In Supermärkten findet man sie bereits: fair gehandelte Produkte. Foto: KNA

Pakt mit Lidl gilt als zu hoher Preis

„Transfair“-Pläne zur Kooperation mit dem Lebensmitteldiscounter stoßen auf wenig Gegenliebe: Fairer Handel darf keine Einbahnstraße sein

Wer demnächst bei Lidl einkauft, könnte sofort erkennen, ob der Lebensmittel-Discounter einen bestimmten Vertrag unterzeichnet hat. Zieren nämlich Transfair-Gütesiegel das Blütenhonig-Glas oder aber die Flasche „Tequila Blanco“, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine Kooperation mit dem Verein Transfair.

Fair gehandelte Produkte gab es früher ausschließlich in Weltläden zu kaufen, doch mittlerweile sieht man sie auch in Supermärkten. Discounter jedoch haben dem fairen Handel bislang die kalte Schulter gezeigt. Ausnahme: der zweitgrößte Lebensmittel-Discounter Lidl. Bereits im Dezember ging ein Instant-Kaffee über dessen Ladentheken, auf dem das Transfair-Siegel signalisierte: Bei diesem Produkt sind Standards erfüllt. Transfair ist die bundesweit führende Siegel-Organisation für Produkte aus fairem Handel mit der so genannten „Dritten Welt“. Über Umfang, Art und Termine der möglichen aktuellen Kooperation herrscht Stillschweigen. Bekannt ist aber, dass Lidl Interesse haben soll, eigene Marken mit einem Siegel zertifizieren zu lassen.

Lidls Image ist ramponiert

Nun könnte man annehmen, dass der gemeinnützige Verein Transfair Lob erntet für seine Verhandlungen mit dem Lebensmittel-Riesen, laufen doch über das dichte Filialnetz der Discounter wie Aldi, Lidl oder Plus rund 40 Prozent des deutschen Lebensmittelumsatzes. Wer da einen Fuß in der Tür hat, dem eröffnen sich große Absatzchancen. Doch bereits vor der Vollzugsmeldung zur Kooperation geben sich die Kritiker die Türklinke in die Hand. Sie befürchten, dass Lidl das Transfairsiegel lediglich zur Image-Politur benutzt. Denn das Image ist ganz schön ramponiert. Gängelung, Bespitzelung, unbezahlte Mehrabeit, Missachtung des Gesundheitsschutzes, Austausch von Stammpersonal gegen „billige“ Kräfte – die Liste der Vorwürfe ist lang. Genauso lang wie die derer, die dem Discounter Druck machen. Ob nun Attac, Verdi oder das Bündnis aus kirchlichen Verbänden wie Katholische Arbeitnehmerbewegung Deutschland: Sie alle prangern die schlechten Arbeitsbedingungen bei Lidl an.

Auch die „Fair-Trade“-Bewegung jubelt nicht über die Kooperationspläne. Skeptisch ist das Handelshaus gepa, das Produkte mit dem Transfair-Siegel vertreibt. Geschäftsführer Thomas Speck kann sich kaum vorstellen, wie faire Produkte zu einem Möglichst-billig-Umfeld passen. Bislang habe der alternative Handel der „Geiz-ist-geil“-Mentalität widerstanden und verdeutlicht, dass Qualität ihren Preis hat. Besonders stößt Speck sich daran, dass mit Lidl der Discounter in den fairen Handel einsteigt, der am schärfsten in der Kritik stehe. Nur in sechs der 2600 Lidl-Filialen gebe es einen Betriebsrat. Transfair-Geschäftsführer Dieter Overath kann die Kritik nicht nachvollziehen. Schließlich sei es Ziel von Transfair, den Produzenten im Süden möglichst breite Absatzmärkte zu erschließen; das helfe vielen armen Kleinbauern und Arbeitern. Über vertragliche Regelungen wolle man ein Mitspracherecht bei der Vermarktung der Fairtrade-Produkte erlangen. Keinesfalls aber gehöre es zum Aufgabenkatalog, den deutschen Handel auf seine Sozialverträglichkeit hin zu prüfen.

Genau das sieht Wolfgang Johann von der „Aktion 3. Welt Saar“ in Losheim ganz anders. „Wir sehen bei der geplanten Zusammenarbeit keinen tendenziellen Widerspruch“, sagt er. Was sich im ersten Moment anhört, als verteidige er den geplanten Pakt mit Lidl, entpuppt sich jedoch schnell als schweres Geschütz. Das Problem seien die „niedrigen Standards“ bei Transfair. Sie erlaubten zwar die Kooperation mit Discountern, schränkten damit aber die Glaubwürdigkeit des Fairen Handels ein, wie er in über 800 Weltläden bundesweit betrieben wird. Man werde unglaubwürdig, so Johann, wenn man demokratische Strukturen in der Dritten Welt einfordere, sich den Kampf dafür auf die Fahnen schreibe, beim Handeln und Verhandeln zu Hause aber sagt: Hier gilt der hohe Anspruch nicht. „Aus der Sicht von Lidl kann ich diesen Schritt sogar verstehen. Der Discounter hat ein Imageproblem, seit Gewerkschaften und Dritte-Welt-Organisationen deutlich gemacht haben, warum Lidl billig sein kann.“ Billige Löhne, kaum Betriebsräte, Dumpingpreise für Milch und Kaffee machten Produkte in den Lidl-Regalen billig. Johann: „Was für den Konsumenten billig erscheint, wird in Wirklichkeit teuer erkauft.“

Lorenz Müller von der „Aktion 3% Föhren“ würde die Argumente des Losheimer „Kollegen“ „sofort unterschreiben.“ Er spricht von „bescheidenen Arbeitsbedingungen“ bei Lidl und kritisiert: „Was wir als Weltläden im Süden einfordern, klappt hier nicht.“ Die Einwände der Weltläden hätten nichts mit Angst vor Konkurrenz zu tun. Weltläden versuchten, von den Einnahmen die Miete zu zahlen, nicht aber Profit zu machen. Die ehrenamtliche Arbeit sei geprägt von Bildungsarbeit: Kampagnen anstoßen, Bewusstsein schaffen, damit Menschen von der Arbeit besser leben können, darum gehe es. Werner Bühler vom Weltladen Wittlich wünscht sich eine differenzierte Betrachtung. Die eine Seite sei, wie fair oder wenig fair Lidl mit seinen Mitarbeitern umzugehen scheine. Die Fragen müssten erlaubt sein: „Passt fairer Handel zu dieser Art zu handeln? Ist es für Lidl nur eine Alibigeschichte?“ Die andere Seite sei die Chance der Produzenten, den Handel auszuweiten. „Wie weit traut man sich heraus aus der Nische? Wie weit kann man da gehen und über Dinge hinwegsehen, die nicht passen?“, seien Fragen, die gestellt werden müssen. Es sei wichtig, darauf zu drängen, „dass es dem fairenHandel nicht egal ist, wie Lidl mit seinen Arbeitnehmern umgeht.“ KNA/ifu

Fairer Handel ist der Handel mit Produkten aus der so genannten „Dritten Welt“, für die die Produzenten besser bezahlt werden als im normalen Handel. Die Produkte haben einen gerechten Preis. Der Verein Transfair wird von rund 40 kirchlichen und entwicklungspolitischen Organisationen getragen. Er kennzeichnet diese Produkte mit einem Qualitätssiegel. Es geht auch um den ideellen Wert: Der Käufer soll wissen, dass Kriterien wie Mindeslöhne oder keine Kinderarbeit eingehalten werden. Der größte Importeur fair gehandelter Güter ist die gepa.

Kommentar

Recht und billig?

Transfair hat noch nicht einmal den Vertrag mit Lidl unterzeichnet, schon ist die Aufregung groß. Ganz so, als paktiere der gemeinnützige Verein mit dem Teufel höchstpersönlich und verkaufe seine Seele. Und tatsächlich, Skepsis ist angebracht: Hier Transfair, dessen Name allein schon ein „Gütesiegel“ sein soll für den Kampf gegen Ausbeutung von Menschen im Arbeitsleben; dort der Discounter, der im Konzert der Großen die erste Geige spielen will und um jeden Preis Gewinne einfährt, koste es, was es wolle. Und das nahezu unbeschadet: Das Unternehmen konnte noch so in der Presse zerrissen werden, weil es sich nicht um die Belange der Beschäftigten schert, auf seinen Waren blieb es trotzdem nicht sitzen. „Billig“ scheint ein besseres Verkaufsargument zu sein als „fair“. Transfair und Lidl: Das scheint einfach nicht zusammenzupassen. Oder doch? Die Transfair-Argumente sind so abwegig nicht: Wenn Lidl nur die Sprache „guter Geschäfte“ versteht, warum nicht den Stier bei den Hörnern packen und eben mit Hilfe „guter Geschäfte“ Einfluss gewinnen? Nach dem Motto: Wer etwas verändern will, muss gesprächsbereit bleiben und braucht einen Fuß in der Tür. Doch auch die Argumente der Kritiker wiegen schwer. Es geht um Glaubwürdigkeit. Man kann nicht dagegen kämpfen, dass kleine Kaffeebauern in fernen Ländern für einen Hungerlohn ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, und gleichzeitig vor der Haustür die Augen vor Unrecht verschließen. Schwarz oder Weiß? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte, in der Grauzone. Und doch gibt es bereits einen Gewinn: Allein das Reizwort „Lidl“ hat dazu geführt, dass „Fairer Handel“ in vielen Zeitungen von Nord bis Süd ein Thema ist. Und wenn auch nur einige Wenige plötzlich erkennen, was fairer Handel bedeutet und dass Transfair nicht mehr als einen Teilaspekt ausmacht, dann ist das eine satte Rendite. Ingrid Fusenig

Ihre Meinung

Sollen fair gehandelte Produkte in Zukunft auch in „Geiz-ist-geil“-Läden verkauft werden? Passen Discounter wie Lidl und der faire Handel zusammen oder nicht? Ihre Meinung interessiert uns. Wir laden Sie ein, uns zu schreiben. Ausgewählte Briefe veröffentlichen wir gerne im Leserforum. Auch im Internet haben wir mit dem Bistum Trier eine Forumsseite eingerichtet. Dort können Sie sich unter www.bistum-trier.de äußern.