Beschaulich: Der Innenhof des St. Hedwig-Krankenhauses ist eine grüne Oase für Besucher und Patienten.
Schwester Waltraud Schnitker im Gespräch mit einer Patientin.

Die wehrhaften Nonnen von Berlin

Borromäerinnen überstanden Kulturkampf, Zweiten Weltkrieg und die DDR - Heute trotzen sie Nachwuchssorgen und der Sparpolitik

Von Thomas Vieweg

Am Montagmorgen, dem 14. September des Jahres 1846, gab es am Bahnhof Potsdamer Platz in Berlin einen großen Menschenauflauf: Schaulustige strömten herbei, um vier für sie ungewöhnliche Frauen zu sehen, die einem Zug aus Richtung Nancy entstiegen. Die Vier trugen schwarze Ordensgewänder und prächtige Flügelhauben. Die Frauen waren Barmherzige Schwestern vom Heiligen Karl Borromäus und zugleich die ersten Ordensschwestern, die nach der Reformation Berliner Boden betraten.

König Friedrich Wilhelm IV. ließ die vier Borromäerinnen wie Staatsgäste am Bahnhof mit Kutschen abholen. Er selbst hatte die Genehmigung erteilt, dass die Ordensschwestern die Leitung des St. Hedwig-Hospitals, des ersten katholischen Krankenhauses im protestantischen Berlin, in der Nähe des Alexanderplatzes übernehmen durften. Die 1652 in Nancy gegründete Kongregation der Barmherzigen Schwestern hatte sich mit ihren Krankenhäusern in Frankreich und auf deutschem Boden in Saarlouis, Trier und Koblenz einen guten Ruf erworben. Mit der Charité gab es zu dieser Zeit erst ein größeres Krankenhaus in der preußischen Hauptstadt, deren rasch steigende Einwohnerzahl dringend weiterer medizinischer Versorgung bedurfte. Am Ende des Jahres 1846 nahmen die Nonnen ihre ersten stationären Patienten in Berlin auf, am Ende des folgenden Jahres hatten sie schon 50 Krankenbetten. Der gute Ruf des St. Hedwig-Krankenhauses sprach sich schnell herum: 1896 sorgten bereits 48 Borromäerinnen mit über 100 Ärzten, weltlichen Krankenschwestern und Angestellten für das Wohl der Patienten in der 480-Betten-Klinik.

Heute hat das St. Hedwig-Krankenhaus rund 390 Betten und eine Außenstelle im Süden Berlins bietet weiteren rund 100 Patienten Platz. Betreiber der Klinik ist seit 1998 die Kongregation der Brüder vom heiligen Alexius. Der gute Ruf des Hauses ist geblieben: Die Auslastung der Betten liegt bei über 90 Prozent. Geändert hat sich, dass die heute 19 Borromäerinnen gegenüber den weltlichen Angestellten deutlich in der Minderzahl sind.

Doch gerade sie lassen das katholische Krankenhaus im Herzen Berlins zu einer besonderen Einrichtung werden. Die Historie des Konvents und der Klinik in Berlins Mitte ist weit mehr als nur die eines erfolgreichen Krankenhauses, sie liest sich wie ein Lehrbuch der jüngeren deutschen Geschichte. Durch alle politischen Ströme hindurch erwiesen sich die Nonnen als wehrhafte Verteidigerinnen des St. Hedwig-Krankenhauses.

Eine erste Bewährungsprobe erlebten sie gleich zwei Jahre nach der Ankunft in Berlin. In der Märzrevolution 1848 stürmten Aufständische in das Krankenhaus und stellten die Nonnen vor die Frage, mit wem sie es hielten.

Die damalige Oberin Xaveria Rudler entgegnete: „Wir halten es mit unseren Armen und Kranken – wir pflegen eure Brüder und Schwestern.“ „Daraufhin schlug die Stimmung der Menschen schlagartig um“, sagt Schwester Edelfrieda Tusk, die heutige Oberin. „Die Aufständischen stellten danach eine Ehrenwache vor das Krankenhaus“, berichtet die Borromäerin weiter, die seit 1952 in der Klinik tätig ist und seit 1992 dem Konvent in Berlin vorsteht.

Während Schwester Edelfrieda heute der wenige Nachwuchs des Ordens Sorge macht, gab es für das Krankenhaus kurz nach der Revolution ganz andere Probleme. Die Räumlichkeiten der rasch wachsenden Klinik wurden zu klein; bald begann man mit dem Bau eines eigenen Krankenhausbaus. Nach dessen Fertigstellung zog das St. Hedwig-Krankenhaus 1854 in die Große Hamburger Straße innerhalb von Berlin-Mitte um. Unmittelbarer Nachbar des katholischen Krankenhauses ist seit dem die evangelische Sophiengemeinde, 1866 wurde zudem unweit des Krankenhauses die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße eröffnet.

Das nachbarschaftliche Miteinander der Konfessionen und Religionen spiegelt sich bis heute auch in der Philosophie der Klinik wieder. „Unser Krankenhaus nahm und nimmt grundsätzlich jeden auf, der Hilfe braucht. Egal, welcher Religion oder Weltanschauung er angehört“, erläutert Schwester Waltraud Schnitker. Die Borromäerin arbeitet in der Seelsorge des Krankenhauses. „Auch heute betreue ich auf den Stationen mindestens so viele Katholiken wie Nicht-Katholiken“, berichtet Schwester Waltraud weiter.

Mutterhaus in Trier

Im Kulturkampf unter Otto von Bismarck musste sich die Kongregation der Barmherzigen Schwestern 1872 von ihrem Mutterhaus in Nancy lösen. Fortan wurde das Provinzialhaus in Trier zum Generalmutterhaus – eine Verbindung, die bis heute Bestand hat.

Die tolerante Aufnahme aller Patienten im St. Hedwig-Krankenhaus zog neben zahlreichen ärmeren Patienten auch viele Größen aus Politik und Wirtschaft an. 1943 führte ein Nierenleiden den damaligen Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in die Klinik, der in seinem Tagebuch „die außerordentliche Ordnung“ der Einrichtung lobte. Was Goebbels nicht wusste: Mitarbeiter des katholischen Krankenhauses versteckten während des Zweiten Weltkrieges verfolgte Juden.

Obwohl die Klinik im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen auf Berlin in Mitleidenschaft gezogen wurde, gelang es Borromäerinnen, Ärzten und Mitarbeitern weiter für die Patienten zu sorgen. „Im Keller wurde damals weiter operiert, am Ende des Krieges war unser Haus das einzige Großkrankenhaus Berlins mit funktionsfähigen Stationen“, berichtet Schwester Edelfrieda.

„Die DDR-Jahre waren für uns Ordensschwestern keine einfache Zeit“, blickt Schwester Edelfrieda zurück. Stets seien sie vorsichtig gewesen, was sie zu wem sagten. „Wir vermuteten viele Spitzel im Krankenhaus und nach der Wende hat sich das ja auch bestätigt“, erinnert sich die Oberin. Zudem sei in der DDR auch der Kontakt zum Mutterhaus in Trier schwieriger aufrecht zu erhalten gewesen. „Schwestern, die Bürgerinnen der DDR waren, durften meist nicht ins Mutterhaus nach Trier fahren“, erläutert Schwester Edelfrieda.

Schwierig waren seit dieser Zeit für die Borromäerinnen auch die sinkenden Nachwuchszahlen. Bis in die fünfziger Jahre wurde jede Station noch von einer Ordensschwester geleitet. Bis 1965 oblag den Borromäerinnen auch die Verwaltung des Krankenhauses. Voü den heute noch 19 Ordensschwestern im St. Hedwig-Krankenhaus und der Außenstelle arbeitet „leider keine mehr als Krankenschwester“, sagt die Oberin des Berliner Konvents nicht ohne Wehmut. 39 Jahre lang war sie selbst als Krankenschwester im Haus tätig.

Die verbliebenen Nonnen arbeiten heute an der Pforte, in Hauswirtschaft, Patientenbibliothek, Gästewohnheim, der Patientenaufnahme, der Sakristei und der Verwaltung des Krankenhauses oder sind wie Schwester Waltraud in der Seelsorge tätig.

Auf die Straße gegangen

Beinahe wäre die wechselhafte Geschichte der Klinik vor einigen Jahren zu Ende gewesen. Mit der Begründung der Berliner Sparpolitik sah im Januar 1999 ein Plan des Berliner Senats die Schließung des St. Hedwig-Krankenhauses trotz hoher Auslastungszahlen vor. „Da hatten wir den Zweiten Weltkrieg und die DDR überstanden und dann wollte eine Gesundheitssenatorin der CDU unser Haus schließen“, sagt Oberin Edelfrieda Tusk noch heute nicht ohne Erregung. Obwohl heute die Borromäerinnen unter den Krankenhausmitarbeitern in der Minderzahl sind, spielten die Ordensschwestern auch 1999 eine wichtige Rolle. „Wir malten Plakate und sammelten Unterschriften für den Erhalt unseres Hauses“, erinnert sich die Oberin. Als auch das nichts half, statteten die Klinikmitarýeiter mit ihren Plakaten unangemeldet dem damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, einen Besuch ab und protestierten auf einer Pressekonferenz der Gesundheitssenatorin. In der ersten Reihe jedesmal dabei: die Borromäerinnen. Wie bei der Ankunft 1846 sorgten die Ordensschwestern auch diesmal für Aufsehen in Berlin. Der engagierte Protest der wehrhaften Nonnen sorgte für ein großes Medienecho. Zu einer Demonstration für den Erhalt der Klinik kamen neben den Ordensschwestern und Mitarbeitern des Hauses auch der Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky und rund 6 000 Demonstranten. „Danach erhielten wir endlich die rettende Botschaft, dass wir mit verminderter Bettenanzahl weiter bestehen können“, erinnert sich Schwester Edelfrieda.

Kulturkampf, Zweiter Weltkrieg und DDR – eine turbulente Geschichte haben die Borromäerinnen in Berlin-Mitte und das St. Hedwig-Krankenhaus hinter sich. Wer die couragierten Nonnen erlebt, der spürt, dass sie auch in Zukunft den Nachwuchssorgen und der Sparpolitik trotzen werden.