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„Ich empfinde tiefe Scham“

Foto: imago images
Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) besucht anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung Auschwitz-Birkenau das frühere KZ.

„Ich empfinde tiefe Scham“

Von: KNA | 15. Dezember 2019
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem ersten Besuch im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ihre Scham für den hier begangenen Massenmord geäußert.

„Heute hier zu stehen und als deutsche Bundeskanzlerin zu ihnen zu sprechen, das fällt mir alles andere als leicht“, sagte Merkel am 6. Dezember bei einem Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Stiftung Auschwitz-Birkenau. Die Stiftung setzt sich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers ein.

„Ich empfinde tiefe Scham angesichts der barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden. Verbrechen, die die Grenzen alles fassbaren überschreiten“, sagte Merkel. Vor Entsetzen über das, was Frauen, Männern und Kindern an diesem Ort angetan worden sei, müsse man eigentlich verstummen. Mit Worten könne man der Trauer um die vielen hier gedemütigten, gequälten und ermordeten Menschen kaum gerecht werden. Doch Schweigen dürfe nicht die einzige Antwort sein. Merkel mahnte, die Augen und Ohren nicht zu verschließen, wo Menschen angepöbelt, erniedrigt oder ausgegrenzt würden: „Wir müssen denen widersprechen, die gegen Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft Vorurteile und Hass schüren.“

Gemeinsam mit Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war Merkel zuvor durch das Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ des ehemaligen Stammlagers gegangen.
Anschließend legte sie vor der sogenannten Todeswand, an der die Nazis Tausende Häftlinge erschossen, einen Kranz mit Rosen und schwarz-rot-goldenem Band nieder.

An dem Festakt nahmen auch einige ehemalige Häftlinge des KZ teil. Merkel bedankte sich bei ihnen dafür, dass sie von ihren leidvollen Erfahrungen berichteten, damit Jüngere daraus lernen: „Sie bringen den Mut und die Kraft zur Versöhnung auf. Sie zeigen wahrhaft menschliche Größe.“ Merkel sagte, Auschwitz stehe wie kein anderer Ort für das „größte Menschheitsverbrechen“. Der Name Auschwitz stehe für den „millionenfachen Mord an den Jüdinnen und Juden Europas, für den Zivilisationsbruch der Schoah, dem sämtliche menschlichen Werte zum Opfer fielen“. Merkel erinnerte auch an den „Völkermord an den Sinti und Roma“ sowie das Leid und die Ermordung von Polen, Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, Homosexuellen und Menschen mit Behinderungen.

Allein im Lagerkomplex Auschwitz seien mindestens 1,1 Millionen Menschen „planvoll und mit kalter Systematik“ umgebracht worden. „Jeder dieser Menschen hatte einen Namen, eine unveräußerliche Würde, eine Herkunft, eine Geschichte“, sagte die Kanzlerin. „Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager.“ Die Täter deutlich zu benennen, sei wichtig. „Das sind wir Deutschen den Opfern schuldig und uns selbst.“

„Wir dulden keinen Antisemitismus“

Die grundlegenden Werte des Grundgesetzes, Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, müssten aktuell geschützt und verteidigt werden, mahnte die Kanzlerin; denn „wir erleben einen besorgniserregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten“. Es handele sich um einen „Angriff auf die Grundwerte der liberalen Demokratie und einen gefährlichen Geschichtsrevisionismus“.

Jüdisches Leben werde in Deutschland und Europa bedroht. Wörtlich sagte Merkel: „Wir dulden keinen Antisemitismus. Alle Menschen müssen sich bei uns in Deutschland, in Europa sicher und zuhause fühlen.“

Es war der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs in Auschwitz seit 24 Jahren. Damals kam Helmut Kohl in die Gedenkstätte. Die Kanzlerin begleiteten in Auschwitz die Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Josef Schuster und Romani Rose. Als erster Bundeskanzler hatte 1977 Helmut Schmidt die Gedenkstätte besucht.



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