Hundert Quadratzentimeter Erinnerung

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt „Stolpersteine“ am Priesterseminar Trier – Feierliche Einsegnung am 1. Juli

Diese sieben Steine vor dem Priesterseminar in Trier erinnern jetzt an sieben Trierer Priester, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind.
Fotos: Thorsten Hoffmann
Andreas Theißen (rechts) und Jonas Weller (links) vom Trierer Priesterseminar erläutern zwei Passanten die Bedeutung der Steine.
Von Thorsten Hoffmann

Sieben goldfarbene Pflastersteine erinnern seit dem 30. Mai vor dem Eingang des Bischöflichen Priesterseminars in Trier, Jesuitenstraße, an sieben Bistumspriester, die von den Nazis ermordet wurden. Hintergrund ist die Aktion „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

Sie sind nur sehr klein, gerade einmal zehn auf zehn Zentimeter, nur ein kleiner Punkt im ansonsten grauen Asphalt. Dennoch ziehen die glänzenden, mit Messing beschlagenen Pflastersteine die Blicke vieler Passanten auf sich. „Ich bin im Vorübergehen fast über die Steine gestolpert“, gesteht eine Spaziergängerin.

Genau diese Reaktion beabsichtigt der Kölner Künstler Gunter Demnig mit seiner Aktion „Stolpersteine“. Kein Aufsehen erregendes Denkmal sollen sie sein, sondern eine Erinnerung mitten im Alltag der Menschen, die überrascht und den gewohnten Gang unterbricht. Mittlerweile finden sich in Deutschland bereits über dreitausend dieser Steine, mit den eingravierten Namen von Deportierten und Ermordeten des NS-Regimes. Vor ihren ehemaligen Wohnhäusern sind sie verlegt, erinnern an ermordete Juden, Roma, Sinti und politische Opfer.

Mit den „Stolpersteinen“ am Priesterseminar in Trier sind nun zum ersten Mal kirchliche Amtsträger im Blickpunkt. „Es war von Anfang an unser Anliegen, an das Opfer von Priestern, die einmal Mitglieder unseres Seminars gewesen sind, zu erinnern“, erklärt der Subregens des Priesterseminars, Markus Nicolay. „Damit wollen wir darauf hinweisen, dass es in der katholischen Kirche und nicht zuletzt auch im Klerus Opfer gegeben hat.“

Initiator der Aktion ist die Trierer Arbeitsgemeinschaft Frieden, die auch den Kontakt zum Künstler Gunter Demnig herstellte. Zusammen mit dem Kulturverein Kürenz ist sie seit Ende 2003 an verschiedenen Stellen in Trier aktiv und versucht, Biographien von NS-Opfern zu recherchieren und Patenschaften für „Stolpersteine“ zu vermitteln. Das Ergebnis der intensiven Betreuung des Projekts sind mittlerweile 21 „Stolpersteine“ in Trier. Unter anderem finden sie sich in der Kürenzer Domänenstraße, der Petrusstraße, in der Trierer Innenstadt vor dem Geschäft „Woolworth“ und am Josefsstift, wo ein Stein an die 1942 in Auschwitz ermordete Schwester Mirjam Michaelis erinnert. „Ziel ist es, möglichst allen Opfergruppen mit den Steinen zu gedenken“, erklärt Markus Pflüger von der Arbeitsgemeinschaft Frieden. Dazu sei nicht nur die Unterstützung aus der Bevölkerung, sondern auch eine umfassende Recherchearbeit notwendig.

Auch im Priesterseminar ist diese Arbeit in vollem Gange. Der Seminarist Andreas Theißen betreut bereits seit Wochen das Projekt und hat die Viten der sieben Priester und die Umstände ihres Todes ausführlich recherchiert. In Zusammenarbeit mit dem Trierer Bistumsarchiv hat der 20-jährige Student bereits ein Faltblatt erstellt, das künftig an der Pforte des Priesterseminars erhältlich sein soll und die sieben Priester vorstellt. Darüber hinaus steht der Seminarist seit Beginn des Projektes in engem Kontakt zum Auguste-Viktoria-Gymnasium in Trier. Hier hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die außerhalb des Unterrichts die Biographie und das Glaubenszeugnis der „Märtyrerpriester“ erarbeitet. Besonders wichtig ist dabei für Andreas Theißen, dass diese Priester als Menschen wahrgenommen werden, die nicht über den Dingen schwebten, sondern mit beiden Beinen im Leben standen. „Das waren echte Persönlichkeiten“, sagt er. „Sie haben Position bezogen und an entscheidender Stelle interveniert.“

Die Zahl von sieben Priestern aus dem Bistum Trier, die in Konzentrationslagern ihr Leben lassen mussten, beschreibt allerdings bei weitem nicht den Umfang des christlichen Widerstands zur Nazizeit. „Diese sieben ermordeten Priester stehen stellvertretend für viele Andere“, betont Subregens Markus Nicolay. Mehr als die Hälfte der 1600 Priester im Bistum Trier sei mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten; 173 von ihnen hätten ihren Einsatz mit einer Freiheitsstrafe, teilweise im KZ, bezahlen müssen. „Schließlich waren es diese sieben Priester, die nicht mehr lebend aus der Haft zurückkehrten“, erklärt der Subregens.

Solche Zahlen seien ein Beleg dafür, wie radikal das Glaubenszeugnis sein könne, das mit dem priesterlichen Amt verbunden ist. „Nicht umsonst liegen die Stolpersteine am Ausgang unseres Hauses“, erläutert Markus Nicolay die Auswahl der Stelle, an der die Steine verlegt wurden. „Beim Hinausgehen wird so jeder unserer Seminaristen daran erinnert, wie weitreichend die eigene Berufung und der eigene Auftrag in der Welt sein können.“

Ein weiteres Element, das deutlich macht, wie sehr die ganze Kommunität des Priesterseminars an der Aktion beteiligt ist, zeigt sich in der Finanzierung der „Stolpersteine“. „Jeder Stein kostet 95 Euro“, erklärt Andreas Theißen. „Das Geld wird aber nur zum Teil vom Priesterseminar übernommen, während der andere Teil von uns Seminaristen privat gespendet wird.“ Auf diese Weise werde noch einmal ganz konkret die Verbundenheit mit dem Schicksal der sieben Priester deutlich.

Am 1. Juli sollen die „Stolpersteine“ des Priesterseminars im Rahmen einer Feierstunde (Beginn 16 Uhr) von Weihbischof Leo Schwarz eingesegnet werden.


Kurzbiographien der sieben „Märtyrerpriester“

Pfarrer Johannes Schulz
Geboren am 3. April 1884 in Obervölklingen, besuchte Johannes Schulz die Schule in Saarbrücken und Trier und trat anschließend ins Priesterseminar Trier ein. Nach der Priesterweihe am 12. August 1911 war er zunächst als Kaplan in der Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit im saarländischen Lebach, später in Wadgassen tätig. Nach mehrjährigem Einsatz in der Feldseelsorge während des Ersten Weltkriegs trat er seine erste Pfarrstelle am 14. September 1919 in Derlen an. Als es dort erste Konflikte mit den Nazis gab, wurde er nach Nickenich bei Mayen versetzt. Sein Widerstand gegen das NS-Regime flaute dadurch aber nicht ab, sondern setzte sich beständig fort, was dazu führte, dass Johannes Schulz am 14. Dezember 1940 ohne Gerichtsverhandlung ins Konzentrationslager Dachau überführt wurde, wo er während des „Hungersommers“ 1942 völlig entkräftet am 19. August 1942 starb.

Dechant Josef Zilliken
Josef Zilliken wurde am 17. September 1872 in Mayen geboren. Nach seiner Schulausbildung in Mayen, Prüm und Koblenz studierte er von 1894 bis 1898 am Priesterseminar in Trier. Die Priesterweihe empfing Josef Zilliken am 26. März 1898 und war danach im saarländischen Sulzbach, später in Wolfersweiler bei Freisen tätig. Weitere Stationen waren Thalexweiler, Prüm und schließlich Wassenach in der Nähe des Laacher Sees. Wegen seines beständigen Widerstands gegen die Nazis wurde er von dort aus, zusammen mit seinem Mitbruder Johannes Schulz, nach Dachau deportiert. Er starb im Konzentrationslager am 3. Oktober 1942.

Kaplan Peter Schlicker
Peter Schlicker wurde am 12. März 1909 in Saarbrücken-Malstatt geboren. Nach der Reifeprüfung am humanistischen Gymnasium in Saarbrücken studierte er bis 1934 Theologie und Philosophie am Bischöflichen Priesterseminar in Trier. Auf die Priesterweihe am 15. Juli 1933 folgte die Kaplanszeit in der Pfarrei St.Matthias in Neuwied. Bereits hier geriet der junge Priester in Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten und wurde zu seinem eigenen Schutz nach Niedermendig versetzt. Nachdem er sich in einer Predigt gegen die NSDAP-Wandzeitung „Der Stürmer“ ausgesprochen hatte, wurde er am 9. Januar 1941 verhaftet und ins KZ Dachau überführt. Zwar überlebte er die Jahre im Konzentrationslager, erlag aber am 19. April 1945 im Alter von 36 Jahren dem Fleckthyphus, mit dem er sich während der Lagerzeit infiziert hatte.

Pfarrer Joseph Bechtel
Geboren am 18. Juli 1879 in Kinheim an der Mosel, verbrachte Joseph Bechtel seine Schulzeit in Düsseldorf und Trier und legte 1902 am Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium seine Reifeprüfung ab. Nach dem Studium am Priesterseminar wurde er am 31. März 1906 im Trierer Dom zum Priester geweiht. Als Kaplan war Joseph Bechtel in der Pfarrei St. Nikolaus in Bad Kreuznach tätig. Seine erste Pfarrstelle war Norath im Hunsrück. Darüber hinaus wirkte er in Macken und Niedermendig, wo er mit den Nationalsozialisten in Konflikt geriet, besonders, weil er seinen Kaplan Peter Schlicker und dessen Predigten deckte. Nach seiner Gefangennahme wurde Joseph Bechtel nach Dachau deportiert und starb dort, geschwächt durch die Haftbedingungen und den Hunger, am 12. August 1942.

Pfarrer Johannes Ries
Johannes Ries wurde am 9. Juli 1887 im saarländischen Elversberg geboren. Nach dem Gymnasium in St. Ingbert und Speyer studierte er am Bischöflichen Priesterseminar in Trier und empfing am 28. März 1914 die Priesterweihe. Kaplan war Johannes Ries in Kues, Uchtelfangen, Waldbreitbach und Losheim an der Saar. Seine erste Pfarrstelle übernahm er in Arzfeld in der Eifel. Auf verschiedene Weise geriet Johannes Ries dort mit den Nazis in Konflikt. Zum Verhängnis wurden dem Priester schließlich Briefe an Soldaten im Krieg, in denen er Zweifel über den deutschen Sieg äußerte. Am 4. November 1942 wurde er daraufhin nach Dachau deportiert und starb dort am 4. Januar 1943, vermutlich an einem Herzinfarkt.

Pfarrer Jakob Anton Ziegler
Geboren am 15. Juni 1893 in Nalbach an der Saar, besuchte Jakob Anton Ziegler das Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und schloss daran sein Studium am Priesterseminar in Trier an. Nach einem 41-monatigen Wehrdienst im Ersten Weltkrieg wurde er am 13. August 1922 zum Priester geweiht. Seine Kaplanszeit verbrachte er in den Trierer Pfarreien Liebfrauen und St. Laurentius. Seine erste Pfarrstelle erhielt Jakob Anton Ziegler in Langsur und wirkte danach in Cochem-Cond. Wegen seines beständigen Widerstands gegen die Nazis wurde er am 8. August 1941 festgenommen und ins KZ Dachau überführt. Dort starb er am 12. Mai 1944.

Pfarrer Wilhelm Caroli
Wilhelm Caroli wurde am 7. April 1895 in Saarlouis geboren und durchlief seine schulische Ausbildung in Saarlouis und Mayen, wo er 1914 die Reifeprüfung ablegte. Nach einem kurzen Aufenthalt im Trierer Priesterseminar wurde er 1914 zum Militärdienst eingezogen, den er als Sanitäter an der Ostfront ableistete. Nach seiner Rückkehr studierte er zunächst weiter in Trier, später in Speyer, wo er am 12. März 1921 die Priesterweihe empfing. Als Kaplan wirkte Wilhelm Caroli in Ludwigshafen, Grünstadt und Kusel, seine erste Pfarrstelle erhielt er im November 1926 in Rheingönheim. Nach Auseinandersetzungen mit dem NS-Regime und schweren Misshandlungen durch die SA zog Wilhelm Caroli 1938 zu seinen Brüdern, die ihre Pfarrstellen im Bistum Trier, in Kell und Kürrenberg, hatten. Nach einer Predigt, in der er die Euthanasie-Praxis verurteilte, wurde der Priester verhaftet und schließlich am 18. Februar 1942 ins KZ Dachau deportiert. Dort starb er, krank und vom Hunger übermannt, am 23. August 1942.

„Stolpersteine“
Seit Mitte der Neunziger Jahre verlegt Gunter Demnig „Stolpersteine“ in ganz Deutschland. Außer in Trier finden sich „Stolpersteine“ vor allem in Köln, aber etwa auch in Neuwied, Kommern in der Eifel und Neustadt an der Weinstrasse.

Weitere Informationen zu der Aktion finden sich im Internet unter www.stolpersteine.com sowie unter www.gunter-demnig.de. Hinweise zu Patenschaften für einen „Stolperstein“ bieten außerdem die Arbeitsgemeinschaft Frieden unter Telefon (06 51) 9 94 10 17, oder der Künstler direkt per E-Mail gunter.demnig@stolpersteine.com.