Auf den Darstellungen sind vor allem Hinrichtungen und, wie auf diesem Bild, Scheiterhaufenszenen zu sehen.
Fotos: Vieweg
Sehr oft wurden Frauen Opfer der Verfolgung.

Mythen um den Scheiterhaufen

Deutsches Historisches Museum Berlin: Ausstellung über Hexenverfolgung begegnet gängigen Klischees


Von Thomas Vieweg

Wem fällt beim Stichwort „Hexe“ nicht auch eine bucklige, meist hässliche alte Frau mit Zauberkräften ein? Ein Bild – heute geprägt durch Märchen, Romane und Filme – das seit Generationen weitergegeben wird. Und auch die Vorstellungen und Mythen über die Hexenverfolgung halten sich durch die Zeiten hindurch hartnäckig: Demnach wurden meist alte, hässliche oder besonders hübsche, vorzugsweise rothaarige Frauen im Mittelalter auf Geheiß von Kirche und Staat als Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt, um ihr Wissen über Kräuter, Heilkunde, Geburt und Tod auszurotten.

Forschungsprojekt der Universität Trier Basis der Ausstellung

Diesen und anderen gängigen Klischees und Mythen tritt derzeit die Ausstellung „Hexenwahn – Ängste der Neuzeit“ entgegen, die das Deutsche Historische Museum Berlin im Kronprinzenpalais zeigt. Am Beispiel der Region zwischen Rhein, Maas und Mosel wird die europäische Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit anschaulich dargestellt und durch mentalitätsgeschichtliche Hintergründe des „Hexenwahns“ ergänzt. Die Ausstellung, die in ähnlicher Form bereits vom Musée d´ Histoire de la Ville de Luxembourg gezeigt wurde, fußt zum Großteil auf einem Forschungsprojekt der Universität Trier, das die Hexenangst, die Denunziationen und Hexenprozesse in den Herzogtümern Luxemburg und Lothringen sowie dem Kurfürstentum Trier eingehend untersuchte. Zwischen 1550 und 1650 lag hier ein Zentrum der europäischen Hexenverfolgung.

Die sich im 15. Jahrhundert einstellenden Klimaverschlechterungen in Europa führten zusammen mit Unwettern zu Missernten und schließlich zu Unterernährung und Seuchen. Mit Videoinstallationen und im unkonventionellen Stil erläutert die Ausstellung differenziert, wie sich in dieser Krisenzeit zudem durch Reformation und Gegenreformation eine tiefe Verunsicherung in Europa ausbreitete. Dieses Klima aus Existenzangst, Bedrohung und Religionskonflikt bot schließlich den Nährboden für Hexenvorstellungen, die durch die bei Hinrichtungen verlesenen Geständnisse der angeblichen Hexen noch verstärkt wurden. Erhellend ist etwa, dass in Regionen wie Bayern, Kurtrier und Schleswig-Holstein zwischen 1400 und 1700 Hochphasen der Hexenverfolgung oft mit Missernten einhergingen.

Eine der Stärken der Ausstellung liegt zweifelsohne darin, Geschichtsmythen und Klischees rund um den Scheiterhaufen anhand von historischen Fakten zu überprüfen und auszuräumen. So wird entgegen der teilweise immer noch gängigen Vorstellung von der Hexenjagd im „finsteren Mittelalter“ dargelegt, dass die Wurzeln des Hexenglaubens zwar im Mittelalter lagen, aber die Hexenverfolgung eindeutig ein Phänomen der frühen Neuzeit ist. Zwischen 1580 und 1650 lag der Höhepunkt der Hinrichtungen in Europa. Zudem wird das häufig geäußerte Klischee entkräftet, Hexenprozesse seien besonders durch geistliche Inquisitionsgerichte angestrengt worden. Die Initiatoren der Ausstellung zeigen differenziert, dass das Anheizen von Hexenverfolgungen durch Theologen wie den 1598 verstorbenen Trierer Weihbischof Peter Binsfeld ein besonders dunkles Kapitel der Kirchengeschichte darstellt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass „Hexerei“ auch von weltlichen Gerichten geahndet wurde.

Ein Vergleich zwischen katholischen und evangelischen Regionen im Deutschen Reich und Europa zeigt, dass die Hexenjagd im 17. Jahrhundert beide Konfessionen betraf. Vielfach forderte die Bevölkerung sogar von der Obrigkeit Hexenprozesse, um die angeblichen Verursacher für Unwetter, Missernten und Seuchen auszurotten. Überraschend ist für viele Besucher sicherlich auch die tatsächliche Anzahl der Opfer der Hexenverfolgung. Denn keineswegs wurden dabei, wie lange kolportiert, neun Millionen Menschen verbrannt. Realistischer dürfte sein, dass europaweit rund 60 000 Menschen hingerichtet wurden, davon rund 25 000 im Deutschen Reich. Allein im Kurfürstentum Trier gab es mindestens 1 000, im Herzogtum Luxemburg rund 3 000 Verfahren.

Von Heinrich Kramer über Cornelius Loos zu Friedrich Spee

Die Mehrheit der Opfer der Hexenverfolgung waren Frauen. Allerdings relativiert die Ausstellung auch den Mythos, wonach nur alte, alleinstehende oder junge, rothaarige Frauen hingerichtet wurden. Ab Ende des 16. Jahrhunderts fielen zunehmend auch verheiratete Frauen, Kinder, Jugendliche und Männer, selbst Amtsträger und Geistliche dem Hexenwahn zum Opfer. Ebenso lässt sich auch das Klischee, besonders Hebammen seien verfolgt worden, nicht bestätigen. Neben der Widerlegung von Vorurteilen ist es ein Verdienst der Schau, Exponate der wichtigsten Ausstellungen des Rhein-Maas-Mosel-Raumes mit Leihgaben aus internationalen Sammlungen zusammenzuführen. Der Besucher kann zum Beispiel an den Trierer Exponaten den Konflikt und die Entwicklung innerhalb der katholischen Kirche nachvollziehen. Ausgestellt wird etwa mit dem Druck des „Hexenhammers“ ein Werk des Dominikaner-

mönchs Heinrich Kramer, der mit dem Buch im 15. Jahrhundert maßgeblich das Hexenbild verbreitete und so zur Verfolgung beitrug. Daneben wird die in Trier um 1591 entstandene Handschrift „Von der wahren und eigentlichen Zauberei“ des Theologen Cornelius Loos gezeigt. In der Schrift stellte er Hexerei und Zauberei als Aberglauben dar, woraufhin er verhaftet und zur Widerrufung gezwungen wurde. Das Werk von Loos war ein wichtiger Vorläufer der ebenfalls ausgestellten „Cautio criminalis“. Die Streitschrift des Trierer Jesuiten Friedrich Spee von 1631 löste schließlich ein Umdenken aus und bewegte katholische und evangelische Fürsten zur Einschränkung der Hexenprozesse.

Noch bis zum 6. August ist die Ausstellung „Hexenwahn – Ängste der Neuzeit“ im Berliner Kronprinzenpalais täglich außer Mittwoch von 10 bis 18 Uhr zu sehen, donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Nähere Informationen beim Deutschen Historischen Museum Berlin unter Telefon (0 30) 2 03 04-0 sowie www.dhm.de
Lesenswerte Hintergrundinformationen zum Thema „Hexenverfolgung“ bieten die Internetseiten
www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn und www.uni-trier.de/hexen.