Philipp von Boeselager erzählt engagiert über die Ereignisse um das Stauffenberg-Attentat.
Die Burg der von Boeselagers überragt das kleine Städtchen Kreuzberg. Fotos: Eugen Reiter

Sein Gewissen trieb ihn zum Widerstand

60 Jahre 20. Juli 1944: Begegnung mit Philipp von Boeselager, dem letzten deutschen Überlebenden aus dem Kreis um Graf Stauffenberg

Von Gisela Ankly

Die Hausherrin ist besorgt: „Bitte stellen Sie ihm nicht zu viele Fragen.“ Ihre Sorge ist verständlich: Philipp von Boeselager (86) hat in diesen Wochen vor dem 20. Juli den Kalender eines Managers: Termin jagt Termin.

Alle suchen jetzt, wo sich das Geschehen aus dem Jahr 1944 zum 60. Mal jährt, das Gespräch mit dem letzten lebenden deutschen Zeitzeugen aus dem inneren Kreis der Widerstands um Graf von Stauffenberg.

Und der Freiherr schont sich wieder einmal nicht. Trotz gerade überstandener Erkältung strahlt sein wesentlich jünger wirkendes Gesicht freundliche Bereitschaft aus, nur der Händedruck ist zart. Für Philipp von Boeselager ist das Berichten über die Ereignisse von damals zur Mission geworden. Ungezählte Male hat er dies getan, ob vor Schulklassen, vor Studenten, vor Fernsehkameras oder Mikrofonen. Wenn er erzählt, erfährt der Zuhörer nicht nur viele spannende Details, sondern von Boeselager gelingt es, sie einzuordnen in die Verhältnisse der damaligen Zeit und sie aus heutiger Sicht zu beleuchten. So kann er auch bei jungen Leuten Verständnis wecken, warum er so gehandelt hat, wie er es tat – aber auch, warum andere anders handelten.

Preußenhass und Jesuitenerziehung

Die Wurzeln des Widerständlers Philipp von Boeselager liegen tief und sind weit verzweigt: Der am 6. September 1917 auf Burg Heimerzheim bei Bonn geborene Sohn eines Adelsgeschlechts nennt sich selbst einen „rheinischen Menschen“, geprägt von zwei damals im Rheinland präsenten Zeitströmungen: die (noch aus dem Kulturkampf resultierende) bis zum Hass gehende Ablehnung des (protestantischen) Preußentums und der französischen Besatzer. „Erst im Widerstand haben sich meine Vorurteile gegen Protestanten aufgelöst“, sagt er rückblickend. Bei den „Soldaten Gottes“, den Jesuiten, in Bad Godesberg werden für den Schüler von Boeselager weitere Wurzeln gelegt: Die Ausrichtung nach dem Gewissen und das skeptische Hinterfragen von Dingen. Und der erwiesene Widerständler kann es sich auch erlauben zu schildern, was die Menschen damals dem Nationalsozialismus und seinem Führer in die Arme trieb: Die hohe Arbeitslosigkeit, die Folgen der Versailler Verträge, die bürgerkriegsähnlichen Unruhen – all das war der Nährboden.

„Unrecht vom Staat – das war für uns undenkbar“

Über die Wehrpflicht („Es hat Spaß gemacht bei der Kavallerie“) wird der begeisterte Reiter nach dem Abitur zum Berufssoldat. Auch dieser Schritt muss aus damaliger Sicht gewertet werden. „Der Soldat diente dem Staat, und den Staat betrachteten wir als gottgewollt. Unrecht vom Staat – das war für uns absolut undenkbar.“ So dauert es später im Krieg auch für einen skeptischen Menschen wie von Boeselager eine Zeit lang, Nachrichten über „Schweinereien“ im Hinterland der Ostfront ernst zu nehmen. Das bei den Jesuiten grundgelegte Hinterfragen der Dinge beginnt, jeder neue Puzzlestein über Unmenschlichkeiten im Namen des Führers „hat mich geradezu aufgeladen“. Als persönlicher Ordonanzoffizier von Generalfeldmarschall Günther von Kluge erhält von Boeselager Informationen, die ihn entsetzen: Zigeuner und Juden werden systematisch ermordet. Der erste Bericht dieser Art im Juni 1942 führt von Boeselager zu der ungeheuer bitteren Erkenntnis: „Ich diene einem Staat, der Unrecht tut.“ Dem Eid auf Hitler, für viele eine ethische Hürde zum Widerstand, fühlt er sich ab dann nicht mehr verpflichtet: „Zum Eid gehören zwei. Hitler hatte seinen Eid längst gebrochen.“ Nach und nach wachsen die Kontakte zu Männern, die teilweise schon seit Jahren wie Generalmajor Henning von Tresckow erbitterte Gegner Hitlers sind. 24 Stunden lässt sich Philipp von Boeselager Zeit, dann entschließt er sich, im Kreis der Widerständler mitzuarbeiten, dem auch sein zwei Jahre älterer Bruder Georg angehört. Alle waren zu der Erkenntnis gekommen: „Nur durch ein Verbrechen, durch Mord, kann das größere Verbrechen dieses Krieges gestoppt werden.“ Am 1. Januar 1943 sind die Brüder von Boeselager mit anderen bereit, Hitler zu erschießen. Der Plan wird abgesagt, weil Himmler nicht wie angekündigt mitkommt und von Kluge einen Bürgerkrieg befürchtet, wenn der SS-Reichsführer überlebt – was für von Boeselager heute „eine gewisse Berechtigung“ hatte. Der dann verfolgte „Plan Walküre“ sah die Ausschaltung Hitlers durch ein Attentat vor. Von Boeselager hatte die Chance, den Sprengstoff zu besorgen, weil er damals ein Versuchstruppenteil befehligte, das alle Arten von Sprengstoff zum Ausprobieren zur Verfügung hatte. Im übrigen war Philipp von Boeselager die Aufgabe zugedacht, mit 1 200 zuverlässigen Kavalleriesoldaten den Umsturz in Berlin abzusichern. Als sie am 20. Juli in der Nähe von Brest auf die Lastwagen warten, die sie zum Flugplatz nach Brest bringen sollen, bekommt er den Zettel mit der Nachricht seines Bruders „Alles in die alten Löcher“ – der vereinbarte Satz, dass das Attentat nicht ausgeführt worden war. Die erschöpften Männer schwingen sich wieder auf ihre Pferde und reiten zurück in die alte Stellung. „Nur zwei Schwadronchefs außer mir waren über die wahren Hintergründe des Manövers unterrichtet.“

Das Schlimmste war nicht die Todesangst

Für Philipp von Boeselager beginnt eine furchtbare Zeit. Er ist sich sicher, dass er und sein Bruder über kurz oder lang verhaftet werden, dass ihnen das gleiche Schicksal wie den anderen Verschwörern droht. Aber beiden geschieht nichts; von Tresckow bringt sich um aus Angst, Namen preiszugeben, und Fabian von Schlabrendorf behauptet auch unter Folter, dass Philipp von Boeselager keine Rolle beim Widerstand spielte. Der Krieg wird härter denn je. Am 27. August fällt Georg von Boeselager – und damit der Mensch, mit dem er sich blind verstand und der einzige, mit dem Philipp von Boeselager über seine Lage sprechen konnte, denn seine übrige Familie hatte er nicht eingeweiht. Rückblickend auf diese Zeit sagt er: „Das Schlimmste war nicht die Todesangst. Das Schlimmste war das grauenhafte Gefühl, dass alles verloren ist. Dass das, wofür man sich eingesetzt hatte, gescheitert war. Und die immer wieder bohrende Frage: War mein Handeln richtig?“ Nur sein glaubendes Gewissen gab ihm die entscheidende Antwort: Ja, es war richtig.

Erstmals deutsche Lourdes-Wallfahrt

Nach dem Krieg studiert Philipp von Boeselager, dem die Folgen seiner Kriegsverletzung die Übernahme politischer Aufgaben verwehren, Volkswirtschaft und übernimmt den im Krieg zerstörten Familienbesitz in Kreuzberg an der Ahr. Sein ehrenamtliches Engagement bei den Maltesern beginnt mit der Begleitung eines sterbenden Mädchens nach Lourdes und deren Wunderheilung dort: von Boeselager erzählt das heute mit gleicher Sachlichkeit wie seine Kriegserlebnisse – er hat es selbst damals fast nicht glauben können. Aus dieser ersten Lourdesfahrt von Deutschland aus werden viele Kranken- und Soldatenwallfahrten, entstanden aus dem Auftrag, den Bischof Pierre Marie Théas Philipp von Boeselager im Angesicht des geheilten Kindes gab. „Sie als Deutscher haben die Aufgabe, in Lourdes Deutsche und Franzosen im Geist der Versöhnung zusammenzuführen.“

„Es wundert mich nicht, dass heute tausende junger Männer nach Lourdes strömen“, schreibt von Boeselager später. „Für die Soldaten ist das Gelegenheit, darüber nachzudenken, wofür sie da sind. Sie sind ja eigentlich nicht dazu da, Krieg zu führen, sondern zur Versöhnung beizutragen, den Frieden zu erhalten ... Und nachzudenken, dass sie im Dienst einer höheren Macht stehen sollten.“ Soldat um des Friedens willens zu sein, war Philipp von Boeselager nicht vergönnt. Wohl aber fühlte er sich im Dienst einer höheren Macht, als er seinem Gewissen gehorchte. Sich an die Masse anzupassen, war nie seine Art. Davon zeugt nicht zuletzt sein Wahlspruch, aufgemalt auf dem Holzbalken über der Tür seines Hauses in Kreuzberg: „Et si omnes ego non – Und wenn alle, ich nicht“.

Philipp von Boeselager ist kein Mensch, der in der Vergangenheit stehen geblieben ist. Die „Frankfurter Allgemeine“ und „Christ in der Gegenwart“ auf dem Tisch haben deutliche Lesespuren.

Aktuelle Entwicklungen machen ihm Sorge

Er macht sich Sorge um Entwicklungen in Staat und Gesellschaft, etwa die große Wahlmüdigkeit, verbunden mit der hohen Arbeitslosigkeit. „Ich habe Angst, dass wieder ein Rattenfänger kommt und die 60 Prozent Nicht-Wähler mobilisiert.“ In der Kirche vermisst er die Glaubensvermittlung, vieles, was ihm nebensächlich erscheint, steht ihm zu sehr im Vordergrund. Ob er sich zuweilen auch ausgenutzt fühlt? „Oh ja“, sagt er und kommt sofort auf den Punkt: Die Begleitung des deutschen Bundeskanzlers bei der 60-Jahr-Feier in der Normandie. „Einem Bundeskanzler kann man das ja nicht ausschlagen.“ Aber er hat gleich danach sowohl Kanzler Schröder als auch dem neuen Bundespräsidenten einen energischen Brief geschrieben. Darin weist er erneut auf ein seit Jahren von ihm angeprangertes Unrecht hin: Noch immer haben die Erben der wenigen überlebenden Widerständler, die Besitz in der sowjetischen Besatzungszone hatten, ihr enteignetes Eigentum nicht zurückerhalten – im Gegensatz zu den Erben der Attentäter, die von den Nazis umgebracht und enteignet wurden. Ihnen gab die Regierung, wenn auch nur auf äußeren Druck, ihren Besitz zurück. „Man bestraft die Kinder dafür, dass die Nazis ihre Väter nicht ermordeten“, empört sich von Boeselager. „Wenn das im nächsten Jahr immer noch nicht in Ordnung gebracht ist, werde ich der Gedenkfeier am 20. Juli demonstrativ fernbleiben.“ In diesem Jahr wird er dabei sein, als einer der ganz wenigen, die den „Aufstand des Gewissens“ am 20. Juli 1944 überlebt haben.


Der vielfach geehrte Philipp von Boeselager wurde noch in diesem Jahr zwei Mal ausgezeichnet: Im Februar ernannte ihn der französische Staat zum „Offizier der Ehrenlegion“, Europaministerin Noelle Lenior überreichte ihm die Auszeichnung am 28. Januar in Paris. Das Bistum Trier ehrte Philipp von Boeselager am 13. April mit der Bistumsmedaille als „Zeichen des Dankes und der Anerkennung“ für sein „verdienstvolles Wirken in der Trierischen Kirche“, insbesondere die Gründung des Malteser Lourdes-Krankendienstes und die Gründung des Malteser Hilfsdienstes.