Steinmetz Friedhelm Weber aus Ulmen bei der Arbeit an dem Udelfanger Sandstein. In mehr als 1000 Arbeitsstunden fertigte er aus dem 4,5 Tonnen schweren Rohblock das Mahnmal. Foto: Paul Lauxen
Im Alphabetikum, dem Namensregister des Klosters, steht hinter 200 Namen der Stempel „nach Kulparkow“. Foto: Carolin Meyer

„Flammende Hände ringen gen Himmel“

Gedenkstätte des Cochemer Klosters Ebernach erinnert an 199 von den Nazis deportierte behinderte Menschen

Von Carolin Meyer

„Bei dem Abtransport fanden herzzerreißende Szenen statt. So weit die Pfleglinge sich noch verständigen konnten, riefen sie: ,Wir werden verbrannt!‘ oder ,Auf Wiedersehen im Himmel, wir müssen sterben!‘ Anstelle der abtransportierten Geisteskranken erhielten wir 200 andere zugewiesen.“ Dies schrieb der Franziskanerbruder vom Heiligen Kreuz Erhard Anderer in seiner 1947 verfassten „Geschichte des Klosters Ebernach“. Im Mai 1943 wurden 199 geistig behinderte Bewohner des Cochemer Klosters nach Kulparkow-Lwow bei Lemberg in der heutigen Ukraine deportiert und dort umgebracht.

Die Rassenpolitik der Nationalsozialisten qualifizierte Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung als „Untermenschen“ ab. Schon in den ersten Jahren der NS-Diktatur wurden dafür sogar rechtliche Grundlagen geschaffen: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 7. Juli 1933 leitete erste Maßnahmen zur „Rassenhygiene“ ein. Es berechtigte zur Sterilisation von Frauen, in deren Stammbaum eine vererbbare Krankheit zu finden war oder die selbst intellektuell beeinträchtigt waren. Das 1935 erlassene „Ehegesundheitsgesetz“ verlangte das „Ehetauglichkeitszeugnis“ und enthielt ein Eheverbot bei ansteckender oder vererbbarer Krankheit eines Partners.

Nazis machten Behinderte für schlechte Wirtschaftslage verantwortlich

Die Gesetze sollten „ausjätende und fördernde Erbpflege“ gewährleisten. Im von der Rassenideologie geprägten faschistischen Deutschland gab es keinen Platz für Menschen, die dem Idealbild des starken, im Lebenskampf obsiegenden Menschen nicht entsprachen. Minderwertigkeit sollte ausgemerzt, Untermenschentum bis zu einer „Endlösung“ in sklavischer Abhängigkeit gehalten werden. In dem Buch „Mein Kampf“ hatte Adolf Hitler die nationalsozialistische Weltanschauung in Bezug auf die Vorstellung von Untermenschentum ausführlich dargelegt. Der zu schaffende „völkische Staat“ sollte die Rasse in den Mittelpunkt allen Denkens und Handelns stellen.

Die nationalsozialistische Propaganda ging aber noch weiter. Sie machte Behinderte für die ungünstige wirtschaftliche Situation der nichtbehinderten, arbeitsfähigen Bevölkerung verantwortlich. Immer wieder wurde der „Volksgemeinschaft“ der finanzielle Belastungsfaktor eines Behinderten vorgerechnet. „Hütten den Arbeitenden, Paläste den Irren“, lautete nur ein Beispiel der Nazi-Parolen.

Folge dieser Rassenpolitik war die Deportation geistig und körperlich behinderter Menschen in ganz Deutschland. So wurden auch 199 Heimbewohner des Klosters Ebernach abtransportiert. Dem hätten sich auch die Franziskaner nicht entgegenstellen können, erklärt Bruder Johannes Sevenich, der Leiter der Wohn- und Dienstleistungseinrichtung für Menschen mit intellektueller Behinderung. „Die Brüder waren da machtlos.“ Immer wieder hätten sie versucht, zum Abtransport Verurteilte zu verstecken. „Es heißt, dass nur einer von 200 gerettet werden konnte. Man hatte ihn in einem Krautfass versteckt.“

Der Autor der Klostergeschichte, Bruder Erhard, starb 1954 im Alter von 71 Jahren. Unter den neun heute im Kloster Ebernach lebenden Franziskanern gibt es keine Zeitzeugen mehr. Deshalb soll künftig ein Mahnmal auf dem Vorhof der Klosteranlage an die Ermordeten erinnern. „Wir möchten heute, nach 62 Jahren, die Opfer mit dieser Gedenkstätte besonders ehren und ein Zeichen für die Nachwelt setzen, damit so etwas Grausames und Verbrecherisches unserem deutschen Volk nicht mehr widerfahren möge“, betont der 56-jährige Bruder Johannes.

„Mit Behinderten zu arbeiten ist eine Bereicherung. Da bekommt man so viel“

Neben Bruder Erhards Niederschrift gibt es noch ein weiteres Buch, das die Verbrechen der Nationalsozialisten in Ebernach bezeugt: „Das Alphabetikum ist das seit 1894 handschriftlich geführte Namensregister des Klosters“, erklärt der Verwaltungsangestellte Werner Schaub. Trotz Computer werde das Buch auch heute noch weitergeführt. Personalien, letzter Wohnort und Vormundschaft der Heimbewohner sowie die Namen ihrer Angehörigen und Betreuer werden darin sorgfältig eingetragen. „Auch der Träger der Heimkosten sowie die Entlassung oder das Datum des Todes“, sagt Schaub. Bruder Johannes schlägt den schweren Deckel des Registers auf. Beim Durchblättern der vergilbten Seiten findet er 200-mal das in blauer Tinte gestempelte Todesurteil hinter den Namen: „nach Kulparkow“. „Damals wurde eigens für diesen Zweck ein Stempel angefertigt“, weiß der Franziskanerbruder.

„Ach, das ist aber alt!“, ruft ein Heimbewohner, der Schaub und Bruder Johannes neugierig über die Schultern blickt. „Ja, da stehst du auch drin, Horst“, entgegnet ihm der Leiter des Klosters. Auch den Bewohnern versucht Bruder Johannes zu erklären, was damals passiert ist, auch, wenn es für ihn kaum fassbar ist. „Es ist unbegreiflich, dass die Nazis diese besonderen Menschen als minderwertig abgestuft haben“, betont der Ordensmann, während sein Blick auf einem Kulparkow-Stempel im Alphabetikum ruht. „Sie sind unkomplizierter und offener als wir. Mit Behinderten zu arbeiten ist eine Bereicherung. Da kommt so viel zurück – sie sind so herzlich“, sagt er.

„Wir akzeptieren und schätzen jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit.“

Das Mahnmal im Eingangsbereich des Klosters soll künftig an die 199 ermordeten Heimbewohner erinnern und Gedenkstätte für alle Opfer des Nationalsozialismus sein. „Auf Anregung von Pastoralreferentin Petra Jung haben wir das Projekt mit dem Förderverein des Klosters auf Spendenbasis umgesetzt“, sagt Bruder Johannes, der seit seinem Dienstantritt als Leiter der Einrichtung (2003) einen Ort der Erinnerung schaffen wollte. „Erde aus Kulparkow wurde symbolisch mit der Erde unter dem Gedenkstein gemischt“, beschreibt er weiter. Sein Anliegen war, Erinnerung und Gedenken möglichst vielschichtig zu verorten.

Damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt, lautet heute einer der Leitsätze der Franziskanereinrichtung: „Wir akzeptieren und schätzen jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit.“ „Hier ist jeder an seinem Ort wichtig“, sagt Bruder Johannes.


In der Behinderteneinrichtung von Kloster Ebernach sind heute 281 Bewohner mit intellektueller Beeinträchtigung zu Hause. Hinzu kommen 250 Angestellte. „So normal wie möglich und nur besonders, wenn nötig“ sollen die Frauen und Männer im Moseltal leben können. Zu der weitläufigen Klosteranlage gehören unter anderem eigene Werkstätten, ein Weingut, ein Sportzentrum samt Schwimmbad, eine Wäscherei, ein Streichelzoo und eine Gärtnerei. Wochentags ist kaum jemand auf dem Gelände zu sehen, da fast alle arbeiten oder in Gruppen betreut werden. Die Künstlergruppe des Kloster-Ateliers ist sogar international bekannt. Das Kloster Ebernach befindet sich inmitten der Weinberge am Moselufer in den Sehler Anlagen 47 in 56812 Cochem, Telefon (0 26 71) 60 08-81, Internet www.ebernach.de.

Steinmetz Friedhelm Weber aus Ulmen hat den Entwurf des Franziskanerbruders Johannes Sevenich in hellen Udelfanger Sandstein gemeißelt. „Flammende Hände ringen auf dem Obelisken gen Himmel. Eine Schriftrolle mit den Namen der Opfer wurde in einem Edelstahlzylinder in den Stein eingelassen. Die goldene Spitze des Steins soll den Himmel darstellen“, erklärt Weber. Im Januar hatte der Steinmetz mit der Arbeit an dem 4,5 Tonnen schweren Rohblock begonnen. Nach mehr als 100 Arbeitsstunden sind davon 2,5 Tonnen übrig geblieben. „Das war für mich schon eine große Herausforderung. Zum einen war das Auge gefragt, zum anderen sämtliche Messgeräte der Firma Weber.“ Am Samstag, den 25. Juni, wird die Gedenkstätte im Rahmen einer Feierstunde eingeweiht und der Opfer gedacht. Interessierte sind herzlich eingeladen. Der Wortgottesdienst in der Klosterkirche findet um 11 Uhr statt. Beim anschließenden Empfang im Innenhof von Kloster Ebernach können die Gäste miteinander ins Gespräch kommen. Künftig soll einmal im Jahr ein Gedenktag zu Ehren der Opfer stattfinden.