Paulinus - Wochenzeitung im Bistum Trier

Paulinus - Kopfbereich:

Paulinus - Inhalt:
Paulinus - Hauptinhalt:
Von Freud und Leid, kein Einzelkind zu sein

Foto: KNA
Es ist für Eltern nicht immer einfach, zwischen ihren streitenden Kinder zu vermitteln. Da fließen auch einmal Tränen.

Von Freud und Leid, kein Einzelkind zu sein

Von: Caroline Gräßer | 31. Januar 2016
Ein wiederkehrendes Anliegen in der Erziehungsberatung ist die Frage, wie mit häufigen oder heftigen Streitereien zwischen Geschwisterkindern umzugehen ist. Eltern fühlen sich dann hilflos in ihren Versuchen, als Schiedsrichter im Sinne der Gerechtigkeit zu schlichten. „Bei uns zuhause herrscht nur noch Gezanke – was können wir tun, damit wieder Harmonie einkehrt?“ Um diese Frage geht es in der „Paulinus“-Lebensberatung.

Sicher, Harmonie ist ein erstrebenswerter Zustand. Und genau wie jeder einzelne Mensch braucht auch jede Familie Zeiten der Ruhe und Ausgeglichenheit, in denen man sich als Einheit wahrnehmen und Kraft tanken kann. Aber es gibt auch eine andere Seite, auf die es den Blick der besorgten Eltern in der Erziehungsberatung zu lenken gilt.

Die Entwicklung von Kindern findet gewöhnlich im Kontext der familiären Beziehungen statt, in denen sie leben. Diese Beziehungen sind es, die im seelischen und sozialen Entwicklungsprozess eines jeden Menschen eine herausragende Rolle spielen. Hier werden die Grundlagen der Entwicklung unserer sozialen Fähigkeiten gelegt. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, Selbstbild, emotionale und kommunikative Kompetenz, unser Umgang mit Grenzen und Widerständen oder auch unsere Frustrationstoleranz werden hier entwickelt.

Innerhalb der familiären Beziehungen sind die Geschwisterbeziehungen besonders komplex, da sie sowohl durch das vertikale Verhältnis zu den Eltern als auch durch das horizontale Verhältnis zueinander gestaltet sind. Der mögliche Entwicklungsgewinn durch diese Beziehungen wird häufig viel weniger wahrgenommen als die möglichen Schwierigkeiten.

Mit Geschwistern aufzuwachsen bedeutet fast immer einen Zugewinn an Beziehung, an Verbundenheit und an Möglichkeiten zur Auseinandersetzung. Geschwister können hier als eine Art Entwicklungshelfer verstanden werden, die insbesondere die Ausbildung von Fähigkeiten zur Emotionsregulierung und zum Umgang mit Konflikten unterstützen. Auch für die Entwicklung des Selbstbildes, des Körperkonzeptes und gegebenenfalls für die Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht sind Geschwister nicht leicht zu ersetzen.

Hinzu kommt die schützende Funktion der Unterstützung durch Nicht-Erwachsene, also eher Gleiche. Die sich entwickelnde Identität von Kindern wird durch den Druck, eine geeignete und notwendige Rolle in der Familie zu finden, gestärkt.

Entthronung für das ältere Kind

Aus entwicklungspsychologischer Sicht wiegen diese Vorteile die Nachteile bei weitem auf.

Was macht den Umgang mit Geschwistern sowohl für Eltern als auch für Kinder oft so schwierig? Wenn ein Geschwisterkind geboren wird, ist dies immer zunächst eine „Entthronung“ für das ältere Kind. Plötzlich soll es die Aufmerksamkeit und Zuwendung seiner Eltern, Großeltern und sonstiger Bezugspersonen, die es vorher ganz für sich alleine hatte, mit einem fremden Eindringling teilen. Und nicht nur das. Weil es älter ist als der Neuankömmling, soll es vernünftiger und nett und freundlich zu ihm sein. Ist es da wirklich verwunderlich, wenn es zu Eifersuchtsreaktionen kommt?

Aggressives Verhalten, Rückschritte in der Entwicklung oder auch ein Rückzug sind mögliche Reaktionen. Genauso kann es umgekehrt auch zu Eifersuchtsreaktionen beim jüngeren Geschwisterkind kommen, da es dem älteren in vielem unterlegen ist. Hier erlebt man ein Konkurrieren („Das kann ich auch“), ein Herausfordern, Nerven, Stören.

Auch das mittlere Kind hat oft einen schweren Stand. Es hat weder die Überlegenheit des Erstgeborenen noch die besondere Aufmerksamkeit des Kleinsten. Dadurch ist es öfter aggressiv oder verschlossen oder aber auch selbständiger (mehr Außer-Haus-Kontakte).

Rivalität unter Geschwistern ist am ausgeprägtesten bei einem Altersabstand von zwei bis drei Jahren und gleichem Geschlecht, bei Jungs mehr als bei Mädchen. Ein mehr oder weniger geschickter Umgang der Eltern mit der Rivalität ihrer Kinder hat hier einen deutlichen Einfluss.

Eifersucht ist immer Ausdruck einer Angst vor Verlust. Jemand anderes bekommt etwas, das ich dringend brauche und das knapp ist. Bei Überfluss entsteht keine Eifersucht.

Wie kann demnach Eifersuchtsreaktionen vorgebeugt werden? Eltern sollten versuchen, jedem ihrer Kinder ausreichend Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung zu schenken, so dass jedes Kind von sich aus großzügig sein kann. Dies kann unter Umständen besser funktionieren, wenn für jedes Kind feste Zeiten organisiert werden. Zeigt ein Kind sich großzügig, sollte es unmittelbar für dieses Verhalten gelobt werden. Auch die Modellfunktion der Eltern kann ausgenutzt werden. Großzügigkeit vorzuleben, gibt ein positives Beispiel.

Der Eifersucht eines erstgeborenen Kindes kann auch vorgebeugt werden, indem man dem nachkommenden Kind in Anwesenheit des älteren Positives über das ältere Geschwister erzählt (was es schon alles kann, was es für Stärken hat, was man besonders an ihm schätzt). Auch kann es hilfreich sein, das ältere Kind an den Aufgaben für das kleinere Kind zu beteiligen, zum Beispiel es beim Füttern oder Baden helfen zu lassen. Allerdings sollte vermieden werden, das erstgeborene Kind mit Aufgaben und Pflichten zu überhäufen. Und auf jeden Fall sollten auch dem jüngeren Kind ab einem bestimmten Alter Aufgaben und Pflichten übertragen werden.

Eltern sollten darauf achten, dass das ältere Kind nicht zu häufig auf seine jüngeren Geschwister aufpassen muss. Dem älteren Kind muss ausreichend Schutz geboten werden, damit es ihm möglich ist, seine natürliche und notwendige Aggressivität in Grenzen zu halten. Das ältere Kind darf auch nicht mit Erwartungen an seine Vernunft überfordert werden.

Umgekehrt sollten dem älteren Kind aber Privilegien, wie (mehr) Taschengeld oder eine spätere Schlafenszeit eingeräumt werden. Nicht zuletzt können die  Kinder als Gruppe gestärkt werden, indem man betont, dass sie sich verbünden können und dies hervorhebt, wenn es passiert.

Aber auch mit den größten Anstrengungen der Eltern kann es natürlich hin und wieder zu Eifersuchtsreaktionen eines Kindes kommen. Dann ist es wichtig, Verständnis für die Wünsche, Bedürfnisse und die Situation des Kindes zu haben. Eifersucht als Gefühl sollte ernst genommen, die Wahrnehmung des Kindes nicht in Frage gestellt werden.

Eltern sollten sich überlegen, was das rivalisierende Kind kurzfristig und auf längere Sicht braucht (Aufmerksamkeit, Anerkennung, gesehen und gewürdigt werden?). Und wenn Eltern einmal mit allem überfordert sind, sollten sie sich nicht scheuen, andere Personen hinzuziehen.

  • Info
    Lebensberatung

    Insgesamt gibt es – von Ahrweiler bis Wittlich – 20 Lebensberatungsstellen des Bistums Trier, an die sich jede und jeder Ratsuchende wenden kann.

    Der zuständige Arbeitsbereich im Generalvikariat wird geleitet von Dr. Andreas Zimmer. Kontaktadresse: Lebensberatung im Bistum Trier, Bischöfliches Generalvikariat, Hinter dem Dom 6, 54290 Trier, Telefon (06 51) 71 05-2 79, E-Mail beratung@bgv-trier.de, Internet www.lebensberatung.info.

    Viele weitere Beiträge der Lebensberatung sind in der "Paulinus"-Rubrik „Lebensberatung im Paulinus“ zu finden.



Paulinus - Marginalinhalt:

Im Blickpunkt

"Paulinus"-Leserreisen 2017

Griechenland – auf den Spuren des Apostel Paulus: Die Leserreise führt vom 4. bis 11. Oktober 2017 (Herbstferien Rheinland-Pfalz & Saarland) nach Griechenland – auf den Spuren des Apostel Paulus.


Synode im Bistum Trier

Die Synode wurde am 29. Juni 2012 von Bischof Ackermann ausgerufen. Die Trierer Bistumssynode hat ihr Abschlussdokument „heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen“ am 30. April 2016 verabschiedet.


Lebensberatung im Paulinus

An dieser Stelle beantworten regelmäßig Lebensberaterinnen und -berater aus den Einrichtungen des Bistums Trier Fragen zu verschiedenen „Problemfeldern“ des Lebens, zum Beispiel aus den Bereichen Erziehung, Ehe oder Familie. Wenn Sie zu einem Problem Beratung oder Antworten suchen, können Sie sich entweder an die „Paulinus“-Redaktion, Postfach 3130, 54221 Trier, oder direkt an die Lebensberatungsstellen im Bistum Trier wenden. Viele Paulinus-Beiträge aus der Praxis der Lebensberater finden Sie im Paulinus-Archiv/Lebensberatung.


Einfach Leben

Ein eigenes Haus, ein Auto, regelmäßiger Urlaub, Fernreisen, ein möglichst gut gefülltes Bankkonto. So sah lange Zeit der Traum vom Wohlstand aus. Doch immer mehr setzt sich heute die Erkenntnis durch: „Viel haben“ heißt noch nicht „gut leben“, und „weniger ist vielleicht mehr“. In Zusammenarbeit mit Barbara Schartz vom Themenschwerpunkt Schöpfung bei der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum beleuchten wir das Thema in einer lockeren Serie und stellen Menschen vor, die für Veränderung eintreten oder anders leben.



Video





Paulinus - Fuss: