Barbara Heinisch, Ostern II (1980). Foto: privat

Wem gehört die Zukunft?

Von Georg Bätzing

„Wende am Arbeitsmarkt, sprudelnde Gewinne und wachsende Kaufkraft“ – seit Ende des vergangenen Jahres wird der Aufschwung geradezu beschworen. Nach mageren Jahren wirtschaftlichen Wachstums wirkt sich ein konjunkturelles Zwischenhoch positiv auf die Stimmung der Unternehmen aus und lässt die Finanzfachleute in Staat und Kirche angesichts der angespannten Situation ihrer Haushalte durchatmen. Da wirken Einsprüche beinahe unschicklich, wie der des Trierer Bischofs Ende Januar. Vor Journalisten stellte er sich hinter ein Positionspapier der „Aktion Arbeit“ zur Schaffung eines öffentlich finanzierten dritten Arbeitsmarktes. Die Unterstützung von Arbeit durch Steuergelder sei allemal preiswerter als die Finanzierung von Arbeitslosigkeit. Es sei ein Irrtum, die Massenarbeitslosigkeit als ein vorübergehendes Phänomen anzusehen. In absehbarer Zukunft werde die Wirtschaft nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Mit seiner Einschätzung befindet sich Bischof Reinhard Marx in guter Gesellschaft. Einer der bekanntesten Sozialforscher Deutschlands, Meinhard Miegel (* 1939), wendet sich seit Jahren engagiert gegen die Wachstumsgläubigkeit der Politiker. Ermüdungserscheinungen sind in unserer Gesellschaft unübersehbar. Der Zusammenhalt bröckelt. Die sozialen Netze, allen voran die Familie, befinden sich in Auflösung. Abträgliche Nebenwirkungen des westlichen Lebensstils – etwa im Gesundheitssektor und im ökologischen Bereich – treten offen zutage. Breite Bevölkerungsschichten suchen vor allem Ruhe und Zerstreuung. Mühen scheuen sie, etwa die Mühen der Kindererziehung. Keines der Völker des Westens weist noch Geburtenraten auf, die den Bestand sichern. Vor allem aber plagen die Menschen Zweifel an ihrer Zukunft. Oft handeln sie, als hätten sie keine. Die momentan guten Wirtschaftsdaten hält Miegel daher für trügerisch. Es sei unmöglich, mit einer schrumpfenden Gesellschaft und angesichts weltweit konkurrierender Aufsteiger immerfort Wachstum zu produzieren.

Europa am Wendepunkt angekommen

Da spricht ein Realist, nicht ein Untergangspessimist; denn man müsste blind sein, um die Zusammenhänge nicht ähnlich zu beurteilen. Realismus ist der Ausgangspunkt, um Zukunftsperspektiven entwickeln zu können. Hier gilt eine alte theologische und geistliche Weisheit, die besagt: Überwinden und durchbrechen kannst du nur, was du annimmst! Wir müssen akzeptieren lernen, dass wir in Europa an einem Wendepunkt angekommen sind. Der Strom der Geschichte hat eine andere Richtung eingeschlagen. Zwar erkennen alle, dass vieles anders ist als früher; aber sie halten die Veränderungen für eine Störung des Normalen und versuchen mit aller Kraft, sie zu überwinden. Dabei ist eine neue Zeit angebrochen mit neuen Bedingungen. Die Zeiten eines Wohlstands, der in Vergeudung und Überfluss ausgeartet ist, sind vorbei. Stattdessen sind Bescheidenheit und Bereitschaft zum Teilen angesagt. „Die Völker des Westens müssen wieder lernen, Verzicht zu üben“, schreibt Miegel, „individuell, damit innergesellschaftliche Spannungen, kollektiv, damit Spannungen zwischen Völkern und Regionen keine zerstörerischen Ausmaße annehmen. Sehen sie noch eine Weile tatenlos zu, wie sie im Inneren fortschreitend morscher werden und zugleich der Außendruck wächst, wird ihnen dieser Verzicht in naher Zukunft aufgezwungen werden.“

Teilen und Bescheidenheit werden künftig also nicht mehr bloß in Form mildtätiger Spenden und gut gemeinter Entwicklungshilfe möglich sein, sie werden in weit größerem Maß als bisher zu einem Teil kluger Überlebensstrategie. Ob dies eine Utopie bleibt oder uns die Zukunft rettet, hängt entscheidend davon ab, ob Menschen in kurzer Zeit innerlich die Wende mitvollziehen, die längst stattgefunden hat; ob sie bereit sind, ihren Wohlstand wieder anders zu berechnen, als auf „Heller und Pfennig“. Es drängt und duldet keinen Aufschub mehr, eine Umwertung vorzunehmen: „Wohlstand, das sind künftig Menschen, deren Lebenssinn über das Anhäufen materieller Güter hinausgeht; das sind Kinder, die körperlich und geistig gedeihen können; das sind Alte, die nicht vereinsamen; das sind viele Gebrechliche und Altersdemente, die menschenwürdig leben. Wohlstand, das ist mitmenschlicher Zusammenhalt“, so der Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Es gilt, eine neue Qualität von Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung schätzen zu lernen. Nur auf diesem unbequemen Weg steht uns die Zukunft offen.

Sich üben in kühner Hoffnung

Wer sollte für die Herausforderungen dieser Zeitenwende besser gerüstet sein, als wir Christinnen und Christen? In den kommenden Tagen üben wir uns in der kühnen Hoffnung auf eine große Zukunft. Doch wir werden nicht leichtfüßig in das Osterfest hineinspringen. Wir müssen zuerst mit unserem Herrn Jesus Christus in der harten Wirklichkeit seines Kreuzesleidens ausharren. Wer Ostern feiern will, darf den vorausgehenden Tod nicht verschweigen, denn das Aufhören kommt immer vor dem Anfangen. Das macht manche Wendezeit so schwer erträglich. Das Kreuz ist das sichtbare Zeichen, die Auferstehung geschieht im Verborgenen. Die Niederlage des Kreuzes kann man herzeigen und sehen, das neue Leben des Auferstandenen müssen wir auf das Zeugnis der Jünger hin glauben, ohne gesehen zu haben (vgl. Joh 20, 29).

Diesen Grundzug des Osterglaubens hat die Künstlerin Barbara Heinisch (* 1944) dargestellt. Provozierend nennt sie ihr Bild „Ostern“, obwohl der flüchtige Betrachter nichts von Ostern erkennt. Mit heftigen, leidenschaftlichen Bewegungen scheint sie gemalt zu haben, „Passion“ schon in diesem Sinn des Wortes. Schemenhaft ist eine Gestalt zu erkennen, die an den Gekreuzigten erinnert: das vorgestellte Bein, ausgebreitete Arme, das Haupt geneigt. In die blaue Grundfarbe mischen sich rotbraune Töne, besonders zur Mitte hin: Wunden, Geißelhiebe, Blut. Ein auffälliger Riss in der Leinwand irritiert. Wurde das Bild beschädigt? Oder geschah es absichtlich, um eine hintergründige Symbolik einzutragen? Zu sehen ist eine klaffende Wunde. Man kann sie deuten als Durchbruch in eine andere Dimension, als Öffnung im Sinne einer Offenbarung, die Grenzen überschreitet. Das neue Leben, die verborgene Zukunft tut sich auf und wird zugänglich. Im Ende – ein Neubeginn. Durch den Tod – zum Leben. Neue Zeiten brechen an – in härtester Krisenzeit.

Österliche Menschen sind gefragt

Karfreitag und Ostern so eng miteinander verflochten zu sehen, das ist ungewohnt, denn üblicherweise werden die Ereignisse dieser Tage in aufeinander folgenden eigenen Bildern gezeigt. Neu aber ist diese künstlerische Form nicht. Schon vor tausend Jahren dichtete der Mönch Wipo von Burgund: „Tod und Leben rangen im Duell, es war zum Staunen; der tote Anführer des Lebens herrscht lebend.“ Auch der kaiserliche Hofkaplan, dessen Gesang als „Sequenz“ in das Osterhochamt Eingang gefunden hat, hält beides zusammen. Auch er hat es sich mit dem Osterglauben nicht leicht gemacht: Es ist paradox und übersteigt unser Begreifen, dass der scheinbar Schwache zum Starken wurde und der zu Tode Gefolterte sich als lebendig erwiesen hat.

Ähnlich paradox klingt die Forderung, auf Lebensmöglichkeiten zu verzichten, um die Zukunft zu gewinnen, konkret: spürbare Einschränkungen im materiellen Sinn anzunehmen, um neu entdecken zu können, was Menschen wirklich bereichert. Niemand wird das tun, wenn er nicht eine Vision in sich trägt, die die Härte des Verzichts und der Selbstbescheidung erträglich macht. Das Christentum lebt seit Ostern aus dieser Vision. Doch leider ist die christliche Prägung Europas für die meisten unserer Zeitgenossen nur noch eine ferne Erinnerung, oft nicht einmal mehr das. Umso dringlicher braucht unsere Zeit österliche Menschen, die durch ihr Beispiel anstiften, Opfer in Kauf zu nehmen um einer guten Zukunft willen. Der Auferstandene hat den Durchbruch geschafft und ist zum „Anführer des Lebens“ (Apg 3, 15) geworden. Sein Wort gilt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 16, 25). Daran wird sich heute entscheiden, wem die Zukunft gehört.