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Keine Angst vor der Angst

Foto: KNA
Angst vorm Arzt? Wenn Teddy dabei ist, ist alles halb so wild.

Keine Angst vor der Angst

Von: Stanislaus Klemm | 9. September 2012
Was wären wir so arm dran, wenn wir „sie“ nicht hätten! Und: Wie frei würden wir uns manchmal fühlen, wenn wir „sie“ endlich los wären! Gemeint ist das Phänomen der Angst. Ein Widerspruch? Die „Paulinus“-Lebensberatung beschäftigt sich mit den zwei Seiten der Angst und einer hilfreichen Haltung ihr gegenüber.

Das, was wir notwendig zum Leben brauchen und was uns manchmal das Leben wiederum  schwer macht, das ist die Angst. Auf der einen Seite ein zum Überleben notwendiges körperlich-geistig und seelisches Signalsystem in uns, das uns helfen möchte, unser Leben zu schützen und zu bewahren, achtsam, vorsichtig und bedacht mit ihm umzugehen, uns auf Gefahren und Risiken aufmerksam zu machen und alle in einer Krisensituation notwendigen Kräfte zu mobilisieren.

Auf der anderen Seite erfahren wir diese Angst als etwas extrem störendes, lähmendes, verwirrendes, verunsicherndes und behinderndes Gefühl, wenn es aus dem Gleichgewicht geraten, ins Extreme gerutscht ist, wenn es irregeleitet, unglücklich und falsch erlernt und überbewertet oder sträflich eingetrichtert wurde.

Der „schwarzen Dame“ mutig die Tür öffnen

Der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung beschrieb einmal die Angst in der bedrohenden Gestalt einer schwarz verhüllten Dame, die unaufhörlich an unsere Haustüre klopft. Dabei nützt es uns nichts, wenn wir uns dabei in den letzten Winkel unseres Hauses verkriechen. Ganz egal, wo wir uns verstecken, wir hören ihr unaufhörliches Klopfen. Er rät uns, ihr mutig die Türe zu öffnen. Wir sollten uns zusammen mit ihr an einen Tisch setzen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei würde sich ganz allmählich die „schwarze“ Dame zu einer „weisen“ Dame verwandeln.

Angst hat etwas dunkles, „schwarzes“, unangenehmes, aufregendes an sich, dem wir entfliehen möchten. Auf der anderen Seite zeigt sie uns ihre helle, „weiße“ Seite, will uns vor einem Fehler bewahren, vor einer drohenden Gefahr schützen und zur Achtsamkeit ermutigen und wird somit im Nachhinein für uns zu einer „weisen“ Beraterin unseres Lebens. Ein Leben ohne Angst ist nicht nur undenkbar, es wäre auch fatal. Es wäre so, als würde man jemanden ohne Waffen, ohne Schutz und ohne Hilfe blind und ahnungslos in ein feindliches Gebiet schicken.

Unaufhörlicher Prozess einer notwendigen Balance

Unser Leben ist ein unaufhörlicher Prozess einer notwendigen Balance zwischen immer neuen scheinbar gegensätzlichen, sich aber doch immer wieder ergänzenden Gegensätzen wie etwa: Ich und Du, Festhalten und Loslassen, Tradition und Fortschritt, Reden und Schweigen. Immer, wenn wir zu extrem in eine Richtung abdriften, verlieren wir das Gleichgewicht. Wir spüren dies in einem unguten Gefühl, in einer „Angst“.

Mal ist es zum Beispiel die Angst, vom anderen erdrückt zu werden, mal ist es die Angst, alleine gelassen zu werden. Wir müssen diese Angst ernst nehmen und Schritte in die andere Richtung wagen. Seelisches Gleichgewicht zu finden, ist immer ein Abenteuer, das uns ganz fordert und immer nach vorne treibt. Verlieren wir es, wird in der Regel Angst auftauchen als ein „ungutes Gefühl“ im Bauch. Unsere Körpersprache liefert uns in diesem ständigen Bemühen nach Gleichgewicht eine verlässliche Kommunikation, in welchem Bereich auch immer.

Wenn uns zum Beispiel etwas „aus dem Hals heraus hängt“, „auf den Nägeln brennt“, „den Schweiß auf die Stirne“ oder „die Schamesröte ins Gesicht treibt“, eine „Zornesader anschwellen“ lässt, wenn wir nicht mehr schlafen können, ständig etwas „im Magen liegt“, so können wir davon ausgehen, dass dieser Prozess des Gleichgewichts noch nicht erreicht ist, Angst taucht auf, Anstrengung ist angesagt oder Mut, den richtigen Schritt zu wagen, unser Denken und unser Verhalten zu korrigieren, damit die Dinge wieder „im Lot liegen“, die Angst dem guten Gefühl wieder Platz macht.

Angst ist ein spürbarer, manchmal bedrängender Prozess

Angst ist ein spürbarer, manchmal bedrängender Prozess der Korrektur unseres Lebens, seine Grundausrichtung nach Nähe, Distanz, Wechsel und Bewahrung neu „auszutarieren“. Es wäre also töricht und dumm, würden wir uns dieser unserer Lebensangst in ihren Ausprägungen schämen, würden sie verschweigen, verdrängen oder betäuben wollen. Sie leitet uns ein Leben lang auf diesem schwierigen Seiltanz und möchte uns rechtzeitig warnen, nicht in das eine oder andere Extrem abzustürzen.

Ein Leben ohne Angst ist genauso unmöglich, wie ein gut funktionierendes System ohne die Möglichkeit eines Alarms.

Doch bei vielen Menschen kehrt sich die Angst gegen den Menschen selber. Negative Angst treibt nicht mehr an, sie lähmt. Eine krankhafte Angststörung ist wie ein Feuermelder, der uns ständig durch blinden Alarm narrt, alle unsere Kräfte bindet und uns erschöpft. Sie kann uns nicht mehr befreien, sie fesselt uns, macht uns abhängig. Für viele kann die Angst nicht mehr ihr Leben schützen, sondern sie droht, es auszulöschen. Sie wird zur Panik.

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leidet an Angstzuständen im behandlungsbedürftigem Ausmaß. Bei fehlender Therapie wird die Erkrankung häufig chronisch und es kommt zum sozialen Rückzug, zum Medikamenten- oder zum Drogenmissbrauch, vor allem durch Alkohol.

Ängste nicht in sich hineinfressen

Diese negativen, zerstörerischen Ängste müssen aus unserer Seele, aus unserem Geist und aus unserem Körper wieder herausgenommen werden. Wir müssen also dringend über diese Ängste mit einander sprechen, sie dürfen sich auf keinen Fall in uns verkapseln lassen, indem wir sie in uns „hineinfressen“. Über negative Ängste zu sprechen, bedeutet, sie besser wahrzunehmen, betrachten und verstehen zu lernen, denn dahinter steckt immer eine Ursache, ein Auslöser. Angst ist dabei nur das Symptom. Hinter mancher, noch so grotesker Angst kann ein durchaus verständliches Beziehungsproblem oder ein Beziehungskonflikt stecken. Vermeiden bedeutet, die Spannung zu vergrößern. Das Schlechteste, was wir mit Ängsten tun können, ist mit ihnen allein zu bleiben.

Bei der Angstbefreiung helfen im wesentlichen zwei Dinge: einerseits hilft die Psychotherapie (besonders die Verhaltenstherapie), andererseits helfen Medikamente, die in den Serotoninstoffwechsel im Gehirn eingreifen. Beide Methoden haben ihren positiven und durch Erfahrung bestätigenden Stellenwert, und in vielen Fällen werden Psychotherapie und medikamentöse Therapie auch kombiniert eingesetzt. Eine unterstützende und hilfreiche Methode sind außerdem alle Formen von Entspannungsverfahren, Meditationsübungen sowie die oft erwünschte, aber nicht immer gefundene seelsorgerliche Begleitung. Der Glaube ist der stärkste Schutzschirm gegen Lebens- und Sozialängste.

Vielleicht lässt sich ein altes Gebet von Friedrich Oetinger wie folgt verändern: „Gott, gib mir jene Gelassenheit, ohne Angst die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und loslassen muss. Gib mir den Mut, meine Angst wahr- und ernstzunehmen, wenn ich sie brauche, um die Dinge zu verändern, die ich verändern kann und verändern muss. Gib mir die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.“

  • Lebensberatung im Bistum Trier
    Insgesamt gibt es – von Ahrweiler bis Wittlich – 20 Lebensberatungsstellen des Bistums Trier, an die sich jede und jeder Ratsuchende wenden kann.

    Der zuständige Arbeitsbereich im Generalvikariat wird geleitet von Dr. Andreas Zimmer. Kontaktadresse: Lebensberatung im Bistum Trier, Bischöfliches Generalvikariat, Hinter dem Dom 6, 54290 Trier, Telefon (06 51) 71 05-2 79, E-Mail beratung@bgv-trier.de, Internet www.lebensberatung.info.

    Über 70 weitere Artikel sind in der "Paulinus"-Rubrik „Lebensberatung im Paulinus“ zu finden.



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An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


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Ein eigenes Haus, ein Auto, regelmäßiger Urlaub, Fernreisen, ein möglichst gut gefülltes Bankkonto. So sah lange Zeit der Traum vom Wohlstand aus. Doch immer mehr setzt sich heute die Erkenntnis durch: „Viel haben“ heißt noch nicht „gut leben“, und „weniger ist vielleicht mehr“. In Zusammenarbeit mit Barbara Schartz vom Themenschwerpunkt Schöpfung bei der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum beleuchten wir das Thema in einer lockeren Serie und stellen Menschen vor, die für Veränderung eintreten oder anders leben.



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