Blick von der Schwalbennestorgel hinunter auf Altarinsel und Kathedra des Trierer Doms. Foto: Zeljko Jakobovac

Vor 25 Jahren: Neueinweihung des Trierer Doms

Das Fest der Altarweihe am 1. Mai 1974

Nach über zehnjähriger Restaurierung: Liturgische Neueinrichtung des Doms

Von Domkapitular Professor Dr. Franz Ronig

Am 1. Mai 1974 war es endlich soweit. Der restaurierte Trierer Dom konnte wieder dem Gottesdienst übergeben werden. Lange hatten die Planungen und die Arbeiten gedauert; denn immer neue, bis dahin sogar teils unbekannte Schäden waren ans Licht gekommen. Nach der Heilig-Rock-Wallfahrt von 1959 waren Bauschäden offenkundig geworden. Als erstes wurde eine totale Neuvermessung des Gebäudes notwendig. Verschiedene Kommissionen wurden von Bischof Dr. Matthias Wehr und dem Domkapitel einberufen. Viele gaben ihr Urteil ab. Die ersten Notsicherungsmaßnahmen liefen sofort an. Nachdem dann im Jahr 1968 ein großer internationaler Gutachter-Wettbewerb die Richtung der künftigen Arbeiten festgelegt hatte, begannen die Arbeiten im großen Stil.

Die ganzen Arbeiten – Sicherung der Standfestigkeit und der Neuausbau – liefen auf die Herrichtung des Doms für die durch das Zweite Vatikanische Konzil erneuerte Liturgie hinaus. So war die Weihe des neuen Altars der eigentliche Zielpunkt der Arbeiten und auch der Inhalt des großen Festes anläßlich der Wiedereröffnung.

Daß der neue Altar in den Bereich der Vierung des Doms, an den Kreuzungspunkt von Hauptschiff und Querschiff, kommen sollte, war im Prinzip klar. Die zehn Architekten des Wettbewerbs hatten dazu bereits ihre Vorschläge gemacht. Daß es bei der Domkirche um eine Vielfalt von liturgischen Funktionen und daher auch von Zielvorstellungen ging, leuchtet wohl sofort einem jeden ein.

Denn der Dom ist in erster Hinsicht eine Kathedrale: die Kathedra, der offizielle Sitz des Bischofs, muß sowohl im ,,ruhenden“ Dom wie auch im liturgischen Geschehen ihren richtigen Platz haben – sowohl liturgisch als auch architektonisch; der Bischof muß in seinem Vorsteheramt und in seiner liturgischen Funktion einen deutlich ablesbaren und seiner Bedeutung entsprechenden Platz haben.

Der Dom ist aber auch eine Kapitelskirche: das Domkapitel und der übrige Klerus, einschließlich der Studenten des Priesterseminars, müssen ebenfalls ihren ausgewiesenen Platz haben: das gilt sowohl für die Darstellung der verschiedenen Funktionen als auch für den Vollzug des Stundengebetes und für die Assistenz bei der Feier der heiligen Eucharistie.

Die Aufstellung der Bänke und Stühle für das heilige Volk Gottes mußte im Raum so gefunden werden, daß sie möglichst nahe zum Altar und auf diesen so hingeordnet würden, um so den Charakter der liturgischen Gemeinschaft in bestmöglicher Weise zu realisieren. Auch hier galt es, Funktion und architektonisches Bild zur Einheit zu führen.

Die Disposition für die Einrichtung zur Feier der heiligen Eucharistie im engeren Sinn mußte im Zusammenhang mit der Anordnung von Kathedra, Chorgestühl und Bänken so geplant werden, daß der Altar wirklich der Mittelpunkt des Raums und der heiligen Handlung wurde. Dabei bedeutet Mittelpunkt nicht unbedingt den streng geometrischen, sondern den bedeutungshaften Mittelpunkt. Das Podest, auf dem der Altar steht, mußte so bemessen und gestaltet werden, daß es den liturgisch geforderten Bedürfnissen genügte. Außer dem Altar war hier ein zweiter Mittelpunkt zu errichten: der Ambo als Ort der Wortverkündigung – für das Lesen der Heiligen Schrift und für die Predigt.

Zunächst behalf man sich mit einem metallenen Scherenpult, bis dann nach einigen Jahren der Erprobung ein fester Ambo aus Stein errichtet wurde. Die alte wertvolle Kanzel steht noch an ihrer alten Stelle, wo sie den Mittelpunkt des Doms bildet und heute noch das Reden ohne Mikrophonanlage leicht ermöglicht. Sie wird allerdings nur sehr selten benutzt.

Die dauernde Aufbewahrung der heiligen Eucharistie im Tabernakel blieb an der Stelle erhalten, wo sie auch vor der Domrenovierung war: am Ostende des nördlichen Seitenschiffes auf dem Dreifaltigkeitsaltar. Allerdings wurde diese Sakramentskapelle erst 1974 eine richtige teilweise abgeschlossene Kapelle. Denn das ,,Goldene Tor“, jenes wunderschöne barocke Eisengitter, das einmal den Chor abschloß, dient nun als Abschluß der Sakramentskapelle. Für die Weihe des Taufwassers in der Osternacht wurde das große weiße Marmorbecken vor dem Westchor vorgesehen.

Eine besondere Schwierigkeit bestand darin, für den Domchor einen liturgisch passenden und musikalisch-akustisch angemessenen Platz zu finden. Nach langen Experimenten steht der Chor nun auf einem Podest im Ostchor des Doms, in jenem Bereich, wo früher einmal der Hochaltar stand. Eine erst 1996 dort aufgestellte Chororgel ist zum Zusammenspiel mit dem Domchor geeignet. Die große Orgel hängt nämlich, wie bis 1830, als Schwalbennestorgel wieder mitten im Schiff und hat so den akustisch und musikalisch besten Platz erhalten.

Schließlich galt es, für die bedeutendste Reliquie des Trierer Doms, den Heiligen Rock Christi, einen Platz zu finden, der der Bedeutung dieser Reliquie angemessen ist und mithilft, die christologische Bedeutung des Doms zu betonen und dieser Christozentrik Ausdruck zu geben. Hier konnte man – nach einer knapp zweihundertjährigen Unterbrechung – auf die eigens für die Tunika Christi gebaute Kapelle am Ostchor des Doms zurückgreifen. So hat das ,,Haupt“ in symbolischer Weise wieder seinen angemessenen Ort gefunden.

Für die Gestaltung des Altarraums wurde ein eigener Wettbewerb ausgeschrieben. Die Vorschläge eines Kölner Künstlerteams, bestehend aus Theo Heiermann, Professor Elmar Hillebrand und Jochen Pechau, wurden zur Realisierung angenommen. Das Altarpodest und der Altar wurden aus einem graugrünen Peperino (aus Viterbo) hergestellt, wobei der Stein mit Einlegearbeiten aus Präonyx (aus Volterra) geziert ist und mit feinen Ritzungen bildhafte Darstellungen erhält, die man erst bei genauerem Hinschauen bemerkt. Von den Flächen des Altars breitet sich ein Lebensbaummotiv nach allen Himmelsrichtungen über die ganze Fläche aus. Unter den Ritzungen ist eine an der vorderen untersten Stufe bemerkenswert: Es sind die abgelegten Sandalen des Mose. Die Künstler wollten dadurch einem jeden sagen: Hier ist heiliges Land!

Im Sepulchrum des Altars wurden nicht Reliquien von Heiligen geborgen, sondern nach einem alten Brauch Teile von Heiligen Stätten eingeschlossen: Felsgestein vom Golgothahügel, Erde vom Petrusgrab zu Rom, ein Steinornament von der Kirche Hagia Sion zu Jerusalem, der ,,Mutter aller Kirchen des Erdkreises“.