Porträt von Pfarrer Josef Knichel.
Vikar Eiden (rechts) und Ortsbürgermeister Jost am Grab von Josef Knichel. Fotos: Michael Kinnen

Ein Trierer Priester zwischen den Fronten

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: Erinnerung an den in Wallhausen begrabenen Pfarrer Josef Knichel

Von Michael Kinnen

Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945, gedenkt Deutschland seit 1996 der Opfer des Nationalsozialismus. Einer von ihnen war der aus Brohl am Rhein stammende Priester Josef Knichel – ein Gegner der Nationalsozialisten, der aber nicht nur bei diesen aneckte.

„Hier ruht im Frieden Christi Pfarrer Josef Knichel 1889–1955“. Die alten Lettern auf dem Steinkreuz verblassen langsam. Das Grab auf dem Friedhof in Wallhausen (Kreis Bad Kreuznach) bedecken Tannenzweige, ein Wintergesteck steht darauf; Moosflechten nagen an der Grabumrandung. Das Kerzenhäuschen ist eingefroren, die Kerze darin erloschen. Andere Gräber aus dieser Zeit sind lange eingeebnet, und auch dem Grab von Josef Knichel droht dieses Schicksal. Die übliche Ruhezeit ist lange abgelaufen. Von einem Neffen wird die Grabpflege derzeit noch bezahlt, der Gemeinderat hat den Beschluss über den Verbleib vertagt – und doch liegt in diesem Grab jemand, der es verdient hätte, dass man sein öffentliches Andenken dauerhaft bewahrt.

Ein Mann der klaren, bisweilen deftigen Worte

Der Trierer Bistumspriester Peter Josef Knichel, geboren am 10. Februar 1889 in Brohl am Rhein und aktiv in der Zentrumspartei, wurde als Gegner der Nazis verfolgt und im Konzentrationslager Dachau gefoltert. An den Folgen starb er. In klaren Worten und bisweilen in deftigen Predigten hatte sich schon der junge Kaplan Josef Knichel im saarländischen Burbach und auf seiner ersten Pfarrstelle in Lauschied im Hunsrück gegen preußischen Militarismus, gegen die Einmischungen von Staatsbeamten in den Religionsunterricht und später als Pfarrer von Stadtkyll in der Eifel gegen das Gebaren der Nazis stark gemacht. Das hat ihm wiederholt Anschuldigungen und Vorladungen beim Trierer Generalvikariat eingebracht. Es führte auch zu einem Haftbefehl des Landgerichts Köln, weil er unter anderem im April 1933 – lange vor den blutigen Eskalationen der Judenpogrome – den Boykott von Juden anprangerte. Knichel habe, so heißt es in den Akten, „in der Kirche Angelegenheiten des Staates in einer öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung und Erörterung gemacht, indem er von der Kanzel herab der Gemeinde den Judenboykott als eine verwerfliche Maßnahme der Regierung hinstellte und äußerte, jeder, der an dem Judenboykott teilgenommen habe, könne nicht mehr gültig beichten, bis die ganze Schuld wiedergutgemacht sei“.

Denunziert und 1943 in Aachen zum Tod verurteilt

Den Nazis war er ein Dorn im Auge. Knichel meldete sich nach deren Machtergreifung beim Trierer Generalvikariat ab und emigrierte nach Belgien, wo er als Pfarrer weiter politisch gegen die Nazis aktiv blieb. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien musste er nach Frankreich fliehen. Durch Denunziation geriet er 1943 in Gefangenschaft, wurde ins Gefängnis nach Aachen gebracht und dort zum Tod verurteilt. Der Hinrichtung entkam er nur, weil bei einem Luftangriff alle Gerichtsprotokolle zerstört wurden. In Aachen gefoltert, wurde er ins KZ Dachau überstellt, aus dem er nach großen Entbehrungen, körperlichen und seelischen Leiden im April 1945 von den Amerikanern befreit wurde.

Josef Knichel starb, nachdem er noch zweimal für wenige Jahre eine Pfarrstelle in Belgien und im Bistum Trier antrat, von der Folter gezeichnet und nach zwei Schlag-anfällen am 14. Oktober 1955 in Wallhausen. Seine Schwester hatte ihn bis zuletzt gepflegt.

Durch die direkte und unnachgiebige Art geriet Josef Knichel nicht nur in Konflikt mit dem Naziregime, sondern auch mit seiner eigenen Kirche. In der Lagerkartei von Dachau wurde er als „staatenlos“ geführt. Selbst das Bistum

Trier zählte ihn wegen der Abmeldung und Flucht nach Belgien zunächst nicht mehr zu den Seinen. Erst der Trierer Bischof Matthias Wehr rehabilitierte ihn anlässlich einer Firmreise 1951 in Wallhausen öffentlich. Ein Neffe von Knichel, der im Saarland lebende Professor Hans Jörg, berichtet als Augenzeuge, Knichel habe sich bemüht – wie damals üblich – vor dem Bischof niederzuknieen, um ihm den Ring zu küssen. Der Bischof sei darauf selbst in die Knie gegangen und habe gesagt: „Ich habe allen Grund, vor dir niederzuknieen und dich um Verzeihung zu bitten.“

Und heute? Wer setzt sich für den Erhalt des Grabes ein? In Wallhausen kennt kaum noch jemand Pfarrer Knichel, auch wenn in einem Kapellchen vor dem Haus seiner Schwester, wo heute noch die Witwe eines weiteren Neffen wohnt, eine kleine Gedenktafel an ihn erinnert. In der Hunsrückgemeinde spricht man eher von einem entfernten Verwandten, dem aus Wallhausen stammenden Pater Julius Knichel, wie Vikar Markus Eiden berichtet. Auch in Stadtkyll sterben diejenigen aus, die mit dem Namen Josef Knichel noch etwas verbinden können, bemerkt der heutige Pfarrer Joachim Waldorf.

Grab in Wallhausen soll als Erinnerung erhalten bleiben

Wie also umgehen mit dem Andenken an einen unbequemen Mann, der sich gegen die Nationalsozialisten auflehnte, von seinem Bistum enttäuscht und schließlich heimatloses Opfer wurde? Bürgermeister Franz-Josef Jost aus Wallhausen gibt sich diplomatisch: „Dieses Grab wird in welcher Form auch immer als Erinnerung an die durch das Naziregime verfolgten Menschen erhalten bleiben. Zur Zeit stellt sich diese Frage nicht, da das Grab durch seinen Neffen gepflegt wird. Wenn die Sachlage sich ändert, werden dann die notwendigen Beschlüsse gefasst.“ – Womöglich von Menschen, die Pfarrer Knichel nicht mehr kennen, wenn sein Lebenszeugnis nicht wieder neu in Erinnerung gerufen wird. Solange noch Zeitzeugen leben.