Jan Hoffmann
Jan Hoffmann, ehemaliger Lidl-Verkaufsleiter. Foto: privat

Warum ich bei Lidl gekündigt habe …

Der ehemalige Lidl-Verkaufsleiter Jan Hoffmann erzählt, warum er dem Unternehmen den Rücken gekehrt hat. Seine Begründung „im Wortlaut“:

Nach dem Abi habe ich enthusiastisch das Berufsakademie-Studium begonnen. Lidl schien all das zu bieten, was ich mir erträumt hatte: eine praxisorientierte Ausbildung in einem großen Unternehmen, ein Berufsstart mit Anzug und A4 als Dienstwagen – und das mit Anfang 20. Ich war zufrieden, hatte ja noch keine Entscheidungen zu treffen, war einfach Mitläufer. Zwar hab ich schon während der Ausbildung das ein oder andere mitbekommen, was mich stutzig machte, doch letztendlich hab ich mir das noch schön geredet nach dem Motto „Durchbeißen muss man sich überall“.

Als Verkaufsleiter lockte mir ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro Netto. Doch das hatte seinen Preis: Es wird verlangt, dass man seine Zeit uneingeschränkt zur Verfügung stellt, alles ausführt, was von oben aufgetragen wird. Wenn die festgelegten Kennzahlen pro Filiale – ich war damals für fünf bis sechs zuständig – nicht eingehalten werden konnten gab’s sofort Ärger. Einmal fiel uns die Kühltruhe über Nacht aus, alle Lebensmittel mussten entsorgt werden. Mit dieser Panne konnten wir unsere festgelegten Ziele nicht mehr erreichen, doch es interessierte den Vorgesetzten nicht, ob dies aus Nachlässigkeit oder eben wegen einer technischen Panne passiert war, für die niemand etwas konnte.

Richtig verstanden, wie Lidl wirklich tickt, habe ich, als mich ein Vertriebsleiter fragte: „Sie haben schon lange niemanden mehr entlassen. Wird denn nicht mehr geklaut?“ Ich war perplex. Einer Verkäuferin wollte er wegen angeblich schlechter Leistung kündigen. Ich fand seine Einschätzung ungerechtfertigt. Er beharrte aber darauf und gab Tipps, wie ich einen Kündigungsgrund herbeiführen könnte: „Nehmen sie Geld aus der Kasse und machen anschließend Kassensturz.“ Wenig später installierte er Überwachungskameras.

Der Alltag wurde zur Zerreißprobe

Wen die Vorgesetzten auf dem Kicker haben, der hat verloren. Entweder werden die Angestellten so lange drangsaliert, bis sie mürbe werden und von selbst gehen oder es wird ein „Grund“ für eine fristlose Kündigung gefunden. Das ganz massive unsoziale Verhalten, das ständige Signalisieren „pass auf, dein Arbeitsplatz ist nicht sicher“, ist es, was die Arbeit bei Lidl so unmenschlich macht. Für mich wurde der Alltag zur Zerreißprobe. Ich habe versucht, so fair wie möglich mit den Mitarbeitern umzugehen. Wenn die Arbeitszeiten für die zu erfüllenden Aufgaben zu knapp bemessen waren und Hilferufe aus den Filialen kamen, bin ich dorthin gefahren und hab selbst mit Hand angelegt, damit alles klappt, falls der Chef zur Kontrolle kommt.

Ich habe oft sechs, sieben Tage pro Woche gearbeitet. Und die zunehmenden Kontrollen, die ich durchführen musste, von deren Sinn ich absolut nicht überzeugt war, führten dazu, dass ich immer nachdenklicher und bedrückter wurde, nicht mehr ich selbst war. Schließlich habe ich gekündigt. Jetzt muss ich zwar mit weniger Geld auskommen, kann aber wieder vor mir gerade stehen. Es war die richtige Entscheidung. Aufgezeichnet von Eva-Maria Werner