Die drei Forscher reisefertig  mit Rucksack
Dr. Markus Gamper, Veronika Graf und David Laudwein (von links) gingen Hunderte von Kilometern, um herauszufinden, warum Menschen als Pilger aufbrechen. Foto: privat

Pilgern, um eine Lösung zu finden

Trierer Wissenschaftler sind aufgebrochen, um zu erforschen, was es mit dem Pilgerboom auf dem Jakobsweg auf sich hat. Dr. Markus Gamper, Veronika Graf und David Laudwein führten unterwegs Interviews, verteilten Fragebögen und machten ihre ganz eigenen Erfahrungen. Im Gespräch mit „Paulinus“-Redakteurin Eva-Maria Werner berichten sie von ersten Einschätzungen und Ergebnissen – die Phase der Auswertung ist noch im Gange.

Welche Menschen sind unterwegs nach Santiago de Compostela?

Gamper: Vor allem gebildete Menschen und junge Leute. Viele Lehrer und Studenten sind unter den Pilgern. Wir unterscheiden unter anderem Sportpilger, religiöse Pilger, Selbstfindungspilger, Spaß- und Urlaubspilger, Kultur- und Sprachpilger, Trendpilger, Pilgergruppen und solche, die für den Lebenslauf pilgern.

Wie bitte? Pilgern für den Lebenslauf?

Graf: Ja, unter diesen sind vor allem Spanier. Wer die Pilgerurkunde nachweisen kann, hat Vorteile. Denn sie zeigt, dass der Bewerber Teamgeist hat und belastbar ist – Aspekte, die jedem Pilger automatisch abverlangt werden.

Mal abgesehen von Sport- und Urlaubspilgern: Was bewegt die Menschen, die sich entscheiden, aufzubrechen?

Gamper: Liebe, Beruf, Krankheit, Familie, das sind die häufigsten Gründe. Die Menschen brechen auf, um zu sehen, was passiert. Meist ist eine bestimmt Schmerzgrenze erreicht, oder ein Zustand, der unbedingt nach Klärung und Entscheidung verlangt. Die Pilger fliehen aus dem Alltag, um nachdenken zu können und einer Entscheidung näherzukommen.

Laudwein: Wie zum Beispiel die junge Frau, die in einer unglücklichen Liebesbeziehung steckte und nicht wusste, wie es weitergehen soll.

Gamper: Der Weg ist nicht die Lösung, aber er bietet die Möglichkeiten, eine Lösung zu finden. Sich zu fragen, was man wirklich will und dann wieder zurückzugehen in den Alltag.

Laudwein: Die Stimmung auf dem Weg hilft dabei: Man konzentriert sich aufs Minimum. Es ist wirklich erstaunlich, dass man mit viel weniger zurecht kommt als man denkt. Es gibt keinen Druck von außen, niemand, der dieses oder jenes von dir erwartet. Es herrscht kein Stress, sondern Entspanntheit. Alles, was du tun musst, ist, der Muschel zu folgen, die den Weg weist. Die Menschen, die dir begegnen, sind völlig vorurteilsfrei. Du kannst glauben, was du willst, es spielt keine Rolle. Viele Menschen, die auf unsere Fragebögen geantwortet haben, sagten, wenn die Welt auf kultureller Basis so funktionieren würde wie der Weg, dann hätten wir viele Probleme nicht.

Pilgern, um eine Lösung zu finden, ist ein starkes Motiv. Machen sich auch Menschen auf den Weg, um Danke zu sagen?

Graf: Natürlich, auch wenn ihre Zahl geringer ist. Wir haben Pilger getroffen, die eine Krebserkrankung gut überstanden haben und aus Dankbarkeit den Weg gehen. Eine Frau pilgerte bereits zum dritten Mal – für jedes ihrer Kinder, das gesund zur Welt gekommen ist. Manche pilgern zum wiederholten Male, immer unter einem anderen Motto.

Um über das Leben nachzudenken, Entscheidungen zu treffen und Dank zu sagen, muss man nicht unbedingt loslaufen. Die Menschen könnten sich auch für eine Zeit in ein Kloster zurückziehen. Warum ist deren Zahl aber viel kleiner als die der Pilger?

Gamper: Gute Frage. Das hat sicher mehrere Gründe. Die Verbindung „Nachdenken – Laufen“ spielt sicher eine große Rolle. Das Laufen ist wie eine Therapie. Man läuft sich frei. Und spürt den Körper auf eine ganz neue Weise.

Graf: Während des Pilgerwegs ist dein Körper dein Kapital. Er bestimmt, wann und ob du ankommst. Deshalb muss man auch sehr gut auf seinen Körper hören und auf die Signale, die er aussendet. Das ist für viele, die sonst vor allem am Schreibtisch sitzen, eine völlig neue, positive Erfahrung. Auf sich hören, an die eigenen Grenzen stoßen, diese vielleicht aber auch überwinden. Unsere kleinen körperlichen Alltagsgebrechen sind plötzlich nicht mehr so wichtig.

Welche Bedeutung hat die Gemeinschaft mit anderen während des Pilgerweges?

Graf: Sie spielt eine große Rolle. Das Knüpfen von sozialen Kontakten ist auf dem Weg viel leichter als im Alltag: Ich würde sagen: Was im Alltag ein Jahr braucht, braucht auf dem Weg eine Woche. Es entwickelt sich schnell ein Gemeinschaftsgefühl in den Herbergen, beim Kochen oder beim gemeinsamen Gehen. Man trifft immer wieder dieselben Leute.

Kann es sein, dass der Jakobsweg gerade deshalb auf so viele Menschen einen so großen Reiz ausübt, weil es ihnen schwer fällt, im Alltag direkte Kontakte zu knüpfen? So vieles läuft ja heute über das Internet. Die sozialen Netzwerke dort boomen. Manche kritisieren, dass würde die „echte Kontaktfähigkeit“ mindern.

Gamper: Ich würde nicht so weit gehen, den Erfolg des Jakobsweges primär mit der Möglichkeit, dort soziale Kontakte knüpfen zu können, erklären wollen. Es ist zwar leicht, Menschen anzusprechen, aber es bleiben in der Regel lose Kontakte ohne soziale Konsequenzen. Für eine bestimmte Zeit gehört man zu einer Schicksalsgemeinschaft, fühlt sich aufgehoben in einer Einheit trotz aller Differenzen. Aber es ist eben eine temporäre Struktur.

Die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben ist nicht vorrangig für die Pilger, sondern die schon genannten persönlich-individuellen Gründe. Die Gemeinschaft entwickelt sich durch das gemeinsame, örtliche Ziel Compostela ganz natürlich.

Wie zeigt sich die Gemeinschaft?

Laudwein: Es gibt besondere Pilgersymbole: Die Jakobsmuschel am Rucksack – ohne die bist du nur ein „einfacher Wanderer“. Dann den häufig individuell gestalteten Pilgerstab, in den manche für jeden geschafften Tag eine Kerbe hineinschnitzen. Pilgerhut, Band und Anstecknadel sowie der typische „Trinkbeutel“ gehören in der Regel auch zur Grundausstattung. Die Symbole sind Wiedererkennungsmerkmale, dienen der Selbstdarstellung und Abgrenzung und stärken die Gemeinschaft.

Stichwort Religiosität: Frönt jeder Pilger seiner „Privatreligion“? Welche Rolle spielt die Kirche?

Gamper: Zunächst einmal beschäftigen sich ja viele Pilger im weitesten Sinne mit der Frage nach Sinn. Insofern sind religiöse Fragen latent vorhanden, auch bei denen, die nicht gläubig sind. Mein Eindruck ist: Gerade die Menschen, die der Kirche eher skeptisch gegenüberstehen, werden toleranter gegenüber dem Glauben der anderen und der Kirche, da sie „Kirche“ auf dem Weg positiv erleben.

Natürlich ist die Kirche etwas anderes als der Weg, aber überall ergeben sich Anknüpfungspunkte. Menschen, die im Alltag keine Kirchgänger sind, besuchen unterwegs Gottesdienste, lassen sich auf die vielen unterschiedlichen Angebote der Kirche ein. Man kommt an der Kirche nicht vorbei, wenn man den Jakobsweg geht, und unter den Pilgern erfreut sie sich eines guten Images. Die ihr häufig zugedachten negativen Attribute wie zwanghaft und konservativ ersetzt sie hier durch freie Angebote. Die Pilger können wählen, können sich aber auch ohne Konsequenzen dagegen entscheiden.

Laudwein: Viele Pilger reagieren offen und mit Neugier auf die Angebote. Ich habe einmal in einer Klosterkirche erlebt, dass eine Ordensfrau vor dem Gottesdienst die Liturgie erklärt hat, wohlwissend, dass viele gekommen waren, die sich nicht auskannten.

Gamper: Ein schönes Erlebnis für uns alle, egal ob mit Kirchenhintergrund oder ohne, war zum Beispiel auch eine Segnung im Sonnenuntergang auf einem Hügel. Der Pfarrer wünschte jedem, „dass du gut ankommst“ – und das kam unheimlich gut bei allen an.

Ist der Weg nicht sehr kommerzialisiert?

Graf: Ja, das stimmt. Die extrem gute Infrastruktur und die Qualität der Unterkünfte, die sich seit Hape Kerkelings Reise bedeutend verbessert hat, sind ja mit ein Grund für den Erfolg des Weges. Die Pilger sind eine wichtige Einnahmequelle für die gesamte Region. Mit allen Vor- und Nachteilen. Es gibt Fahrservice, Massagen, alle Arten von touristischen Angeboten. Man kann sie annehmen oder aber sich von ihnen fernhalten. Bis auf die letzten 100 Kilometer ist das alles auch in Ordnung. Dann bringt der extreme Menschenzulauf eine neue Situation mit sich.

Ist es nicht schwierig, als Wissenschaftler bei solch einem „Selbstversuch“ die Objektivität zu bewahren?

Graf: Schon! Ich fand es schwierig, beides auseinanderzuhalten. Denn einerseits willst du dazugehören, subjektive Erfahrungen machen, andererseits sollst du beobachten, Datenmaterial sammeln und auswerten. Der Kopf hat eigentlich immer gearbeitet.

Gamper: Um zu verstehen, wie sich ein Pilger fühlt, musst du wie ein Pilger leben. „Going native“ sagen wir Wissenschaftler dazu. Das heißt so viel wie: Gehe zu denen und lebe mit denen, über die du etwas herausfinden möchtest.

Solche „Feldversuche“ sind nicht unüblich. Als Wissenschaftler müssen wir versuchen zu trennen zwischen unserer eigenen Erfahrung, die auch den körperlichen Schmerz und die Anstrengung miteinschließt und der wissenschaftlichen Fragestellung. Doch das Tagebuch-Schreiben am Ende eines Tages hat mir dabei geholfen, Abstand zu gewinnen.

Info

Auf der Seite www.pilgern.eu stellen die Trierer Soziologen im Internet ihr Projekt vor. Dort gibt es Informationen zu den einzelnen Reisetagen sowie zum wissenschaftlichen Vorgehen.


Faszination Jakobsweg

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