„Hier leben meine Kinder“ – Harald Rossu, der gemeinsam mit Doly das Kinderhaus leitet, besucht die Schlafstellen im Wasserturm.
Jim liebt Doly – sie ist die Einzige, die ihm hilft.

Rumäniens vergessene Kinder

Die Straßenkinder von Brasov und Petrosani und ihr Kampf ums Überleben

Von Ingrid Fusenig (Text) und Eugen Reiter (Fotos)

Nicht gerade einladend sieht er aus, der baufällige Wasserturm. Eiskalter Wind pfeift durch zerbrochene Fenster. Und kaum an der Tür angelangt, will man im Grunde nur noch eines: weit wegrennen. Der Gestank setzt sich augenblicklich in den Kleidern fest, lässt den Atem stocken und fährt in die Magengrube. Plötzlich raschelt es, und eine aufgeschreckte Ratte flüchtet quietschend aus einem Berg von Abfall und Kot. In diesem stinkenden Loch sollen Menschen leben? Man will es sich nicht vorstellen, doch verdreckte Decken, ein verbeulter Topf, Comics, Kerzenstummel und Kippen zeugen davon. Der Wasserturm ist letzter Zufluchtsort der vergessenen Kinder von Brasov (Kronstadt).

Ein Wasserturm? Dabei erzählt man doch, Rumäniens Straßenkinder suchten unterirdisch in den Kanälen Zuflucht. Doch die Kanaldeckel in Brasov lassen sich keinen Millimeter bewegen – alle zugeschweißt, auf Weisung der Stadt. Unbekannte hatten die Schlafplätze mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt. Dass die Kanäle in jener Nacht nicht zur Todesfalle wurden, liegt einzig daran, dass die „Bewohner“ zum Betteln und Stehlen unterwegs waren. Ausräuchern wollte man die Kinder. Mit diesem „Dreck“, diesem „Abschaum“ will kaum einer etwas zu tun haben.

Die Hoffnung trägt den Namen Doly

Und dennoch gibt es so etwas wie Hoffnung. Und die trägt einen Namen: Dolores Simona Bota. Die Straßenkinder lieben diese Frau, nennen sie Doly.

Doly lebt und arbeitet für das Projekt „Kinderhaus“ in Kronstadt. Hilfestellung kommt aus Deutschland. Seit Jahren setzen sich Franziska und Günther Weckbecker für die Ärmsten der Armen in Rumänien ein. Der frühere Bürgermeister von Moselkern und seine Frau haben auch Doly wieder einen Scheck mitgebracht. Geld, das die Frau dringend benötigt. Denn der Staat fordert ein neues, feuerfestes Dach. Seit zwei Jahren kümmern sich Doly und ihr Team um zehn bis zwölf Straßenkinder. Duschen; schlafen; eine warme Mahlzeit; Ermunterung, zur Schule zu gehen – viele Kinder erfahren das erste Mal in ihrem Leben, dass Menschen sich um sie kümmern, ihnen Wertschätzung entgegenbringen. „Wir sprechen auch über Gott. Die Kinder sollen wissen, dass jemand größer ist als wir. Es ist wichtig, dass diese Kinder Gott kennen“, erzählt Doly. Für die Krankenschwester gab es kein Halten mehr, als der Pfarrer sie bat, für dieses Projekt zu arbeiten. Die Entscheidung traf die 34-Jährige gegen den Willen der Eltern, die in Rom leben. „Die Kirche ist meine Familie. Das ist mein Auftrag. Ich liebe mein Leben und meine Arbeit. Ich kann nicht anders“, lautet die Begründung.

Doly fährt jeden Tag zum Bahnhof. Dort treiben sich die Straßenkinder herum, man erkennt sie sofort mit ihren schmutzigen, abgerissenen Klamotten. Jim und seine Kumpel schubsen sich gegenseitig, demonstrieren, wie stark sie sind. Jim heißt eigentlich anders. Wie, das verrät er nicht. Der Name erinnert ihn an das Leben mit dem Vater, den er immer nur betrunken und schlagend erlebt hat. Irgendwann hat Jim es nicht mehr ausgehalten und ist abgehauen. Er hat sich für ein Leben auf der Straße entschieden, obwohl dort ebenfalls das Gesetz des Stärkeren gilt. Kaum ein Tag ohne Prügelei, kaum eine Nacht ohne Messer-Attacke. „Die Schläge zu Hause haben viel mehr weh getan“, erzählt der Junge. Und auf der Straße gebe es immer irgendwo Klebstoff, den man stehlen kann. Wenn Jim die Dämpfe schnüffelt, dann kann er vergessen, dass er ganz unten ist. Betäubt und beduselt träumt er dann von seinem Idol Jim Carrey. Der Schauspieler ist sein Held, „der mich retten wird, eines Tages.“ Sagt es und kratzt sich. Seine Hände stecken in verdreckten Verbänden. Er hat Krätze. Die Läuse in den verfilzten Haaren kann man mit bloßem Auge sehen. Die Zähne – nur noch schwarze Stummel. Ein anderer Straßenjunge ist weniger erfreut über den „Besuch“. Auch ohne die Sprache zu verstehen, Tonfall und Gestik verdeutlichen, was er zu sagen hat: „Geht weg, lasst uns in Ruhe.“ Seine Freundin hält Maria, ihr Neu geborenes, im Arm. Entbunden hat die 14-Jährige wie bereits zwei Mal zuvor im Kanal, allein, ohne Hilfe. Es ist kein Einzelfall, dass Straßenkinder Kinder zeugen, dass Mädchen viel zu früh Mütter werden. Als Mädchen dort zu leben bedeutet, keine ruhige Minute zu haben. „Wir werden ständig vergewaltigt. Die Jungs kennen das nicht anders“, heißt es.

Szenenwechsel. Petrosani, viele Kilometer weiter, doch die Bilder der Straßenkinder-Szene gleichen sich. Hier ist es der Diözesanverband der Caritas in Trier, der Projekte unterstützt. 2003 hat die Caritas mitgeholfen, ein Nachtasyl aufzubauen. Partner vor Ort ist die Caritas Alba Julia mit ihrer Außenstelle Petrosani.

Ein Stadt, die vor die Hunde geht

Wie kann so etwas passieren in einem Land, das den Kommunismus vor Jahren abgeschüttelt hat und die Fühler ausstreckt in Richtung Europäische Union? Nora Dubyk, Leiterin der Caritas Petrosani, versucht das Unfassbare zu erklären. Petrosani sei einst eine Vorzeige-Industriestadt des alten Regimes gewesen. „Durch den Kohleabbau gab es Arbeitsplätze und attraktive Löhne“, sagt die 25-Jährige. Doch Ende der 50er Jahre habe das Idyll ein Ende gefunden. Dubyk: „Die Kommunisten brachten zwangsweise Moldawier zum Arbeiten hierher.“ 80 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten in den Minen oder Zulieferbetrieben. Nach und nach seien die Minen geschlossen worden. Aus Angst vor sozialen Unruhen habe die Regierung Entschädigungen gezahlt. Jedoch nicht in Raten, sondern bar auf die Hand. Das führte dazu, dass Eltern ihre Kinder im Stich ließen, um mit dem Geld ihr Glück im Ausland zu suchen. Andere hätten das Geld sofort in Luxusgüter investiert. Heute hat Petrosani eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent. Viele Kinder sind Waisen. Männer, die geblieben sind, finden keinen Job, ertränken ihren Frust im Alkohol, schlagen die Familie.

Anna Maria ist so ein Opfer. Immer wieder wurde sie vom Stiefvater missbraucht und brutal zusammengeschlagen. Die Liebe zur Mutter war zunächst stärker, doch irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und flüchtete gemeinsam mit ihrem Bruder. „Ich hatte keine Angst. Schlimmer konnte es kaum werden“, erzählt sie ganz ruhig. Anna Maria ist heute 17 Jahre alt, ihre Geschichte hat sie zum ersten Mal erzählt. Jetzt hat sie ein neues „Zuhause“ gefunden: das Nachtasyl.

Mit Kindern ist Veränderung möglich

„Anna Maria ist so dankbar. Sie kommt wirklich jeden Tag zu uns“, erzählt eine Betreuerin. Nora Dubyk ergänzt: „Die meisten unserer Projekte richten sich an Kinder. Es ist einfacher, Kinder noch zu verändern, als den Erwachsenen hier eine Perspektive zu geben.“ Im Nachtasyl finden etwa zehn Kinder einen Schlafplatz, bekommen Essen, werden medizinisch und pädagogisch betreut. Ausschlaggebend für die Unterstützung war ein Rumänienbesuch von Jutta Kirchen, Auslandsreferentin des Diözesan-Caritasverbandes. „Nora saß bei bitterer Kälte in einem verschimmelten Büro ohne Heizung und erzählte mir, was es bedeutet, in Petrosani leben zu müssen. Das hat mich nicht mehr losgelassen“, so Kirchen. Als dann, kaum nach Deutschland zurückgekehrt, Mitglieder der Not- und Katastrophenhilfe Heddert in ihr Büro kamen und fragten: „Wo können wir uns handwerklich einbringen?“, fackelte sie nicht lange. Heute ist nicht nur das Büro auf Vordermann gebracht, es entstanden eine tiefe Verbundenheit und Projekte mit Aussicht auf Langzeit-Erfolg. Schwerpunkt künftiger Caritas-Arbeit in der Diözese Alba Julia werden Projekte für Frauen sein in der Hoffnung, „dass Frauen in den Familien etwas ändern können.“ Sie sollen lernen, wie man einen Haushalt führt, wie man einen Angehörigen pflegt. Und, dass es eben nicht selbstverständlich ist, Opfer von Gewalt zu werden.

Auch am Nachtasyl wird weiter „gebaut“. „Diese Arbeit ist wirklich lebenswichtig. Es ist schwierig, für kranke Kinder Hilfe zu bekommen. Sie haben ja keine Identitätskarte, existieren im Grunde gar nicht. Und Geld haben sie ohnehin keines. Das sind dann lange Kämpfe mit den Medizinern, die ohne Zahlung untätig bleiben“, erzählt Nora Dubyk. Aber die Caritas-Leiterin resigniert nicht, freut sich an Erfolgen. „Ein Arzt unterstützt uns mittlerweile. Schön ist, dass alle Kinder aus dem Nachtasyl wieder zur Schule gehen. Wir sind sehr glücklich darüber.“ Die Kinder verstünden, wie wichtig es ist, zu lernen. „Die meisten sind gute Kinder“, weiß Nora Dubyk. „Das Leben hat sie zu dem gemacht, was sie sind.“