Während der Kirchturm noch steht, sind die Mauern der Heilig-Geist-Kirche in St. Wendel nur noch ein großer Trümmerhaufen. Foto: ATB
Das Archiv-Foto zeigt die Heilig-Geist-Kirche wenige Jahre nachdem sie gebaut wurde. Foto: Gerhard Tröster

„Ein Stück Pfarrgeschichte ist zu Ende gegangen“

Abriss der Heilig-Geist-Kirche in St. Wendel: Die Filialkirche der Pfarrei St. Anna wurde dem Erdboden gleich gemacht

Von Gerhard Tröster

Als sich Mitte Mai erstmals der stählerne Zahn des Pickhammers unter lautem Rattern in die Außenwand der Heilig-Geist-Kirche auf dem Tholeyerberg in St. Wendel bohrte, standen einige Neugierige bewegt am Straßenrand. Betonteile brachen ab und fielen zu Boden. Der Abrissbagger rüttelte an den Mauerkanten. Staub waberte durch den Vorhof. Es schien, als wehre sich die Kirche gegen ihr Schicksal. „Nicht zu fassen – unsere Kirche. Hat es so weit kommen müssen?“, rang sich eine ältere Frau ein paar Worte ab. Das letzte Kapitel der Filialkirche der Pfarrei St. Anna in St. Wendel war aufgeschlagen. Das im Jahre 1967 eingeweihte Gotteshaus, welches 35 Jahre lang die Heimat vieler Katholiken dieses Stadtteils war, sollte dem Erdboden gleich gemacht werden.

Die in Stahlbeton errichtete Kirche mit ihrem markanten Turm, in dem übrigens nie Glocken geläutet haben, wies schon nach 25 Jahren erhebliche Mängel in ihrer Substanz auf. Hinzu kamen undichte Stellen auf dem Dach. Die Pfarrei St. Anna kam in die Zwickmühle. Das Gebäude für viel Geld sanieren wollte und konnte sie nicht. 1996 erteilte das Bischöfliche Generalvikariat vorsorglich die Genehmigung, das Gotteshaus im Falle eines Falles abreißen zu dürfen.

Eines Tages fielen kleine Betonteile vom Turm

Weil keine direkte Gefahr für die Gläubigen bestand, wurden weiterhin regelmäßig Gottesdienste in Heilig Geist gefeiert. Eines Tages fielen kleine Betonteile vom Turm herab. Es wurde ein Schutzzaun herumgezogen. Immer wieder regnete es durch das Dach der Kirche. Die Pfarrei kam in Zugzwang. Pfarrer Thomas Damke berief 2002 eine Pfarrversammlung ein, in der über die Zukunft der Kirche diskutiert wurde. Dabei kam auch das „Projekt 2020“ des Bistums auf den Tisch. Wenn Pfarreien zusammengelegt und weniger Gottesdienste gefeiert werden, ist es dann – so der Tenor – zu verantworten, Heilig Geist für viel Geld zu sanieren, um die Kirche dann in einigen Jahren doch schließen zu müssen? Die Antwort der Gläubigen fiel ziemlich deutlich aus: Nein, wir schließen, bemühen uns um eine Umnutzung oder verkaufen Gebäude und Grundstück.

Mit gemischten Gefühlen kamen die 150 bis 200 Gläubigen weiterhin zu den Sonntagsmessen. Aber das Ende kam schnell herbei. Am 25. Juni 2003 genehmigte das Bistum die Schließung, und schon vier Tage später, am 29. Juni, dem Fest Petrus und Paulus, fand der letzte Gottesdienst statt, verbunden mit dem Vollzug der Profanisierung. Das Allerheiligste wurde in die Mutterkirche St. Anna übertragen.

Danach blieb es lange Zeit still um die Kirche. Auf dem Vorhof, hinter den stählernen Eingangstoren, begann die Natur, sich den Teil zurückzuerobern, den man ihr einst genommen hatte. Trotzdem öffneten sich ab und zu noch die Kirchentüren. Die Orgel wurde abgebaut und in die Pfarrei Maring-Noviand an die Mosel transportiert. In der Marienkirche im Freisener Ortsteil Grügelborn landeten die Kirchenbänke. Ambo und Altar fanden in der Filialkirche Nohfelden-Bosen eine neue Bleibe.

Anfang Mai verkündete die Pfarrei St. Anna, dass die Kirche einschließlich dem Turm und einem daneben liegenden Grundstück, auf dem nach den ursprünglichen Plänen ein Pfarrhaus gebaut werden sollte, an eine Immobilienfirma in Saarlouis verkauft worden sei. Sie wolle die beiden Bauwerke abreißen lassen und Bauplätze für Privatleute bereitstellen.

Pfarrer Thomas Damke kann die Trauer seiner Pfarrangehörigen auf dem Tholeyerberg nachvollziehen, lieferte neben der finanziellen Seite aber auch ein anderes einleuchtendes Argument dazu: „Heilig Geist war als dritte Kirche (es gibt noch die Filialkirche St. Marien in Oberlinxweiler, die Red.) der Pfarrei zur Betreuung eines sich entwickelnden Neubaugebietes gedacht. Sie hat ihre pastoralen Ziele allerdings nie erreicht, da die Entwicklung in den 70er und 80er Jahren doch ein wenig anders verlief.“

„Früher hatten wir hier sonntags zwei gut besuchte Messen“

Viele Schaulustige gab es beim Kirchenabriss nicht, auch keine Proteste. Der Grund lag wohl weniger darin, dass die Gläubigen ihre Kirche „abgeschrieben“ hatten. Die meisten wollten wohl nicht mit ansehen, wenn die Kirche in ihre Einzelteile zerfällt. „Früher hatten wir hier sonntags zwei gut besuchte Messen, viele Werktagsgottesdienste und Andachten. Und jetzt ist alles vorbei“, sagte ein älterer Herr und drehte sich zur Seite, um verstohlen eine Träne abzuwischen. Sein Gesprächspartner erinnerte an die Pfarrfeste an Pfingsten und an die Fronleichnamsprozessionen. „Und eigene Messdiener gab es hier“, ergänzte eine Frau.
„Ein Stück Pfarrgeschichte ist zu Ende gegangen“, hat Pfarrer Thomas Damke im jüngsten Pfarrbrief an seine Gemeinde geschrieben. „Für mich und für viele von Ihnen ist dies kein leichter Weg. Denn jeder Abschied tut weh. Das zeigt, dass die Kirche Heilig Geist nicht bloß irgendein Gebäude war.“

Chronik

1964: Beschluss zum Bau der Heilig-Geist-Kirche
17. Oktober 1965: Grundsteinlegung
29. Januar 1967: Benediktion
10. Dezember 1967: Einweihung durch Weihbischof Carl Schmitt
9. März 1980: Einweihung der 15-registrigen Orgel
1992: Erhebliche Mängel am Stahlbeton treten auf
1996: Das Bischöfliche Generalvikariat Trier erteilt die Abrissgenehmigung
15. Oktober 2002: Die Pfarrversammlung entscheidet sich dafür, die Heilig-Geist-Kirche aufzugeben
25. Juni 2003: Urkunde des Bistums, dass die Kirche geschlossen wird
29. Juni 2003: Letzter Gottesdienst und Vollzug der Profanisierung
20. April 2006: Verkauf des Gotteshauses mit Turm und Grundstück an eine Immobilienfirma in Saarlouis
15. Mai 2006: Beginn des Abbruchs



Die Heilig-Geist-Kirche in St. Wendel ist das zweite Kirchengebäude das in jüngster Zeit im Bistum aufgegeben wurde, teilte Otmar Brittner, der Leiter der Abteilung Haushalte der Kirchengemeinden im Generalvikariat, auf Anfrage des „Paulinus“ mit. 2005 sei bereits die Filialkirche St. Josef in Mettlach-Keuchingen abgerissen worden. Derzeit liefen die Gespräche bezüglich der künftigen Nutzung des Geländes ebenfalls zur Wohnbebauung. Die Pfarrkirche St. Mauritius in Saarbrücken sei 2003 aufgegeben und profaniert worden und sei seit 2004 der Hochschule für „Musik Saar“ zur Nutzung überlassen, sagte Brittner. Die Pfarrkirche St. Peter in Andernach sei 2005 durch den Einbau von Pfarrheimräumen verkleinert und teilweise umgenutzt worden. Im Gegenzug habe die Kirchengemeinde die Gebäude Pfarrhaus und ehemaliges Pfarrheim/Kindergartengebäude mit Wohnung aufgegeben und verkauft. Über die Aufgabe von künftigen Gebäuden könne man derzeit keine Angaben machen. Mit Blick auf das „Projekt 2020“ wird es nach Einschätzung Brittners künftig zum weiteren Abbau und der Aufgabe von Gebäuden (auch Kirchen) kommen.