Das sei „nicht einfach ein Kompliment“, beeilt sich Vater Basil hinzuzufügen.

Am anderen Ende des engen Gangs drängen sich vier Frauen mit Kleinkindern um einen Schreibtisch. Die Tür ist geschlossen; es soll „Sicherheit und Raum für Fragen auch zu intimen Themen“ geben, sagt die medizinische Leiterin des Zentrums, Dr. Lama Abi-Khalil. Wann Vaginalausfluss ein Indiz für eine Infektion ist, wie man sein Kind beim Stillen richtig hält und warum Muttermilch und lange Stillzeiten so wichtig sind für Mutter und Kind, sind nur einige Themen.

Sie werde „auf jeden Fall wiederkommen“, sagt die Syrerin Scheikha. Die Empfehlung hat sie von einer Nachbarin – für das Sankt-Anton-Team ein Erfolg: „Als wir sahen, wie viele Patienten, vor allem Syrerinnen, ohne jedes Wissen über Schwangerschaft oder Frauengesundheit zu uns kamen, haben wir 2015 mit Unterstützung von Misereor unseren gynäkologischen Dienst ausgebaut“, sagt Direktorin Assaf. Inzwischen ist ein Programm für Frauen nach dem gebärfähigen Alter hinzugekommen.

Die Ordensfrauen sind schon lange vor Ort

Ruhe und Zeit sind zwei Grundlagen der Arbeit in Sankt Anton. „Mit den kleinen Problemen der Patienten kommen oft große hinzu, wie Depressionen oder Traumata“, erklärt die Schwester. Rund 15 Minuten nehmen sich die Schwestern pro Patient, um die Bedürfnisse abzuklären, bevor dann die Ärzte übernehmen. Wem nicht vor Ort zu helfen ist, wird an die richtigen Stellen weitervermittelt. Eine Krankenversicherung hat hier fast keiner. Der Beitrag der Patienten, umgerechnet 1,80 Euro, ist „symbolisch – aber wichtig für die Würde“. In die Poliklinik der Schwestern auf der anderen Straßenseite kommen Dermatologen, Kardiologen, Kinderchirurgen und andere spezialisierte Ärzte nach Bedarf und auf Rechnung der Patienten. „Wir versuchen, möglichst breit aufgestellt zu sein, weil private Kliniken für unsere Patienten zu teuer sind“, erklärt die Direktorin.

Dass die Schwestern das Zentrum 2005 übernehmen konnten, verdanken sie nicht zuletzt der langjährigen Präsenz vor Ort. Seit 1997 betreiben sie hier Familien- und Jugendarbeit. Ein Thema in diesem Winter lautete Heimat, erläutert die Verantwortliche, Schwester Aida – ein sensibles Thema in einem Land, in dem auf 4,5 Millionen Einwohner zwei Millionen Flüchtlinge aus diversen Ländern kommen. „Wir vermitteln unseren Jugendlichen, dass Heimat da ist, wo ich herkomme – und auch dort, wo ich bin. Einsetzen muss ich mich für beide; und ich muss die Hoffnung behalten, dass es in meiner Heimat besser wird.“ In Sankt Anton in Roueissat setzen die Schwestern und ihr Team alles daran, mit gutem Beispiel voranzugehen.



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