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Eltern sollen Leitwölfe sein

„Leitwölfe sein“: So heißt der Ratgeber von Jesper Juul (216 Seiten, ISBN 978-3-407-86404-8, Beltz-Verlag, 2016, 16,95 Euro). Hier ein Ausschnitt des Covers.

Eltern sollen Leitwölfe sein

Von: Christof Ewertz | 12. Februar 2017
Viele Eltern wollen in der Erziehung alles richtig machen – und überschütten ihre Kinder mit Angeboten und Zuwendung. Ab wann ist es zu viel des Guten? Um diese Frage geht es in der „Paulinus“-Lebensberatung.

Erst kürzlich auf einer Geburtstagsfeier beklagte sich eine Bekannte, deren Tochter in die fünfte Klasse eines Gymnasiums gewechselt war, dass es ihr trotz eigener guter Mathematikkenntnisse kaum mehr möglich sei, ihrer Tochter bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen. Unter einigen Eltern entwickelte sich sodann ein lebhafter Austausch über das Für und Wider möglicher Hilfestellungen im Allgemeinen und Nachhilfe in Schule und bei Hausaufgaben im Besonderen.

Es fällt auf, dass Eltern offensichtlich noch nie so viel über Erziehung wussten, wie derzeit. Sie wollen alles richtig machen, sie geben sich besonders viel Mühe und sind bereit, fast schon alles für ihre Kinder zu tun.
 
Und doch steigt bei Kindern und Jugendlichen das Bedürfnis nach Beratung und professioneller Hilfe. Beratungsstellen und therapeutische Praxen scheinen voll mit verhaltensauffälligen Kindern zu sein, und immer mehr Experten kommen zu dem Ergebnis, dass Überbehütung ähnliche Schäden in einer Kinderseele anrichtet wie Vernachlässigung. Diese gluckenden Eltern, die auf alles aufpassen, ihren Kindern alles ermöglichen und ständig wie ein Hubschrauber über ihren Kindern kreisen, werden allgemein auch als „Helikopter-Eltern“ bezeichnet.

Es ist vollkommen klar, dass es hier bestimmt nicht an gutem Willen fehlt, jedoch drohen „Helikopter-Eltern“ in ihrer Erziehungsarbeit, ihre Kinder zu wichtig zu nehmen. Sie sind abhängig von den wechselnden Launen, den Ängsten und Forderungen ihrer Kinder, sie intervenieren in Kindertagesstätten, Schulen und versuchen die Fehler ihrer Kinder glattzubügeln, bevor diese daraus lernen können. Sie versuchen in bester Absicht für ihre Kinder alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Oft ersparen sie hierbei ihren Kindern sogar den Anblick der eigenen Gefühle. Kinder, die beispielsweise beim Tod der Großeltern nie die Trauer der eigenen Eltern erleben, wissen oft selbst nicht, was es heißt traurig oder frustriert zu sein.

Eltern sind Eltern und nicht die Freunde ihrer Kinder

Eltern können ihren Kindern einiges zutrauen – übrigens auch Fehler zu machen, um gegebenenfalls aus ihnen zu lernen. Kinder benötigen hierbei zur Unterstützung Regeln und ein klares Rollenverständnis innerhalb der Familie. Sie wollen sich in den Eigenarten und dem Verhalten ihrer Eltern spiegeln. Das Gefühl jedoch, dass sich die ganze Welt im Wesentlichen nur um sie dreht, raubt ihnen diese Möglichkeit.

Eltern sollten versuchen, in der Erziehung ihrer Kinder wieder sicht- und spürbarer zu sein und nicht davor zurückzuschrecken, in der Familie Führung zu übernehmen. Neben Zuwendung und Aufmerksamkeit, die Eltern ihren Kindern entgegenbringen, ist es genauso wichtig, sich ab und an als Eltern abzugrenzen. Damit ist nicht gemeint, dass sich Eltern emotional distanzieren sollten, sondern dass sie im Kontakt mit ihren Kindern gleichermaßen zugewandt und bei sich selbst bleiben sollten. Mit anderen Worten: Wir sind Eltern und nicht die Freunde unserer Kinder!

Auch wenn es noch so schön wäre, dieses freundschaftliche Verhältnis wäre vor allem eines für die Kinder: eine Überforderung. Kinder möchten ihre Eltern nicht als beste Freunde, sondern als ihre Beschützer und als Rückhalt, auf den sie sich immer verlassen können. Eine zu enge, zu freundschaftlich geprägte Beziehung entsteht meist nicht aus dem Interesse des Kindes, sondern häufig sind es die Eltern, die nicht loslassen können und aus eigener Bedürftigkeit oder der Angst, das Kind irgendwann zu verlieren, die Bindung immer weiter verstärken.

In seinem Buch „Leitwölfe sein“ ermutigt der Therapeut und Experte für Erziehung, Familienleben und Pubertät, Jesper Juul, Eltern dazu, ihre Führungsrolle innerhalb der Familie klar und deutlich zu übernehmen. Er rät zu einer partnerschaftlichen und nicht zu einer freundschaftlich-kumpelhaften Erziehung.

In dieser vermissen sie dann den Halt, den souveräne Eltern eigentlich geben sollten. Die Kinder drohen ihrerseits in Rollen hineinzurutschen, die nicht entwicklungsfördernd sind. So werden aus Kindern schnell Berater ihrer Eltern, die sich immer gut mit ihnen verstehen müssen. Das widerspricht dem Grundbedürfnis insbesondere von Jugendlichen, sich an Eltern zu reiben, ihnen Kontra zu geben und dadurch immer selbstständiger zu werden. In dieser Enge und fast klebrigen Harmonie fehlt die gegenseitige Abgrenzung zwischen Eltern und Kind.

Die wichtigen Orientierungspunkte drohen für die Kinder verloren zu gehen. Sie lernen dann nicht mehr, dass ihre Eltern Grenzen haben, die sie nicht überschreiten dürfen, Sie lernen nicht mehr, dass das eigene Verhalten Konsequenzen hat und sich erst somit ein eigenes Verantwortungsgefühl entwickeln kann. Gleichzeitig sind die Eltern davon gestresst und überfordert rund um die Uhr – am liebsten immer und ausnahmslos – für ihre Kinder da sein zu wollen.

Sie mutieren mit der Zeit zu unzufriedenen Dienstleistern, deren Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigt sind.

Kinder brauchen abgegrenzte Eltern

Hat sich das Kind später einen eigenen Lebensraum aufgebaut und sich entsprechend von den Eltern abgenabelt, kann tatsächlich aus der Eltern-Kind-Beziehung so etwas wie eine Freundschaft werden.

Auch wenn man für seine Eltern immer Kind bleibt, so begegnet man sich immer mehr auf gleicher Augenhöhe. Um auf diesem Weg den Kindern das Erwachsenwerden nicht zusätzlich zu erschweren, ist es für die Kinder wichtig zu wissen:
– dass Eltern ihr eigenes Leben leben und nicht ausschließlich auf die Kinder fixiert sind;
– dass die Eltern Hobbys und Interessen haben, die über das Familienleben hinausgehen können;
– dass Eltern Freunde haben, mit denen sie sich austauschen und Probleme besprechen können;
– dass Eltern mit ihren Schwierigkeiten klarkommen;
– dass die Eltern es emotional verkraften werden, wenn sie erwachsen und unabhängig werden;
– dass sie nicht für das Glück und Wohlbefinden ihrer Eltern zuständig sind.

  • Unser Autor
    Unser Autor Christof Ewertz ist Diplom-Pädagoge und leitet die Lebensberatungsstelle in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
  • Info
    Insgesamt gibt es – von Ahrweiler bis Wittlich – 20 Lebensberatungsstellen des Bistums Trier, an die sich jede und jeder Ratsuchende wenden kann. Der zuständige Arbeitsbereich im Generalvikariat wird geleitet von Dr. Andreas Zimmer. Kontaktadresse: Lebensberatung im Bistum Trier, Bischöfliches Generalvikariat, Mustorstraße 2, 54290 Trier, Telefon (06 51) 71 05-2 79,
    E-Mail beratung@bgv-trier.de, Internet www.lebensberatung.info.
    Über 70 weitere Artikel sind im Internet unter www.paulinus.de in
    der Rubrik „Lebensberatung im Paulinus“ zu finden.



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An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


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