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Getilgtes Unrecht und neues Vertrauen

Foto: KNA
Rabbiner Walter Homolka.

Getilgtes Unrecht und neues Vertrauen

Von: Karin Wollschläger/KNA | 26. Januar 2020
Im Dezember ist in Berlin der Staatsvertrag für die Einführung einer jüdischen Militärseelsorge unterzeichnet worden (vgl. „Paulinus“ vom 5. Januar, Seite 1). Rabbiner Walter Homolka ist Rektor des Potsdamer Abraham- Geiger-Kollegs für die Ausbildung von Rabbinern – und Oberstleutnant der Reserve. Karin Wollschläger von der KNA hat mit ihm gesprochen.

Herr Rabbiner Homolka, es war ein langes Stück Arbeit, wie man hört. Sind Sie erleichtert, dass es nun schon bald jüdische Militärseelsorger geben wird?
Distanz und Misstrauen sind einem entspannten Miteinander gewichen. Früher ging es vorrangig um Gedenken und Aufarbeitung von Diskriminierung und Zurücksetzung. In den letzten 15 Jahren kam es zu einer Orientierung nach vorne.

Als Reservestabsoffizier bin ich erleichtert, dass sich heute jüdische Bundeswehrangehörige auf Augenhöhe mit ihren Kameradinnen und Kameraden begegnen. Seit etwa zwei Jahren lag das Thema nun in der Luft. Im April 2019 einigten sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen über die Wiederaufnahme im Grundsatz. Seitdem ist es dem Zentralrats-Geschäftsführer Daniel Botmann gelungen, mit Bundesministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den strukturellen Rahmen zu bauen und einen Militärseelsorgevertrag auszuhandeln, der es dem liberalen und orthodoxen Judentum erlaubt, in der Militärseelsorge mitzuwirken. Ich halte diese Erweiterung für einen Paradigmenwechsel. Militärseelsorge wird künftig pluralistisch gestaltet werden.
Warum hat die Einführung so lange gedauert? Sah man von staatlicher Seite keine Notwendigkeit?
Das Verhältnis zwischen den deutschen Streitkräften und der jüdischen Gemeinschaft war seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon sehr belastet. In der Vergangenheit waren Juden in Friedenszeiten zumal als Offiziere nicht gerne gesehen. Reichsaußenminister Walther Rathenau hat aus seiner vergeblichen Kandidatur als Reserveoffizier noch in der Weimarer Republik den Schluss gezogen, man bleibe als Jude eben Staatsbürger zweiter Klasse. In Kriegszeiten haben Juden ihre Pflicht oft übererfüllt, die Anerkennung blieb ihnen aber versagt.
Aber jüdische Militärrabbiner gab es doch schon mal.
Im Ersten Weltkrieg wurden jüdische Soldaten erstmals von Feldrabbinern betreut und begleitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden zwischen Bundeswehr und jüdischer Gemeinschaft lange Vorbehalte. Gegen die Sprachlosigkeit wirkten zahlreiche Einsätze deutscher Soldaten in den letzten Jahrzehnten zur Sicherung und Wiederherstellung jüdischer Friedhöfe. Seit ungefähr 15 Jahren machten angehende Rabbiner dann Praktika bei den beiden großen Kirchen, um sich dem Thema Militärseelsorge anzunähern. 2006 entstand der Bund Jüdischer Soldaten, 2010 brachte das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr eine Handreichung für Jüdische Soldaten heraus und im gleichen Jahr bekam der Zentralrat der Juden einen Sitz im Beirat Innere Führung der Bundeswehr. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge fußt also auf einer ganzen Reihe von Schritten in die richtige Richtung.
Welche Bedeutung hat die Einführung von jüdischen Militärrabbinern für das Judentum in Deutschland?
Es tilgt meines Erachtens das Unrecht, das Juden in deutschen Armeen früher erfahren mussten. Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge durch den Zentralrat der Juden in Deutschland zeigt: Die jüdische Gemeinschaft hat Vertrauen in die Bundeswehr als einer pluralistischen, demokratischen Armee. Und: Wir Juden haben vor, dieses Gemeinwesen in all seinen Aspekten mitzugestalten.




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