Der Ostergottesdienst in der Grabeskirche in Jerusalem ist für alle Christen ein besonderes Erlebnis. Fotos: KNA
Orthodoxer Osterbrauch: Ein Geistlicher segnet die traditionellen Osterspeisen.

Zufall mit großer Symbolkraft

Ostertermine können bis zu fünf Wochen auseinander fallen – In diesem Jahr feiern alle Konfessionen am gleichen Termin Ostern

Von Christoph Arens

Das Osterfest 2007 ist kein Ostern wie jedes andere. Denn trotz unterschiedlicher Zeitrechnung feiern katholische, evangelische und orthodoxe Christen das Fest von Tod und Auferstehung Jesu in diesem Jahr am selben Tag: am 8. April.

Das kommt nicht gerade häufig vor. Seit dem 16. Jahrhundert folgen orthodoxe und westliche Kirchen unterschiedlichen Kalendern: die russisch-orthodoxe dem auf Julius Caesar zurückgehenden Julianischen Kalender, katholische und evangelische Kirche dem 1582 von Papst Gregor XIII. reformierten Gregorianischen Kalender. Die Ostertermine können deshalb bis zu fünf Wochen auseinander fallen. Ostern wird in der katholischen Kirche immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert. Als Frühlingsbeginn gilt dabei der 21. März; frühester Ostertermin ist deshalb der 22. März, spätester der 25. April. Gegenüber dem Gregorianischen Kalender liegt der 21. März des Julianischen Kalenders aber derzeit 13 Tage später; daher verschiebt sich das orthodoxe Osterfest manchmal um eine Mondphase.

Im 21. Jahrhundert 31 Mal gemeinsame Ostern

Gemeinsame Ostern gab und gibt es in den rund 1500 Jahren zwischen 1583 und dem Jahr 3000 genau 271 Mal, wie zahlenbegeisterte Astronomen ausgerechnet haben – davon im 20. Jahrhundert 26 Mal, im 21. Jahrhundert 31 Mal. Für viele Christen ist ein solcher kalendarischer Zufall deshalb von hoher Symbolik. Eine Einigung auf einen gemeinsamen Ostertermin könnte ein Signal für das Zusammenwachsen aller Kirchen werden, meinte Papst Johannes Paul II. vor wenigen Jahren. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen ist seit Jahrzehnten um eine Vereinheitlichung des Osterdatums bemüht – bislang ohne Erfolg. Denn alle Versuche, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, verliefen im Sand.

Zuletzt wurde das Problem auf einer Kirchenkonferenz im Jahr 1997 im syrischen Aleppo thematisiert und ein gemeinsamer Vorschlag erarbeitet. Wegen großer Widerstände in den orthodoxen Kirchen – die über solche Fragen in den 1920er Jahren schon einmal einen bis zur Kirchenspaltung hochkochenden Konflikt erlebt hatten – trat diese Regelung jedoch nicht in Kraft.

Schon Kaiser Konstantin schaffte den Konsens nicht

Eine ähnliche Erfahrung machte schon Kaiser Konstantin, der geglaubt hatte, er habe die Christenheit auf dem Konzil von Nizäa im Jahr 325 endlich auf ein gemeinsames Osterdatum am ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond und nach dem jüdischen Pessahfest eingeschworen. Bereits ein Jahr später brach der Konsens wieder auseinander.

Seit Jahrhunderten ist der Ostertermin also ein Zankapfel. Oberastronomierat Reinhold Bien weiß davon ein Lied zu singen. Der Wissenschaftler ist Spezialist beim Thema Zeit. Das, was er im Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg erarbeitet, hat Auswirkungen auf fast jeden Kalender, der in Deutschland hergestellt wird. Denn auf Jahre im Voraus berechnet das Institut mit Computerprogrammen den Lauf der Gestirne und die sich daraus ergebenden Jahresläufe und Feste. Kann da der Papst so einfach am Kalender drehen und das Osterfest verlegen? „Natürlich kann heutzutage jeder seinen Kalender machen“, meint Bien schmunzelnd. Nicht mal der Staat schreibe vor, wann Ostern oder wann Weihnachten zu feiern seien. Es gelten weiter die alten kirchlichen Traditionen. Einzig die Industrie hat bislang in der Zeitrechnung eigene Vorstellungen durchgesetzt: Seit 1992 bestimmt eine Deutsche Norm, dass anders als nach kirchlicher Tradition der Montag der erste Tag der Woche ist.

Wer möchte schon gerne Ostern im Sommer feiern?

„Kalender-Korrekturen waren in der Geschichte immer nur schwer durchsetzbar, weil Menschen ihre Gewohnheiten ändern und sich an neue Zeitrhythmen gewöhnen müssen“, mahnt Bien. Wer etwa Ostern verschieben wolle, müsse nicht nur das ganze Kirchenjahr verändern. Auch Ferientermine und die Karnevalssession seien betroffen. „Und wer will schon gerne Ostern im Sommer feiern, wo doch für viele das Osterfest mit dem Frühling und dem neuen Leben verbunden ist?“ rechnet Bien vor. „Wenn Sie mich fragen: Am besten ändert man nichts“, folgert der Wissenschaftler. Und erinnert daran, dass die Kalenderreformen im 16. Jahrhundert zu Volksaufständen und Unruhen geführt hätten.

In der Grabeskirche wird es Ostern eng werden

An einem für Ostern besonders symbolkräftigen Ort, der Grabes-kirche in Jerusalem, könnte das gemeinsame Osterfest zu zusätzlichen Problemen führen (vgl. Seite 14 der Printausgabe des „Paulinus“). Der US-amerikanische Franziskanerpater Athanasius Macora beklagte in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur Schwierigkeiten im Zusammenleben der christlichen Konfessionen dort. Auch wenn die Renovierung der Kirche in den vergangenen 50 Jahren ein ökumenischer Erfolg gewesen sei, müssten noch viele Punkte neu ausgehandelt werden. Griechisch-Orthodoxe, katholische Lateiner, Armenier, Kopten, Äthiopier und Syrer teilen sich die Zuständigkeit für die Grabeskirche und werden das Osterfest dort gleichzeitig feiern. Ihr Miteinander wird vom „Status quo“ bestimmt, einem Dekret des türkischen Sultans von 1852. Um den Streit um die Heilige Stätte zu beenden, legte dieser fest, dass alles so zu bleiben habe, wie es war. Als neuralgischen Punkt sprach Macora, der die katholische Kirche bei den Verhandlungen um die Grabeskirche vertritt, den einzigen Ausgang der Grabeskirche an. Etwa zu Ostern sind Tausende Pilger gleichzeitig in dem Gotteshaus. Seit Jahrzehnten steht die Forderung nach einem Notausgang im Raum. Nach dem Ende der Kreuzzüge wurden nach Worten des Paters elf der ursprünglich zwölf Tore zugemauert. Seitdem sei um die Basilika herum viel gebaut worden, so dass es nur am heutigen Tor noch eine direkte Verbindung zwischen Kirche und Straße gebe. An allen anderen Stellen müsste man durch fremdes Eigentum gehen – „und niemand will in der Altstadt Eigentum aufgeben“. Der Status quo sei so etwas wie ein Öko-System, meint Macora: „Ändert man auch nur eine Kleinigkeit, bringt das einen Rattenschwanz weiterer Veränderungen mit sich.“